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Julian Gressel hat sich bei Atlanta United zum Leistungsträger gemausert © Picture Alliance
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München - Julian Gressel steht mit Atlanta United in den MLS-Conference-Finals. Bei SPORT1 spricht der Deutsche über Titelchancen, die Bundesliga und Ibrahimovic.

Gresselmania runs wild! Julian Gressel greift in den USA nach der Fußballkrone.

Der deutsche Mittelfeldspieler hat geschafft, was Zlatan Ibrahimovic, Wayne Rooney oder Bastian Schweinsteiger verwehrt blieb. Nach einer starken Saison in der Major League Soccer steht er mit Atlanta United vor dem Einzug in den MLS Cup. (Service: MLS-Spielplan)

Der 24-Jährige verpasste in diesem Jahr nur ein Spiel, stand sonst meist die vollen 90 Minuten auf dem Rasen. Mit vier Treffer und zwölf Torvorlagen hat er großen Anteil am Erfolg des Südstaaten-Teams, das die reguläre Saison mit der zweitbesten Punkte-Ausbeute beendete. (Service: MLS-Tabellen)

Im exklusiven SPORT1-Interview verrät Gressel, warum in den anstehenden Conference Finals mehrere Hühnchen zu rupfen sind. Außerdem spricht er über seine wachsende Popularität, den Traum von der Bundesliga und die Altstars der US-amerikanischen Profiliga.

Julian Gressel: Einige Hühnchen mit New York zu rupfen

SPORT1: Julian, am Sonntag (23 Uhr) steht das Hinspiel im Conference Final an. Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Julian Gressel: Super! Wir hatten am Ende der regulären Saison einen kleinen Niederschlag, als wir am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielt hatten. Aber jetzt sind wir wieder oben auf. Wir fühlen uns gut, die Stimmung ist gut. Wir sind eine von vier Mannschaften in den USA, die in diesem Jahr noch Fußball spielen dürfen. Darauf sind wir stolz, jetzt wollen wir aber auch weiterkommen. Das Finale zuhause zu spielen, das wäre riesig.

SPORT1: Gegner im Halbfinale der MLS-Playoffs sind die New York Red Bulls. Ein besonderes Duell, oder?

Gressel: Wir haben einige Hühnchen mit den New York Red Bulls zu rupfen, ja. Unser allererstes Spiel als Atlanta United hatten wir damals zuhause gegen sie verloren, überhaupt haben wir meist gegen sie nicht so gut ausgesehen, und jetzt haben sie uns das Supporters' Shield weggeschnappt. Das wollen wir jetzt geraderücken und alles daransetzen, dass wir dieses Mal auf der siegreichen Seite sind.

SPORT1: Was macht dich zuversichtlich, dass ihr sie in zwei Spielen schlagen könnt?

Gressel: Wir sind eine andere Mannschaft als noch in der regulären Saison. Das Red-Bull-Team spielt sehr intensiv, mit hohem Pressing, und lieber gegen Mannschaften, die schön von hinten raus spielen wollen. So eine Mannschaft sind wir eben grundsätzlich, aber in den Playoffs haben wir unser Gesicht ein wenig geändert. Wir spielen auch mal längere Bälle, gehen auf die zweiten Bälle. Das wird die New York Red Bulls vor Herausforderungen stellen.

SPORT1: Ist das Duell Atlanta gegen New York ein vorgezogenes Endspiel?

Gressel: Ich glaube schon. Natürlich muss man auch im Finale erstmal noch 90 Minuten spielen und der Gewinn des MLS Cups ist nicht gegeben, aber beide Mannschaften haben in dieser Saison über 34 Spiele hinweg gezeigt, dass sie die besten sind.

Die Bundesliga "wäre schon ein Traum"

SPORT1: In Europa gibt es keine Playoffs im Fußball. Aus hiesiger Sicht erscheint diese Zweiteilung der MLS-Saison eher fremd: Der Erste der regulären Saison erhält den Supporter's Shield, der Sieger der Playoffs gewinnt den MLS Cup. Was davon ist denn bedeutender?

Gressel: Unter den Spielern hat der Supporter's Shield schon ein sehr gutes Standing, weil man 34 Spieltage lang die beste Mannschaft war. Ein MLS-Cup-Gewinn hat aber für die Fans, den Verein und auch die Medien eine größere Bedeutung. Und auch als Spieler ist das natürlich eine sehr coole Sache. Ich denke, der MLS Cup ist etwas bedeutender. Der Hauptpreis, sozusagen.

