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Cristiano Ronaldo im Trikot von Sporting Lissabon
Cristiano Ronaldo im Trikot von Sporting Lissabon © Imago
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Cristiano Ronaldo wäre vor seinem Wechsel zu Manchester United fast beim FC Liverpool gelandet. Die Protagonisten erinnern sich.

Es war der 13. August 2003 auf dem Trainingsgelände des FC Liverpool - Zeit fürs Mittagessen -, als dem damaligen Liverpool-Coach Gérard Houllier und dessen Co-Trainer Phil Thompson gleichzeitig der jeweilige Bissen im Halse Stecken blieb.

Grund dafür war die Nachricht in dem gelben Streifen im Fernseher, der bei Sky Sports die Breaking-Meldungen schmückte: "Manchester United verpflichtet Cristiano Ronaldo für 12,2 Millionen Pfund", war darin zu lesen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Houllier und Thompson davon ausgegangen, dass die Reds die besten Chancen auf eine Verpflichtung des vielversprechenden Talents aus Portugal hatte. "Ich konnte das gar nicht glauben", erinnerte sich Thompson mit 17 Jahren Abstand bei The Athletic.

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Warum also hatte sich Ronaldo also für die Red Devils entschieden? Die Protagonisten, die damals ihre Finger im Spiel hatten, erzählen alle interessante Geschichten. 

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"Für vier Millionen könnt ihr ihn haben" 

Eine dieser Storys hat Uniteds Trainer-Legende Sir Alex Ferguson nicht nur einmal zum Besten gegeben.

Er nennt ein Testspiel von Ronaldos Jugendklub Sporting Lissabon gegen die Red Devils - wenige Tage vor der Verpflichtung - als entscheidend. Dabei habe er noch in der Halbzeit in Manchester angerufen, um den Kaufbefehl für den damals 18-Jährigen zu erteilen.

Allerdings: Auch Thompson war zuvor bei einer Partie von Sporting anwesend und berichtet von guten Gesprächen mit dem Spieleragenten Tony Henry, der für Paul Stretford arbeitete - dem Berater von Ronaldo. Die Message laut Thompson: "Für vier Millionen Euro könnt ihr ihn haben." Thompson hatte nur das Problem, dass Houllier Ronaldo auch noch persönlich in Augenschein nehmen wollte. Hätte der Franzose darauf nicht bestanden, wäre alles vielleicht anders gekommen.

The Athletic behauptet zudem, dass ein weiterer Klub aus der Premier League schon vorher Tuchfühlung zu Ronaldo aufgenommen hatte: der FC Arsenal.

Ronaldo sei demnach bereits am 24. November 2002 nach London geflogen. Nicht nur, um Gespräche mit den Verantwortlichen der Gunners zu führen, sondern auch um die Voruntersuchungen eines Medizinchecks über sich ergehen zu lassen. 

United mit ausgeklügelter Strategie

Die Transfer-Strategie von United begann allerdings auch deutlich früher als an dem Tag des viel zitierten Testspiels. Im Sommer 2002 schloss der englische Traditionsklub wohl einen Pakt mit Sporting, der Ferguson einen Vorteil gegenüber der Konkurrenten verschaffen sollte. Es war die Idee von Carlos Queiroz, einem ehemaligen Manager von Sporting, der in die Arbeiterstadt Manchester gezogen war, um Fergusons Assistent zu werden. 

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Diese "strategische Partnerschaft" bestand allem Anschein nach darin, dass Ferguson einen Freifahrtschein hatte, die besten Nachwuchsspieler von Sporting abzuwerben. 

"Wir wollten nahe bei Sporting sein, weil sie viele gute Spieler hervorbrachten, wie der portugiesische Fußball insgesamt", verriet Uniteds damaliger Geschäftsführer Peter Kenyon The Athletic in einem seltenen Interview: "Wir hatten Carlos, also hatten wir einen guten Einblick in das Fußballtalent in Portugal. Es war eine Gelegenheit, uns gegenseitig kennen zu lernen und gemeinsam Geschäfte zu machen, aber es war nicht speziell wegen Cristiano."

Der Engländer gibt zu, dass ManUnited längst nicht der einzige Top-Klub war, der hinter Ronaldo her war: "Ich würde gerne glauben, dass wir so weit voraus waren, dass wir die Einzigen waren, die ihn entdeckt hatten, aber er war bereits DAS aufstrebende Talent Europas. Wir wussten, dass wir in starker Konkurrenz standen."

"Cristiano stand in Flammen"

Die Partnerschaft führte aber definitiv dazu, dass Ferguson am 6. August 2003 mit den Sporting-Verantwortlichen José Bettencourt und Miguel Ribeiro Telles im Golfresort Quinta da Marinha in der kleinen Küstenstadt Cascais - westlich von Lissabon - zu Abend aß. 

Während des Essens traf auch noch Jorge Mendes ein, damals noch ein gewöhnlicher Berater und noch nicht als Super-Agent bekannt. Eine recht beeindruckende Persönlichkeit sei der ehemalige Nachtklubbesitzer aber schon damals gewesen sein. 

Nach dem Dinner trafen sich Mendes und Ferguson noch zu einer zweistündigen Unterredung, die schließlich mit einem echten Gentleman's Agreement endete. Ferguson muss sehr überzeugend gewesen sein: Er sah, so heißt es, Mendes in die Augen und sagte ihm, was er hören wollte. "Wir werden uns um ihn kümmern." Die beiden einigten sich auf einen Fünfjahresvertrag bei United, Ronaldo sollte zuvor aber für ein Jahr auf Leihbasis bei Sporting bleiben. 

Am folgenden Abend spielte United dann gegen Sporting. Kenyon beschrieb die Partie viele Jahre später folgendermaßen: "Cristiano stand in dieser Nacht in Flammen. Er zeigte uns, wer er war. Das beschleunigte alles."

In der Halbzeit tätigte Ferguson dann eben jenen Anruf, von dem er schon das ein oder andere Mal berichtete.

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