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München - Zu Jahresbeginn wechselt Christian Eriksen mit großen Zielen zu Inter Mailand - und scheitert krachend. Neben Coach Conte spielt dem Ex-Spurs-Star auch die Pandemie übel mit.

Was hatten sie ihm doch für einen pompösen Empfang bereitet.

Gewandet in feinem Designer-Zwirn, umgeben von schweren Samtvorhängen, stand Christian Eriksen inmitten der Scala, diesem prunkvollen wie weltberühmten Opernhaus neoklassizistischer Architektur.

Für den Neuzugang von Inter Mailand schien bei dessen Vorstellung im Januar das Beste gerade mal gut genug sein. Und so war - um im Bild zu bleiben - der rote Teppich bereitet für den neuen und erfolgreichen Lebensabschnitt des von Tottenham Hotspur gewechselten Starspielers.

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"Ich habe hier die große Chance, Titel zu gewinnen", erklärte Eriksen bei seinem 20-Millionen-Euro-Wechsel in die norditalienische Metropole. "Jedenfalls eine größere Chance als dort, wo ich zuletzt war."

Eriksen bei Spurs auf Abstellgleis

"Das letzte Mal, dass ich etwas gewonnen habe, ist viele Jahre her", ergänzte der Stürmer durchaus leicht nachtretend in Richtung Spurs, mit denen er Monate zuvor gegen Jürgen Klopps FC Liverpool blutleer das Champions-League-Finale verloren hatte. "Das war mit Ajax Amsterdam", so Eriksen mit Bezug auf die niederländische Meisterschaft zwischen 2011 bis 2013.

Nun also der Aufbruch in wieder goldenere Zeiten bei den Nerazzurri - ein Schlusstrich unter sieben Spurs-Jahre in der Premier League, in denen dem 28-Jährigen nur die Vizemeisterschaft vergönnt und er am Ende unter Coach José Mourinho immer mehr aufs Abstellgleis geraten war.

Ein dreiviertel Jahr später ist Eriksens Wunschtraum allerdings zu einem Alptraum mutiert - was auch wieder mit einem Trainer zu tun hat, wenn auch nicht allein.

Schon wenige Wochen nach Eriksens Ankunft in San Siro hatte sich Antonio Conte höchst unterkühlt geäußert: "Er hat noch viel zu tun", mäkelte Inters Coach über Tempo und Intensität des zweimaligen dänischen Fußballer des Jahres, nachdem dieser gerade gegen Ludogorets Razgrad in der Europa League getroffen hatte.

Fithalten in der Tiefgarage

Schon zu diesem Zeitpunkt im Februar deute sich an, dass Eriksen und der Italiener wohl keine Freunde fürs Leben mehr würden. "Er hat immer noch nicht seine volle Fitness gefunden", so Conte weiter. 

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In der Folge spielte Eriksen noch weniger eine Rolle: Gerade mal in acht von 17 Serie-A-Partien sowie einmal im italienischen Pokal kam der Offensivmann zu Zug. Auch in der Europa League gegen Getafe, Bayer Leverkusen, Schachtjor Donezk blieb er nahezu außen vor - fast schon demütigend dabei die Einwechslung für nur noch zwölf Minuten im verlorenen Finale (2:3) in Köln gegen den FC Sevilla Ende August.

Einen Tiefschlag setzte es allerdings schon in Italien während der Corona-Pandemie im Frühling: Während des Lockdowns mit entsprechenden Ausgangsbeschränkungen, als Eriksen noch ein Haus für seine Familie suchte, wurde sein Zwischenquartier in einem Hotel im Stadtzentrum dichtgemacht, der Fußballstar kurzerhand im Trainingskomplex Appiano Gentile untergebracht, 30 Kilometer nördlich von Mailand.

Damit nicht genug: Während seine Teamkollegen zu Hause ihre Fitness konservierten, sah sich Eriksen gezwungen, in eine Tiefgarage auszuweichen. "Ich bin quasi in einem Keller auf dem Parkplatz herumgerannt und habe berechnet, dass ich 35 Meter laufen kann, dann eine Kurve machen und 35 Meter zurücklaufen muss", so Eriksen.

Eriksen isoliert bei Inter Mailand

Auch sonst fühlte sich der 28-Jährige weitgehend alleingelassen, inklusive unangenehmer Begegnungen: "Als ich einmal versuchte, in den Supermarkt zu gehen, hielt mich die Polizei an, und ich musste mich in meinem schlechten Italienisch erklären, was ich tat, wohin ich ging und warum ich außer Haus war."

Dass der Ausnahmezustand inzwischen vorbei ist, Eriksen in der Vorwoche beim 7:0 im Freundschaftsspiel gegen den zweiklassigen AC Pisa zweimal netzte, hat die Situation kaum verbessert.

Im Gegenteil: Am Samstag beim 4:3 über den AC Florenz von Ex-Bayern-Star Franck Ribéry wurde er einmal mehr vorzeitig ausgewechselt.

Schwerer wiegt indes Inters Transfer von Arturo Vidal, noch so ein früherer Bayern-Top-Mann. Erst am vergangenen Montag begrüßte Conte den nun vom FC Barcelona abgegebenen Chilenen - und machte keinen Hehl daraus, Vidal am liebsten bereits im Januar anstelle von Eriksen verpflichtet zu haben.

Vidal-Verpflichtung macht es Eriksen noch schwerer

"Er ist in guter Form, Arturo kann überall spielen. Er ist ein schlauer Spieler, taktisch wie physisch, er hat eine großartige Mentalität", lobte der Coach und erinnerte an gemeinsame Erfolge. Bei Juventus Turin hatten beide von 2011 bis 2014 dreimal den Scudetto gewonnen.

Auch jetzt ist zu erwarten, dass der fünf Jahre ältere Vidal vor allen wegen seiner Qualitäten als Box-to-Box-Spieler den Vorzug vor Eriksen erhält.

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Für Eriksen und seine Bilanz von nur vier Toren und drei Vorlagen aus 17 Spielen könnte das bereits das Ende bei Inter bedeuten, ungeachtet eines noch bis 2024 datierten Vertrags.

Italienischen Medienberichten zufolge läuft die Suche nach einem Abnehmerverein vor dem Transferschluss am 5. Oktober, allein: Es soll kaum Interessenten geben.

Eriksen Transfer-Objekt, aber keine Abnehmer 

Auch nicht aus England, wo er von seinem früheren Coach Mauricio Pochettino einst Golazo genannt wurde, "weil er unglaubliche Tore erzielen kann".

Wo Ex-Klub Tottenham süffisanterweise aber auch gerade erst den verlorenen Sohn Gareth Bale von Real Madrid zurückgeholt hat und mancher Fan wenig hinterm Berg hält mit Schadenfreude über Eriksen, der im Juni noch vollmundig erklärt hatte, man habe seine wahren Fähigkeiten nicht erkannt.

Das pompös gestartete Jahr droht für Eriksen mehr als nur titelfrei zu enden...

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