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Nani wechselte 2015 von Manchester United zu Fenerbahce
Nani wechselte 2015 von Manchester United zu Fenerbahce © Imago
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München - Der Portugiese Nani gewährt tiefe Einblicke in seine Kindheit ohne Geld und Essen. Auch von seinem Zusammenleben mit Cristiano Ronaldo erzählt er.

Mit 33 Jahren hat Nani so gut wie alles gewonnen, was es als Profi-Fußballer zu gewinnen gibt.

Mit Manchester United wurde der Portugiese viermal englischer Meister, gewann 2008 dazu die Champions League. 2016 wurde der Flügelstürmer mit Portugal Europameister.

Doch Nani ist schon seit Jahren aus dem totalen Rampenlicht verschwunden. Der 112-malige Nationalspieler lässt seine Karriere aktuell in der MLS bei Orlando City ausklingen.

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Zu kaum einem Profi passt der Begriff "Straßenfußballer" so gut, wie zu Luís Carlos Almeida da Cunha, genannt "Nani". Auf den Kap Verden geboren, wuchs er in Portugal in ärmlichsten Verhältnissen auf. In einem Gastbeitrag für The Players Tribune gab Nani nun tiefe emotionale Einblicke in seine Kindheit. Zudem berichtete er über seine Anfänge als Profi und das Zusammenleben mit Cristiano Ronaldo.

Vater verlässt Nani mit sieben Jahren

"Ich lebte mit meiner Mutter und acht meiner Geschwister in einem Ein-Zimmer-Haus, dessen Boden voller Löcher war, in denen es von Ratten und Eidechsen wimmelte. Wir hatten nichts zu essen. Wir kämpften um unser Leben", schilderte Nani seine Kindheit.

Ein paar Jahre zuvor, als Nani sieben Jahre alt war, hätten sie in einem Holzhaus gewohnt, dessen undichtes Dach sie einfach mit einer Plane abgedeckt hatten. Sein Vater hatte Geld gespart, um ein größeres richtiges Haus zu bauen.

Doch bevor er dieses fertigstellen konnte, brach sein Vater zu den Kap Verden auf. "Ich dachte, er sollte für ein paar Wochen weg sein, aber dann vergingen Monate. Er kam nicht mehr zurück", schrieb Nani. Jahre später sollte sich herausstellen, dass sein Vater aufgrund von Ausweisproblemen nicht mehr nach Portugal zurück durfte.

Das machte es für seine Mutter sehr schwer. "Sie hatte vier Töchter und fünf Söhne, von denen ich der Jüngste war, also hatte sie viele Kinder, um die sie sich kümmern musste."

Viel Platz hatten sie in ihrem Haus nicht. "Wir waren 10 Personen, die sich ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche und eine Toilette teilten. Ich musste auf der Couch schlafen. Irgendwann wurden die Ratten und Eidechsen für uns etwas Normales. Wenn man ein Kind ist, ist es erstaunlich, an was man sich anpassen kann", erklärte Nani.

Bruder erscheint nicht zu Probetraining

An was er sich nie gewöhnen konnte, war der Hunger. "Ja, vielleicht siehst Du sie verhungern. Aber versuche mal, es zu erleben. Versuche, es zu spüren, wenn Dein Mund trocken ist, wenn Dein Magen schreit, wenn der Schmerz in Deinem Körper so groß ist, dass Du Dich fragt, ob etwas in Deine Haut schneidet, oder ob das nur ein Zustand ist, an den Du Dich gewöhnen musst", schilderte Nani.

Als er mit seinem Bruder Paolo Roberto in einer reichen Gegend nach Essen bettelte, wurden sie von einer Frau angesprochen, die Nanis Bruder zu einem Probetraining zu Sporting einlud. "Das war die Chance seines Lebens. Aber als Paulo zum Training erschien, war er einen Monat zu spät!"

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Sein Bruder sei der bessere Fußballer gewesen, habe den Kopf aber mit anderen Dingen voll gehabt, schlechte Freunde gehabt. Diese Fahrlässigkeit seines Bruders gab Nani den letzten Antrieb für sein großes Ziel. "Als ich herausfand, dass er die Chance verpasst hatte, für Sporting zu unterschreiben, wurde mir klar, dass Gott mich auserwählt hatte, die Familie zu unterstützen - indem ich Fußballer werde." All seinen Brüdern habe es an der nötigen Disziplin gefehlt. Doch ihm nicht.

