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Der Terminplan im Profifußball ist derzeit so straff wie noch nie. Einige Spieler und Trainer gehen daher auf die Barrikaden. Es stellt sich die Frage: Ändert sich etwas?

Es ist rund 15 Monate her, da sagte Jürgen Klopp einen Satz, der derzeit wohl so aktuell ist, wie er es nicht einmal vor 15 Monaten war: "Wenn wir nicht lernen, besser mit unseren Spielern umzugehen, töten wir dieses wunderschöne Spiel." 

Durch die Pause nach der aufkommenden Corona-Pandemie ist das Programm im Profifußball so straff wie nie zuvor. Daher haben nun einige Trainer ähnliche Töne angeschlagen. Im Fall von Thomas Tuchel sogar sehr ähnliche. "Wir werden die Spieler töten. Spieler können sich nicht erholen und auf das nächste Spiel vorbereiten", sagte der deutsche Trainer von Paris Saint-Germain Ende Oktober. 

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"Der Terminkalender ist zu voll, die Folgen müssen die Spieler tragen. Die Gesundheit ist das Allerwichtigste, und das ist im Moment nicht gegeben", meint auch Bundestrainer Joachim Löw. 

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Doch ist die Gesundheit der Profifußballer tatsächlich gefährdet - oder anders gefragt: Verheizt der Fußball seine Stars?

Lovren wütet auf Twitter

Fakt ist, dass sich die Verletzungen derzeit häufen. Klopp kann davon ein Lied singen, dem Coach des FC Liverpool gehen die Innenverteidiger aus. Nach Virgil van Dijk - der einen Kreuzbandriss erlitt - hat sich mit Joe Gomez nun dessen Kollege im Abwehrzentrum eine schwere Knieverletzung zugezogen. Auch Alex Oxlade-Chamberlain, Thiago, Trent Alexander-Arnold und Fabinho fehlen den Reds noch verletzt. 

Der englische Meister führt die Verletzungs-Tabelle der Premier League in dieser Saison an - mit 14 Verletzungen. Allein ist Liverpool mit diesem Problem allerdings nicht. In allen Top-Ligen Europas mehren sich die Verletzungssorgen der Klubs. 

In der Premier League haben sich die Häufigkeit der Verletzungen zu dieser Zeit der Saison um 16 Prozent erhöht, wenn man diese mit den letzten vier Spielzeiten vergleicht. Kein Zufall - glaubt der ehemalige Liverpool-Profi Dejan Lovren. 

"Die Leute fragen sich, warum es so viele Verletzungen gibt, das ist einfach", schrieb der Kroate in einem wütenden Twitter-Post: "Zu viele Spiele, unmöglich zu erholen, wenn man weiß, dass dieses Jahr ein seltsames Jahr ist (Covid). Keine richtige Freizeit (ich persönlich hatte nur 8 Tage frei), keine richtige Vorsaison und dann dieser verrückte Zeitplan!"

FC Bayern mit acht Spielen in 22 Tage

Auch der FC Bayern bekam das heftige Programm zuletzt zu spüren. Vom 15. Oktober bis zum 7. November absolvierte der Triple-Sieger acht Spiele in 22 Tagen. Mit Joshua Kimmich und Alphonso Davies zogen sich zwei wichtige Spieler langwierige Verletzungen zu. Diese sind in diesem Fall wohl nicht direkt auf die hohe Belastung zurückzuführen, eine Folge des Programms können viele Verletzungen aber durchaus darstellen. 

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 "Wenn man nach einem intensiven Spiel wieder vollständig – in allen psycho-physischen Komponenten - regeneriert sein möchte, braucht der Körper eine Woche", erklärte Sportmediziner Prof. Dr. Hans-Georg Predel - Leiter des Instituts Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule Köln - jüngst der ARD. Der Trend geht bei den meisten Top-Teams allerdings eher in Richtung alle drei Tage ein Spiel. 

"Wenn dieses Belastungsniveau permanent an die Belastungsgrenzen heranführt oder sogar die Grenze überschritten wird, dann erhöhen sich die gesundheitlichen Risiken, unter anderem das Risiko für Verletzungen", führte Predel aus und stellte klar, dass er "einer derjenigen" sei, die sagen, dass es "zu viel wird". 

Das glauben auch viele Spieler. Ein Beispiel: Robert Lewandowski - der eine Auswechslung vor einigen Monaten noch als Majestätsbeleidung angesehen hat - spricht mit Bayern-Coach Hansi Flick mittlerweile offen über Pausen und Schonzeiten. 

Kroos: "Marionetten von FIFA und UEFA"

Nicht nur Experten wie Predel fragen sich, wie lange das heftige Programm noch gut geht, ohne dass ein zu hohes gesundheitliches Risiko besteht, oder die Spieler selbst auf die Barrikaden gehen. 

Gare Lewin, Ex-Physio des FC Arsenal, hat wenig Hoffnung auf Besserung. "Es gibt keine richtige Pause. Die nächsten drei Jahre werden sehr interessant sein", sagte er SunSport und führte aus: "Es müssen Fragen gestellt werden. Haben wir als Branche eine Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeitern, den Spielern?"

Tatsächlich steht im kommenden Sommer die Europameisterschaft an und im Winter 2022 die Weltmeisterschaft in Katar. Hinzukommen Wettbewerbe wie die Klub-WM. Da scheint es unrealistisch, dass sich die Spielpläne der Klubs bald entspannen.

"Am Ende der Tage sind wir bei diesen ganzen zusätzlichen Sachen, die erfunden werden, als Spieler nur die Marionetten von FIFA und UEFA. Da wird ja keiner gefragt", beschrieb Toni Kroos die Situation zuletzt in seinem Podcast Einfach mal Luppen

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Wenn es eine Spielergewerkschaft, die in der Lage wäre, in solchen Dingen zu entscheiden, "dann würden wir weder Nations League spielen noch einen spanischen Supercup in Saudi-Arabien oder eine Klub-WM mit 20 oder mehr Mannschaften", sagte Kroos. Diese Turniere würden geplant, "um finanziell alles rauszusaugen, natürlich auch körperlich alles rauszusaugen aus jedem einzelnen Spieler – und darüber hinaus", meint Kroos. 

"Toni Kroos hat recht, und viele andere Manager sagten immer und immer wieder dasselbe, aber niemand hört zu", springt Lovren dem deutschen Nationalspieler zur Seite: "Leute, die den Spielplan schreiben und entscheiden, sollten über dieses Thema nachdenken."

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