SPORT1: Wie hat sich deine Rolle im United-Team in dieser Saison verändert?

Gressel: Ich glaube, ich bin dieses Jahr ein Leistungsträger geworden. Ich habe viele verschiedene Positionen gespielt. Der Trainer hat riesiges Vertrauen in mich, was ich hoffentlich zurückgezahlt habe und noch weiter zurückzahlen werde. Ich denke, ich bin auf vielen Positionen einsetzbar und bringe dort konstant meine Leistung, ohne viele Fehler zu machen. Und ich versuche, mich offensiv zu beteiligen. Wir haben spezielle Spieler vorne drin mit richtig vielen Qualitäten. Ich denke, ich ergänze die ganz gut.

SPORT1: Hast du selbst eine Lieblingsposition?

Gressel: Auf der rechten Seite. In unserem 3-5-2 habe ich oft auf der rechten Seite gespielt, als Rechtsverteidiger oder rechter Flügelspieler. Dort bin ich derzeit am stärksten, dank meines Passspiels und meiner Flanken. Über diese Seite hatte ich dieses Jahr viele Assists. Ich denke, dort kann ich meine Qualitäten am besten einbringen.

SPORT1: Ein Spieler, der nicht nur bei Atlanta heraussticht, sondern auch in der MLS insgesamt, ist Josef Martinez. 31 Tore in der regulären Saison. Was zeichnet ihn aus?

Gressel: Der Josef ist ein richtig cooler Typ. Er spricht auch ein bisschen Deutsch, weil er in der Schweiz gespielt hat. Das macht das Verhältnis zwischen ihm und mir ganz interessant. Als Spieler will er unbedingt gewinnen, unbedingt Tore machen. Er ist regelrecht gierig auf alles. Auf Trophäen, auf Siege. Das sieht man bei ihm jeden Tag auf dem Platz.

SPORT1: Bleibt er Atlanta weiterhin erhalten? Er wird sicher einige Interessenten haben …

Gressel: Ich weiß nicht, ob er in Atlanta bleibt. Falls ich hierbleiben sollte, hoffe ich natürlich, dass er auch dableibt. Weil wir uns gut verstehen, und weil er Tore ohne Ende macht.

SPORT1: Du sagst "falls" - wie ist denn da der Stand? Wie planst du?

Gressel: Der Verein hat noch eine Option für ein weiteres Jahr und die wird er ziehen, denke ich. Der Stand ist also, dass ich noch insgesamt zwei Jahre hierbleibe. Aber klar ist auch: Die Bundesliga oder allgemein Europa sind natürlich schon interessant. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe jede Woche die Bundesliga verfolgt. Irgendwann mal dort aufzulaufen, wäre schon ein Traum. Ich war jetzt auch so lange von meiner Familie weg, da wäre es schon eine Riesensache, wenn ich wieder nach Hause kommen könnte.

SPORT1: Gibt es Kontakt zu deutschen oder europäischen Klubs?

Gressel: Konkrete Sachen habe ich nicht gehört. Ich weiß, dass mich ein paar Vereine beobachten. Aber mehr ist es noch nicht.

SPORT1: Gilt für dich die Devise "Bundesliga oder Atlanta"? Oder wäre auch ein Wechsel in eine andere europäische Liga eine Option?

Gressel: Ich bin da ziemlich offen. Mich würde Europa allgemein sehr interessieren. Ich würde mir da definitiv gerne alles anhören, egal von wo es kommt. Und mir dann aber auch die Entscheidung gut überlegen, denn es ist nicht so, dass ich hier unbedingt weg muss. Ich bin hier richtig glücklich. Atlanta ist eine Riesenstadt, die Fans sind super, die Mannschaft ist klasse.

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SPORT1: Atlanta United hat den mit Abstand höchsten Zuschauerschnitt in der MLS. Ist durch die erfolgreiche Saison ein zusätzlicher Hype ausgebrochen?

Gressel: Der Hype war von Anfang an da. Die Fans hier folgen uns, egal ob wir gewinnen oder verlieren, es existiert eine große Euphorie. Dass wir jetzt um Trophäen spielen, ist ein Bonus. Wenn es nach den Fans geht, verdienen wir den Cup. Dann würde hier in Atlanta eine riesige Party ausbrechen. Die Unterstützung, die wir haben, ist Wahnsinn. Es macht großen Spaß, ein Teil des Vereins zu sein.

