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München - Beim FC Barcelona eskaliert ein schwelender Konflikt in der Führungsriege um Präsident Josep Bartomeu. Es geht um Geld - und eine bizarre Social-Media-Affäre.

Von einem "Bürgerkrieg" war auf dem Titelblatt der spanischen Sport am Samstag die Rede.

Die ebenfalls dem FC Barcelona nahe stehende Mundo Deportivo titelte: "Rousaud setzt Barca in Brand". Und für die AS steht Real Madrids Erzrivale "in Flammen".

In der Coronakrise wachsen bei vielen Klubs die Sorgen und Nöte. Beim FC Barcelona eskaliert dieser Tage ein länger schwelender Konflikt im Vorstand um Präsident Josep Bartomeu - und stürzt die Katalanen zusätzlich ins Chaos.

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Neben der wachsenden Kritik am Führungsstil Bartomeus geht es dabei vor allem um die Aufarbeitung der als "Barcagate" bekannt gewordenen Social-Media-Affäre und nicht zuletzt um das zähe Ringen um einen Gehaltsverzicht des Starensembles um Lionel Messi.

Barca-Vorstandsmitglieder treten zurück

Am Donnerstagabend hatten sechs Vereinsdirektoren um die beiden Vizepräsidenten Emili Rousaud und Enrique Tombas mit ihrer Rücktrittserklärung einen neuen Brandherd entzündet, der sich - um im Bild der spanischen Presse zu bleiben - mittlerweile zu einem Flächenbrand innerhalb des FC Barcelona ausgebreitet hat.

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Bartomeu hatte diesen Schritt in gewisser Weise provoziert, schließlich soll er laut der katalanischen Tageszeitung La Vanguardia zuvor die Vorstandsmitglieder Rousaud, Tombas, Silvio Elías und Josep Pont zu Rücktritten gedrängt haben. Damit er seine bis 2021 laufende Amtszeit mit loyalen Personen fortsetzen könne. Dem Quartett schlossen sich Jordi Calsamiglia und Maria Teixidor an.

Insbesondere der Rücktritt der Vorstandssekretärin Teixidor, die als aufstrebende Person innerhalb der Führungsriege galt, soll laut Sport Bartomeu überrascht haben.

Wirbel um "Barcagate"

Zwar ist der 19-köpfige Vorstand erst ab Rücktritten von zwei Dritteln seiner Mitglieder, beziehungsweise beim Verbleib von weniger als fünf Personen de facto aufgelöst. Doch auch so erhöht sich der Druck auf Bartomeu, der die seitens des zurückgetretenen Sextetts geforderten Neuwahlen möglichst vermeiden will.

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In ihrer Rücktrittserklärung führten die Vorstände die mangelhafte Aufarbeitung des "Barcagate" an. Bartomeu soll das Unternehmen "I3 Ventura" für eine Millionensumme beauftragt haben, ehemalige und aktuelle Vereinsmitarbeiter, darunter Superstar Messi und Ex-Coach Pep Guardiola, gezielt in den Sozialen Medien zu diffamieren, um die Vereinsführung in der Öffentlichkeit zu stärken.

Rousaud äußerte im Zusammenhang mit "Barcagate" Korruptionsvorwürfe. Irgendjemand habe "in die Kasse gegriffen", erklärte Rousaud in einem Radio-Interview mit RAC1, ohne jedoch Namen zu nennen.

Der Klub drohte unterdessen mit juristischen Konsequenzen. "Angesichts der schweren und unbegründeten Anschuldigungen bestreitet der FC Barcelona kategorisch jede Handlung, die als Korruption bezeichnet werden könnte. Der Verein behält sich das Recht vor, die notwendigen rechtlichen Schritte einzuleiten", hieß es in einem Statement.

Rousaud regierte gelassen. "Das bedeutet nichts", sagte er bei Radio Catalunya. "Was ich gesagt habe, ist eine fundierte Meinung. Ich habe Beweise." Er fügte hinzu, dass die Drohung des Klubs inkonsequent sei und nicht umgesetzt werde.

Zoff um Gehaltsverzicht

Auch die Dissonanzen im Umgang des Klubs mit der Coronakrise führte das Vorstands-Sextett in seiner Rücktrittserklärung auf. So hatten die zähen Verhandlungen mit den Profis um einen Verzicht von 70 Prozent ihres Gehalts hohe Wellen geschlagen.

Lionel Messi und seine Teamkollegen fühlten sich unter Druck gesetzt. Er zeigte sich in einem Statement "schwer überrascht, dass es innerhalb des Vereins jemanden gibt, der uns in den Fokus rückt und versucht, uns unter Druck zu setzen, damit wir etwas tun, von dem uns immer klar war, dass wir es machen würden". Die Spieler seien bestrebt, Lösungen zu finden, "die dem Klub, aber auch denen, denen die Krise am meisten zusetzt, wirklich helfen".

Laut Präsident Bartomeu spart der Klub durch den Gehaltsverzicht der Stars im Monat 14 Millionen Euro ein.

Werben um Neymar widerspricht Sparmaßnahmen

Diese Sparmaßnahmen stehen im Gegensatz zum aktiven Werben um eine sicherlich kostspielige Rückkehr von Neymar, den insbesondere Bartomeu gerne wieder im Trikot der Blaugrana sehen würde.

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Doch auch ohne die Coronakrise war die finanzielle Situation der Katalanen durchaus angespannt. Bei der Verpflichtung von Antoine Griezmann ging Barca im vergangenen Sommer bis an die Schmerzgrenze. Ohne ein Darlehen in Höhe von 35 Millionen Euro sei der 120-Millionen-Euro-Deal nicht möglich gewesen, erklärte Bartomeu damals.

Die für das Geschäftsjahr 2018/19 präsentierten Zahlen wiesen zwar einen Rekordumsatz von 990 Millionen Euro aus. Mit Blick auf die Ausgaben in Höhe von 973 Millionen Euro und abzüglich der Steuern blieb allerdings nur ein Netto-Gewinn von 4,5 Millionen Euro.

Investiert wurde zuletzt vor allem in den Kader. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat Barca über 777 Millionen Euro für Neuzugänge ausgegeben. Auch in der Hoffnung, dass sich Bartomeus Traum vom erneuten Gewinn der Champions League, wie in der Triple-Saison 2014/15 zu Beginn seiner Amtszeit, erfüllt.

Doch bevor sich der FC Barcelona solchen Träumereien hingibt, müssen der Klub und allen voran Bartomeu den Flächenbrand des aktuellen Chaos löschen.

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