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Das Derbi Madrileno elektrisiert seit mehr als 100 Jahren die Fans
Das Derbi Madrileno elektrisiert seit mehr als 100 Jahren die Fans © Getty Images
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Die Rivalität zwischen Atletico und Real zieht seine Brisanz nicht nur aus dem Sportlichen. SPORT1 beleuchtet die Hintergründe des Madrider Stadtderbys.

Neben dem Clasico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid ist das Derbi Madrileno (zu deutsch: Madrid-Derby) das aufsehenerregendste Spiel in der spanischen La Liga.

Das Stadtduell zwischen Atletico und Real Madrid ist mehr als nur ein sportliches Kräftemessen zweier Top-Klubs – es galt ursprünglich als Klassenkampf zwischen Arm und Reich.

SPORT1 beleuchtet eine Rivalität, die die Massen weit über die Stadtgrenzen Madrids hinaus elektrisiert.

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Rivalität seit über 100 Jahren

Das Derbi Madrileno wurde am 2. Dezember 1906 zum ersten Mal ausgetragen. In seiner über 100-jährigen Geschichte kam es immer wieder zu hitzigen Duellen. Real Madrid ist mit 33 Meistertiteln der erfolgreichste Klub Spaniens, aber auch Atletico konnte bereits zehn Meisterschaften bejubeln. Aber nicht nur in der heimischen Liga trafen die beiden wichtigsten Klubs der spanischen Hauptstadt regelmäßig aufeinander, auch im Europapokal kreuzten sie mehrfach die Klingen.

Das Derbi Madrileno war allerdings schon immer mehr als nur ein rein sportliches Duell. Die Begegnung zwischen den prestigeträchtigsten Klubs Madrids spaltete seit jeher die Stadt und steht sinnbildlich für den Klassenkampf zwischen Arm und Reich.

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Atletico - los Rojiblancos

Atletico Madrid, in Anlehnung an die Vereinsfarben auch Rojiblancos (die Rot-Weißen) genannt, hat seine Wurzeln im ärmeren, südlichen Teil der Madrider Innenstadt. Hier, am Ufer des kleinen Flusses Manzanares, trug Atletico mehr als 50 Jahre lang - von 1966 bis 2017 - seine Heimspiele aus. Das altehrwürdige Estadio Vicente Calderon repräsentierte auf treffende Weise die Identität des Klubs: dreiviertel der Plätze unüberdacht, keine hochmoderne Stadiontechnik und kaum ein Tourist, der sich auf die kargen Tribünen verirrte – das Stadion eines klassischen Arbeitervereins.

Die Colchoneros, die Matratzenmacher, wie die Anhänger Atleticos genannt werden, stammten ursprünglich aus der gutbürgerlichen Schicht und bildeten so einen Gegenpart zum wohlhabenden Real. Sie gelten bis heute als lauteste und leidenschaftlichste Fans Spaniens. Der Begriff Colchoneros geht auf die rot-weißen Trikotstreifen Atleticos zurück, die in Muster und Farbe an die typischen Matratzen aus der Zeit der Franco-Diktatur erinnern.

Atletico trägt seine Heimspiele seit der Saison 2017/18 in seinem neuen Stadion aus. Auch wenn das Wanda Metropolitano, ein hochmoderner Fußballtempel am Stadtrand Madrids nicht mehr wirklich darauf schließen lässt, die Rojiblancos bleiben auch weiterhin der Verein der Arbeiterklasse.

Real Madrid - die Königlichen

Nördlich der Madrider Innenstadt ist der Stadtrivale beheimatet. Im teuren Viertel Chamartin stehen Botschaften, Banken und Bürotürme – und auch das Santiago Bernabeu. Um das Stadion von Real tummeln sich täglich unzählige Touristen. Die Atmosphäre in diesem Fußballtempel ist eine andere als beim Lokalrivalen Atletico. Das Publikum ist verwöhnt, weniger als ein Sieg ist nicht akzeptabel.

Der Anspruch der Königlichen, wie der Klub aufgrund des Namenszusatz Real (spanisch für königlich) genannt wird, ist nicht nur die Vorherrschaft in der Stadt, sondern auch in Spanien und der ganzen Fußball-Welt. Das Image des reichen, schillernden Klubs wird bei Real Madrid ganz bewusst gepflegt. Ein wichtiges Element der Außendarstellung ist seit jeher auch die edle, weiße Spielkleidung, in der Real seit seiner Gründung aufläuft. Aufgrund der Trikotfarbe ist der Klub auch unter dem Synonym Blancos (die Weißen) bekannt.

Der dreizehnmalige Champions-League-Sieger stieg zum erfolgreichsten und glamourösten Klub der Welt auf, während Atletico in der kollektiven Wahrnehmung immer der Verein des kleinen Volkes blieb – dabei feierten auch die Rojiblancos bereits zahlreiche nationale und internationale Titel und gehören wie Real zu den absoluten Spitzenvereinen Europas. Aus dem Klassenkampf um die Vormachtstellung in Madrid ist ein sportliches Kräftemessen auf höchstem europäischen Niveau geworden.

1959: Stadtderby im Europapokal der Landesmeister

In der langen Geschichte des Derbi Madrilenos waren die Rollen in der Regel klar verteilt – der spanische Rekordmeister Real Madrid dominierte, der Stadtrivale Atletico musste sich mit der Rolle des Underdogs begnügen. So verhielt es sich auch 1959 als die beiden Klubs im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister aufeinandertrafen.

Es war das erste Stadtderby in der Geschichte des Wettbewerbs. Die Königlichen hatten den Europapokal zuvor drei Jahre in Folge gewonnen, sahen sich gegen den Außenseiter aber am Rande einer Niederlage. Hätte es damals die Auswärtstorregel bereits gegeben, wäre Real nach Hin- und Rückspiel ausgeschieden – doch so setzten sich die Blancos in einer dritten Entscheidungspartie mit 2:1 durch.

Auch in der jüngeren Vergangenheit trafen die beiden Madrider Klubs im Kampf um die europäische Krone aufeinander. Sowohl 2014 als auch 2016 kam es im Endspiel der Champions League zum Derbi Madrileno – beide Male triumphierte Real, Atletico blieb wie so oft nur der ungeliebte zweite Platz.

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Das wichtigste Spiel des Jahres

Trotz seiner großen Geschichte steht das Derbi Madrileno in der internationalen Wahrnehmung oft im Schatten des Clasico zwischen Real und Barca. In Madrid elektrisiert das Duell Jahr für Jahr die Massen wie keine andere Partie. „Zu meiner Zeit war Atletico der große Rivale. Wir mussten gegen sie gewinnen, denn sie waren die Nachbarn“, sagte Real-Legende Alfredo di Stefano einst. „Gegen den Nachbarn zu verlieren, bedeutete, am nächsten Tag überall dem Spott ausgesetzt zu sein – im Büro, in der Bar und auf der Straße.“

Auch Atletico-Ikone Adelardo Rodriguez betonte den Stellenwert der Begegnung: „Das erste was wir nach Bekanntgabe des Spielplans gemacht haben, war nachzugucken, wann wir gegen Real spielen mussten. Es gibt Leute, die auf die Meisterschaft verzichten würden, nur um dafür das Derbi Madrileno zu gewinnen.“

Diese emotionale Brisanz und seine historische Bedeutung machen das Derbi Madrileno zu dem, was es bis heute für viele Spanier ist: das wichtigste Spiel des Jahres.

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