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FIFA-Präsident Gianni Infantino ließ nun doch den Garcia-Report veröffentlichen © Getty Images
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München - Die FIFA veröffentlicht einen Ermittlungsbericht, der schrille Details über die WM-Vergabe an Katar enthält - die Umstände werfen aber neue Fragen auf.

Ein Party-Flug an den Zuckerhut, Millionenzahlungen auf das Konto eines Kindes: Die FIFA hat auf die Veröffentlichung bislang geheim gehaltener Erkenntnisse reagiert und den Untersuchungsbericht des früheren FIFA-Chefermittlers Michael Garcia am Dienstag komplett freigegeben und online gestellt.

Die Bild-Zeitung hatte am Montagabend Details des Garcia-Reports veröffentlicht und weitere Berichte angekündigt und die FIFA damit anscheinend in Zugzwang gebracht.

Was immer die Motivation der neuen Offenheit der FIFA ist: Der künftige WM-Gastgeber Katar gerät durch den Report erneut unter Druck, wenngleich eher durch seine schrillen Details als durch juristisch verwertbare Neuigkeiten. 

Katar tritt Flucht nach vorn an

Die WM-Organisatoren haben bereits die Flucht nach vorn angetreten: In einer Erklärung wurde der Zeitpunkt der Publikation infrage gestellt - und auf die angespannte politische Lage verwiesen.

Mehrere Länder, darunter auch die Golf-Großmacht Saudi-Arabien, haben ihre diplomatischen Beziehungen und Verkehrsverbindungen zu Katar abgebrochen. Die Allianz wirft dem Emirat vor, Terror-Organisationen wie den sogenannten Islamischen Staat aktiv zu unterstützen.

Ansonsten versuchen die Katarer die Sache ins Positive zu wenden: "Wir glauben, dass durch den Ausbau unserer Kooperation im Zuge der Untersuchung und die gezogenen Rückschlüsse die Integrität unserer Bewerbung bestätigt worden ist", heißt es in dem Statement aus Doha.

FIFA-Präsident soll Veröffentlichung verlangt haben

Die neuen Vorsitzenden der Untersuchungskammer und der rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission, Maria Claudia Rojas und Vassilios Skouris, beschlossen die sofortige Veröffentlichung, teilte die FIFA auf SID-Anfrage mit. Damit rückt der mittlerweile geschasste Richter Hans-Joachim Eckert in ein neues Licht.

Der Münchner, der im Mai von seinem Amt als Chef-Ethiker entbunden worden war, hatte bei seiner Überprüfung des brisanten Dokuments, das die 2010 erfolgten Vergaben der WM-Endrunden 2018 (Russland) und 2022 (Katar) untersucht, keinerlei Anzeichen für eine Manipulation gefunden. Oder zumindest nicht so gravierende, dass eine Neuvergabe der Endrunde im Wüstenstaat nötig gewesen wäre. 

Laut FIFA hatte Präsident Gianni Infantino mehrmals die Veröffentlichung verlangt. Dies sei von Eckert und seinem Schweizer Chefermittler Cornel Borbely stets abgelehnt worden. Borbely war ebenso vom FIFA-Council nicht zur Wiederwahl zugelassen worden. 

Eckert widersprach am späten Abend der FIFA-Darstellung. "Abschließend gilt festzuhalten, dass sich Herr Infantino bis zum heutigen Tage nie wegen einer Veröffentlichung an uns gewandt hat", ließ er über seinen Sprecher verbreiten.

Nach Angaben des Weltverbandes sollte die Ethikkommission in der kommenden Woche erstmals unter neuem Vorsitz tagen und die Veröffentlichung des Berichts diskutieren. Weil der Report der Bild-Zeitung aber bereits vorlag, verlangten Rojas und Skouris die sofortige Veröffentlichung.

Millionen-Überweisung an Zehnjährige

Die im Bericht enthaltenen Indizien sind eindeutig, sie werfen einen weiteren Schatten auf die Endrunde 2022 in Katar. So sollen drei stimmberechtigte Mitglieder des damaligen FIFA-Exekutivkomitees in einem Privatjet des katarischen Verbandes QFA nach Rio de Janeiro geflogen worden sein, Nobelunterkunft und Sause inklusive.

Zudem landeten zwei Millionen Dollar auf dem Konto der zehnjährigen Tochter eines FIFA-Funktionärs. Ein anderer soll sich bei den Scheichs via Mail für eine Überweisung über mehrere Hunderttausend Dollar bedankt haben.

Garcia, dessen rund 400 Seiten starkes Schriftstück von der FIFA (aus rechtlichen Gründen) noch immer geheim gehalten wird, war nach der verharmlosenden Interpretation Eckerts verständlicherweise erzürnt. Er sah seine Erkenntnisse falsch bewertet, trat wenig später von seinem Amt als Boss der ermittelnden Kammer zurück und verschärfte mit seiner harschen Kritik damals die Glaubwürdigkeitskrise.

WM-Vergabe von Korruptionsvorwürfen begleitet

Überraschen dürften die Details wahrlich nicht, seit geraumer Zeit wird die WM-Vergabe von schweren Korruptionsvorwürfen begleitet.

Dass zudem die größtenteils ausländischen Arbeiter auf den WM-Baustellen noch immer massiv "ausgenutzt und ausgebeutet" werden, wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet hat, stellt die Qualifikation Katars als Gastgeber ebenso infrage.

All das sind für die FIFA jedoch (noch) keine Gründe, um dem Wüstenstaat - der zuletzt auch politisch unter Druck geraten ist - die Endrunde zu entziehen.

Ganz im Gegenteil: Der Weltverband erklärt, durch die WM auf eine Verbesserung der Situation zu setzen. "Wenn der Fußball einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, werde ich nicht zögern, meine Hilfe anzubieten", sagte Infantino zuletzt.

Wobei die neueste FIFA-Volte die Frage aufwirft, wie sehr der Weltverband den Golfstaat wirklich noch schützt - und ob es ihr nicht mittlerweile nur noch darum geht, selbst noch möglichst heil aus der Katar-Kontroverse herauszukommen.

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