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Giampaolo Pozzo (m.) mit seinem Sohn Gino (l.)
Giampaolo Pozzo (m.) mit seinem Sohn Gino (l.) © Getty Images
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Die Familie Pozzo besaß zeitweise drei Klubs in drei europäischen Top-Ligen. Jetzt sind es noch zwei - die beide von dem einzigartigen System der Pozzos profitieren.

Kurz bevor das Transferfenster im Sommer geschlossen hat, wechselte Gerard Deulofeu vom FC Watford zu Udinese Calcio. Soweit, so normal - gerade die letzten Tage sind auf dem Transfermarkt bekanntlich turbulent. Doch wenn man genauer hinsieht, dann handelt es sich um alles andere, als einen gewöhnlichen Transfer. 

Es war der 52. Transfer zwischen dem FC Watford und Udinese Calcio in den letzten zehn Jahren. Eine unheimliche Zahl, die einen Grund hat - und auch Kritik hervorruft. 

Der Wechsel von Deulofeu hat wenig mit der klimatischen Verbesserung zu tun, die der Spanier durch den Wechsel nach Udine zweifellos realisiert. Denn dass Deulofeu ausgerechnet in die italienische Provinz geht, ist kein Zufall, sondern hat mit der Familie Pozzo zu tun. 

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Vom Unternehmer zum Klub-Besitzer

Die Geschichte des Pozzo-Imperiums beginnt in Italien. Am 21. Mai 1941 erblickte Giampaolo Pozzo in Udine das Licht der Welt. Sein Vater war ein erfolgreicher Unternehmer, von ihm erbte er das Werkzeugunternehmen Freud. 2008 verkaufte Pozzo die Firma an die deutsche Robert Bosch GmbH - zu dieser Zeit war er allerdings längst im Fußball-Geschäft angekommen. 

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Im Juli 1986 hatte Pozzo Udinese Calcio gekauft und sich damit einen Kindheitstraum erfüllt. Das tat er aber nicht "um mich ins Rampenlicht zu stellen, wie Berlusconi", sagte der heute 79-Jährige einmal. Das tat er auch nie - es war nie etwas von einem exzentrischen Eigentümer zu sehen, wie sie so oft in der Welt des Profisports zu finden sind.

Stattdessen baute Pozzo Udinese wieder auf, nachdem der Klub in einen Wettskandal verwickelt war und in die zweite Liga absteigen musste. Seit 1995 spielt der Verein aus Friaul durchgehend in der Serie A und auch international war er seitdem oftmals vertreten: Zehn Mal nahm Udinese an der Europa League (beziehungsweise dem UEFA-Pokal) teil und startete 2005 sogar in der Champions League. 

Nachdem Pozzo sein Unternehmen verkauft hatte war, noch mehr Zeit für Fußball. Also kaufte er 2009 den FC Granada und 2011 den FC Watford. Das Pozzo-Imperium war perfekt.

Das System Pozzo

Mittlerweile wohnt die Familie Pozzo nahe London. Sohn Gino ist für den FC Watford zuständig, der FC Granada wurde 2016 an einen chinesischen Investor verkauft. Allerdings nicht, bevor der spanischen Klub unter den Pozzos aus der dritten Liga bis in La Liga durchmarschierte. In den beiden Aufstiegssaisons wechselten insgesamt vier­zehn Spieler von Udi­nese zu Gra­nada.

In diesem Jahr spielt Granada sogar zum ersten Mal in der Europa League - mit Sicherheit ein Folgeerscheinung des Pozzo-Systems.

Und das ist ein in dieser Art einzigartiges System: Die Pozzo-Klubs gaben sich auf dem Transfermarkt immer so ruhig, wie ihre Eigentümer in der Öffentlichkeit. Deals wurden vor allem zwischen den Klubs getätigt, je nachdem, wo welcher Spieler gerade am besten hinpasste. 

Mittlerweile haben sich die Deals auf Watford und Udinese beschränkt, die eigentliche Idee ist aber die selbe geblieben: Statt teurer Transfers beschäftigt das Pozzo-Unternehmen eine ganze Armee an Scouts, die in den letzten Jahren ein riesiges Netzwerk aufgebaut haben. Kaum ein Jugendturnier findet mehr statt, ohne dass ein Scout der Pozzos auf den Rasen blickt. 

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Junge Spieler werden für wenig Geld geholt und dann wird geguckt, ob diese sich bei Udinese direkt durchsetzen können. Falls das nicht der Fall ist, werden sie verliehen. In der vergangenen Spielzeit hatte Udinese unglaubliche 22 Akteure auf seiner Leih-Liste. Dagegen zieht sogar die berüchtigte "Loan-Army" des FC Chelsea den Kürzeren (18 Spieler in der letzten Saison). 

Durch das ausgeklügelte System werden also Talente geparkt und verschoben, sowie teuer verkauft, wenn sie den Durchbruch geschafft haben. Im Fall von Deulofeu sieht der Sinn wie folgt aus: Watford ist in der letzten Saison in die zweitklassige Championship abgestiegen - bei Udinese kann der frühere Spieler des FC Barcelona nun trotzdem in einer europäischen Top-Liga spielen. 

Die Frage nach der Wettbewerbsverzerrung

Wegen dieses Systems der Pozzos wurden immer wieder Rufe laut, die dem Imperium Wettbewerbsverzerrung vorwerfen. 

Tatsächlich sind solche Mehrfachbeteiligungen in nationalen Ligen untersagt - so auch in der Bundesliga. Allerdings nicht in internationalen wie das Beispiel Pozzo, aber auch der Red-Bull-Konzern zeigt. 

Auch die UEFA geht gegen Eigentümer oder Unternehmen vor, die mehr als einen Klub in ihren Wettbewerben stellen. Auch hier kann das Beispiel Red Bull zur Rate gezogen werden. Die UEFA-Statuten führten zur Ausgliederung der Profiabteilung von RasenBallsport Leipzig und außerdem dem Rückzug von Red Bull in der Rolle des allgegenwertigen Sponsors des Teams aus Salzburg. 

Das Pozzo-Imperium muss ein derartiges Szenario derzeit wohl nicht fürchten. Giampaolo Pozzo besitzt Udinese Calcio und Gino Pozzo gehört Watford. Dabei sollte es wenig rechtliche Handhabe geben. 

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