Mit 10 begann Nani, für Real Massama zu spielen. Zum Training lief er zu Fuß, ein Zugticket konnte sich Nani nicht leisten. "Doch meine Trainer gaben mir Geld für Zugtickets. Sie gaben mir auch zu Essen, da sie wussten, dass ich zuhause nicht viel bekam." Auch seine Teamkollegen unterstützen ihn, gaben ihm alte Kleidung oder ließen ihn bei sich wohnen.

Mit 16 trainierte er dann sowohl bei Sporting als auch bei Benfica mit. Doch eines Tages musste er sich entscheiden. Mit seinem Deal im Sommer 2003 mit Sporting waren Nanis Geldsorgen auf einen Schlag erledigt.

WG mit Ronaldo und Anderson

Doch der Weg zum Profi war noch ein weiter. "Ich war zu schwach. Ich konnte nicht einmal 20 Kilo stemmen", erzählte Nani. Die nächsten zwei Jahre arbeitete er dann enorm an seiner Physis, bevor er 2005 für die Profis debütierte.

Zwei Jahre später verschlug es Nani dann zu Manchester United. "Ich hatte Manchester United nicht wirklich auf der Rechnung. Aber mein Agent, Jorge Mendes, schrieb die Namen aller Klubs auf, zeigte auf United und sagte: 'Schau mal. Für mich ist die beste Mannschaft, die du wählen kannst, diese hier.'

In Manchester wollte ich mir ein Hotel suchen, doch Mendes, der auch Berater von Cristiano Ronaldo ist, meinte: 'Wieso wohnst du nicht bei Cristiano'?" Ronaldo war vier Jahre vor Nani den gleichen Schritt von Sporting zu United gegangen.

Also zog er mit dem Brasilianer Anderson gemeinsam bei Ronaldo ein. "Was war das für eine Zeit. Wir waren alle junge Burschen, die die gleiche Sprache sprachen, und wir hatten so viel Spaß. Cristiano hatte einen Swimmingpool, eine Tischtennisplatte, einen Tennisplatz - und jeden Tag traten wir bei irgendetwas gegeneinander an", erzählte Nani.

Nani bleibt sich selbst treu

Einmal hätten sie ein Quiz mit Carlos Queiroz, dem Assistenten von Sir Alex Ferguson gemacht. "Ich gab meine Antwort und Cristiano gab seine, und ich wusste, dass meine richtig war. Wisst Ihr, was Queiroz tat? Er versuchte, die Antwort zu ändern, um sicherzugehen, dass Cristiano Recht haben würde. Das ist Cristiano. Er kann es nie akzeptieren, zu verlieren. Aber wir liebten ihn dafür."

Generell hatte Nani im Team der Red Devils viele Freunde. "Aber der Person, der ich mich am meisten geöffnet habe, war Patrice Evra. Er war wie ein Bruder für mich" schrieb er. Bis 2014 spielte er gemeinsam mit Evra für die Red Devils, bevor beide den Klub verließen. Nach seiner Zeit hatte Nani kurze Intermezzi in Italien, Spanien und der Türkei, kehrte zwischendurch auch zu Sporting zurück, bevor es ihn Anfang 2019 in die USA verschlug.

Innerlich ist sich Nani eigener Aussage zufolge trotz des Erfolges treu geblieben. "Ich weiß, dass mich viele Leute nicht verstehen, weil ich meine Emotionen nach außen trage. Wenn ich traurig oder unglücklich bin, zeige ich das. Doch genauso will ich sein", erklärte Nani.

In gewisser Weise sei er immer noch das Kind, dass mit Ratten und Eidechsen zusammen schlafe. "Ich bin immer noch der Junge, der an die Tür der Menschen klopft und nach Essen bettelt."

Eine von Nanis wichtigsten Grundweisheiten: "Ich habe mir immer gesagt: An dem Tag, an dem du vergisst, wer du bist, ist es vorbei."

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