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SPORT1: Wie hat sich deine Popularität verändert? Wirst du auf der Straße öfters erkannt?

Gressel: Wenn wir Abendessen gehen, werde ich schon mal angesprochen. Das ist schon anders als in anderen Städten der MLS. In vielen anderen Orten sind Fußballspieler nicht so bekannt. Das macht hier in Atlanta Spaß: wenn Fans auf dich zukommen und dir viel Glück fürs Wochenende wünschen und erzählen, wie oft sie schon im Stadion waren, und dass sie eine Dauerkarte haben. Dieser kurze Austausch mit Fans und das Kennenlernen der Fan-Perspektive, das ist schön.

SPORT1: Atlanta United ist ein sehr junger Verein, der erst seine zweite MLS-Saison spielt. Hinter dem Klub steckt mit Unternehmer Arthur Blank ein Milliardär. Bei manchen deutschen Fußballfans sorgt Mäzenatentum regelmäßig für Protest. Gibt es ähnliche Ressentiments in den USA?

Gressel: Nein, gar nicht. Denn hinter so ziemlich jedem Klub steht hier so ein Investor. Alle Vereine hier starten mit einem Investment des jeweiligen Besitzers. Das ist so üblich und niemand stört sich daran.

SPORT1: Nach der Vorsaison wurdest du als "Rookie of the Year" ausgezeichnet. Hast du daraufhin mehr Druck verspürt?

Gressel: Den meisten Druck mache ich mir selbst. Ich habe sehr hohe Erwartungen an mich selbst und wollte dieses erste gute Jahr nicht einfach so stehenlassen. Dafür kann ich mir nichts kaufen. In einer Karriere muss mehr gehen als ein Jahr. Ich möchte darauf aufbauen und besser werden. Auch innerhalb der Mannschaft habe ich Ziele: Ich wollte Leistungsträger werden, habe hart dafür gearbeitet und möchte jetzt weiter viele Spiele machen.

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SPORT1: Mit Atlanta United steht ein junges Team in den Conference Finals. Ist das entgegengesetzte Modell, auf "Altstars aus Europa" wie Rooney, Schweinsteiger oder Ibrahimovic zu setzen, fehlgeschlagen?

Gressel: Nicht unbedingt fehlgeschlagen, aber der Trend geht in die Richtung, die wir eingeschlagen haben. Nach jungen, hungrigen Spielern zu suchen, die sich weiterentwickeln wollen. Die vielleicht aus Südamerika kommen und sich hier für einen Schritt nach Europa entwickeln und empfehlen wollen. Spieler wie Josef Martinez oder Miguel Almiron. Auch bei New York Red Bulls sind abgesehen von Bradley Wright-Phillips viele jüngere Spieler im Einsatz. Und das sind die beiden besten Mannschaften der regulären Saison. Von daher: Der Trend geht hin zu jüngeren Spielern, die Spaß machen und ihre Karriere nicht ausklingen lassen, sondern gerade erst starten. Aber zu den älteren Spielern muss ich noch etwas sagen …

SPORT1: Und zwar?

Gressel: Zlatan Ibrahimovic hat L.A. Galaxy richtig gutgetan. Er hat richtig viele Tore gemacht, Tore vorbereitet. Ich glaube, ohne ihn hätten sie gar keine Chance auf die Playoffs gehabt. Das Gleiche bei D.C. United mit Wayne Rooney, die das ohne ihn nicht geschafft hätten. Für manche Vereine macht dieses Modell nach wie vor Sinn - wenn diese älteren Spieler eben nach wie vor ihre Leistung bringen. Mit halber Kraft reicht es auch nicht für die MLS.

SPORT1: Eine abschließende Frage noch, von Ober- zu Mittelfranke sozusagen: Verstehen US-Amerikaner, was Franken ist?

Gressel: Nein, eher nicht. Die fangen gerade an, zu verstehen, was es mit dem Bayerischen auf sich hat. Dass es unterschiedliche Bundesländer gibt. Da ist es mit Franken noch ein weiter Weg. Der Kevin (Kratz, deutscher Mitspieler bei United; d.Red.) versteht mich manchmal gar nicht, wenn ich mein Fränkisch auspacke. (lacht)

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