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Robert Harting hat den Startschuss für die Deutsche Sportlotterie gegeben
Robert Harting beim Sieg im Zürcher Letzigrund 2014 © Getty Images
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München - Bei der Leichtathletik-EM in Berlin schließt sich für Robert Harting der Kreis. Der Diskus-Riese will ein letztes Ausrufezeichen setzen - trotz widriger Umstände.

Diese Bilder haben Robert Harting unsterblich gemacht. 2009 riss sich der Diskus-Hüne nach seinem Sieg das Trikot vom Leib, schulterte das Maskottchen Berlino und zog das gesamte Stadion mit der irren Show in seinen Bann.

Wenn Robert Harting am Dienstagvormittag bei der Leichtathletik-EM zur Qualifikation in den Berliner Ring (ab 9.40 Uhr im LIVETICKER) zurückkehrt, neigt sich seine Heldenreise ihrem Ende entgegen.

Vor neun Jahren hatte die Karriere des deutschen Diskus-Riesen einen extremen Schub bekommen, als er in Berlin mit dem letzten Wurf Gold gewann - nun hofft er in seiner Heimatstadt auf ein letztes Hurra. 

Zwischen 2009 und 2018 prägte der ältere der Harting-Brüder die deutsche Leichtathletik-Szene wie kein anderer: Olympiasieger (2012 in London), dreimaliger Weltmeister (2009, 2011, 2013) und zweimaliger Europameister darf sich der heute 33-Jährige nennen - damit war er im vergangenen Jahrzehnt weltweit der Top-Athlet unter den Diskuswerfern.

Seit seinem Kreuzbandriss 2014 ging Hartings Leistungskurve etwas nach unten, eine internationale Medaille sprang nicht mehr heraus. Die Qualifikation für die EM 2018 schaffte er mit Hängen und Würgen, auch weil ihn sein Körper ausbremste. 

Hartings Show verzückt die Massen

Nun aber kehrt er zurück auf die blaue Tartanbahn von Berlin. Spätestens da wurde der gebürtige Cottbuser zum deutschen Volkshelden deklariert. Doch Harting ist nicht der typische Liebling der Massen - er polarisiert wie kaum ein anderer Athlet.

Germany's Robert Harting celebrates winn
Robert Harting feiert mit Maskottchen Berlino seinen WM-Sieg 2009 © Getty Images

Schon vor der WM 2009 hatte er eine eingeschränkte Freigabe von Dopingmitteln befürwortet, während der Wettkämpfe äußerte er sich kritisch zu einer Aktion von Doping-Opfern der DDR.

"Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen die Brillen springen, damit die wirklich nichts mehr sehen", polterte er, nachdem Pappbrillen an die Zuschauer verteilt wurden, um auf den Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen.

Entwicklung zum Doping-Gegner

Der deutsche Leichtathletik-Verband hatte alle Hände voll zu tun, sein größtes Zugpferd zu bändigen: "Mit der Bitte um Nachsicht führt Robert Harting an, dass die Anspannung des Qualifikations-Wettkampfes nachwirkte und zu inakzeptablen Äußerungen geführt hatte", schickte der DLV anschließend eine Pressemitteilung hinterher.

Im Laufe der Zeit wurde der der Modellathlet zum verbissenen Doping-Gegner. So ließ er sich 2014 von der Kandidatenliste der IAAF streichen, als der Weltverband den Welt-Leichtathleten des Jahres wählen ließ. Auf jener Liste stand mit Justin Gatlin ein US-Sprinter, der schon zweimal des Dopings überführt wurde.

Überhaupt: Verlief Hartings sportliche Laufbahn auf nahezu konstant erfolgreichem Niveau, so war das Drumherum häufig widersprüchlich. Innerhalb des deutschen Teams gibt es einerseits kaum jemanden, der ein schlechtes Wort über den dreimaligen Sportler des Jahres verliert (SERVICE: Der Zeitplan der Leichtathletik-EM).

Im Gegenteil. Harting ist als Teamkapitän einer, an dem sich die Mannschaft aufrichten kann. Zudem unterstützt er pflichtbewusst die Neulinge im Team und ist als meinungsstarker Athlet eines der anerkanntesten Sprachrohre. 

Ambivalentes Verhältnis zum Bruder

Umso bemerkenswerter, und das zeigt Hartings Widerspruch am besten, ist das ambivalente Verhältnis zu seinem Bruder. Wäre der sechs Jahre jüngere Christoph nicht ebenfalls zu einem Weltklasse-Diskuswerfer gereift - die Öffentlichkeit hätte davon wohl nichts mitbekommen.

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Bei Olympia 2016 gaben sich Christoph (l.) und Robert Harting zumindest die Hand © Getty Images

So aber treten die beiden Harting-Brüder gegeneinander an, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. "Gebrüder Groll" titelte der Spiegel vor einem Jahr über die ungleichen Olympiasieger. Ihr Verhältnis als "angespannt" zu bezeichnen, wäre verniedlichend.

Der größte Fehler sei gewesen, Christoph als Teenager zu sich nach Berlin zu holen, bekennt er. "Leider belastet dieser Fehler gerade unsere Familie", sagte Harting kürzlich in der Bild.

Und obwohl Christoph bei der anstehenden Europameisterschaft höher gewettet wird als Robert, will der ältere der Harting-Brüder seine letzte Meisterschaft in vollen Zügen genießen. 

"Ich hab' Bock auf 'ne Medaille, ich hatte jetzt drei, vier Jahre keine mehr", sagte er in der Dokumentation "Sechsviertel". Dann hätte Hartings Heldenreise ihre finale Pointe.

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