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München - Klosterhalfens Leistungsexplosion hinterlässt Staunen - und lässt die Frage aufkommen: Geht das ohne Doping? Experten erklären, was dahinterstecken könnte.

Der Rekordlauf von Konstanze Klosterhalfen bei "Die Finals" in Berlin über 5.000 Meter sorgt auch zwei Tage danach für ungläubiges Staunen.

Selten zuvor hat man hierzulande eine Leichtathletin gesehen, die national derart dominierte, dass sie den bestehenden deutschen Rekord um mehr als 15 Sekunden pulverisierte. Ihre neue Bestmarke (14:26,76 Minuten) lag am Ende 25 Sekunden unter ihrer bis dato besten 5000-Meter-Zeit, die sie vor gut zwei Jahren aufgestellt hatte.

Sie ist nun mittendrin in der Weltklasse, die ansonsten von Ostafrikanerinnen dominiert wird. Eine deutsche Mittel- oder Langstreckenläuferin mit Medaillenchancen bei einer Weltmeisterschaft? Das hatte man Jahrzehnte nicht gesehen, könnte sich bei den Titelkämpfen in Doha Ende September aber ändern.

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Doping-Spekulationen verfolgen Klosterhalfen

Doch ganz unbeschwert konnte "Koko", wie sie allerorten genannt wird, ihren Triumph nur für einen kurzen Moment genießen. Nachdem sie unter lautem Juchzen auf dem Rücken von Maskottchen Berlino einen Teil ihrer Ehrenrunde gedreht hatte, musste sie danach den anwesenden Medienvertretern zu einem für sie leidigen Thema Frage und Antwort stehen.

Es ging um das Nike Oregon Project, dem sie sich im November vorigen Jahres angeschlossen hatte - und das von Alberto Salazar geleitet wird.

Schon im Vorfeld der Meisterschaften wurde über die angeblich zwielichtigen Methoden des dreimaligen Siegers des New-York-Marathons berichtet. Ein schwebendes Doping-Verfahren läuft seit einigen Jahren gegen ihn, Beweise gibt es bisher keine.

Nun, da Klosterhalfen in neue Sphären vorgedrungen war, zählten viele Berichterstatter eins und eins zusammen: Dubioses Umfeld plus explosionsartige Verbesserung bedeutet automatisch den Einsatz unerlaubter Mittel - so in etwa könnte man die Formel vereinfacht auf den Punkt bringen.

Bei der 22 Jahre alten Ausnahmeathletin sind die Dinge jedoch längst nicht so evident, wie sie möglicherweise erscheinen. Dass Klosterhalfen einen derartigen Leistungssprung hinlegt, ist für viele Experten der Branche kein eindeutiges Indiz für die Einnahme unerlaubter Substanzen.

Bundestrainer Weiß: "Leistung überrascht mich nicht"

"Ich kenne Konstanze sehr gut und weiß, was sie kann", sagt Sebastian Weiß, Bundestrainer für den Mittel- und Langstreckenbereich der Frauen bei SPORT1. Weiß hatte Klosterhalfen jahrelang auch als Heimtrainer unter seinen Fittichen, bevor sein Schützling vor neun Monaten den Schritt an die Westküste der USA wagte.

"Wir konnten im Frühjahr 2018 im Höhentraining in Flagstaff sehr gut trainieren, da hätte ich ihr auch schon eine Zeit um die 14:30 Minuten über 5000 Meter zugetraut. Die Leistung in Berlin überrascht mich also nicht so sehr", sagt Weiß.

Dass Klosterhalfen nicht schon im vergangenen Jahr auf Rekordjagd gegangen war, lag demnach an ihrer Knieverletzung, die sie lange ausbremste und sie schließlich eine Medaille bei der Heim-EM in Berlin kostete.  

An der Uni Leipzig, wo Klosterhalfen schon mehrmals auf Herz und Nieren untersucht wurde, sieht man eine logische Fortsetzung ihrer früheren Performance. "Wie in den Ergebnisdatenbanken der Leichtathletik ersichtlich wird, ist die Leistungsentwicklung von Konstanze Klosterhalfen ein Prozess, der sich bereits im Schüler- und Jugendalter angedeutet hat", heißt es auf SPORT1-Nachfrage aus dem Institut für angewandte Trainingswissenschaft. 

Klosterhalfens kontinuierliche Entwicklung

Ihre Ausdauerwerte waren demnach schon in jungen Jahren so außergewöhnlich, dass im frühen Teenager-Alter die begründete Hoffnung bestand, dass da eine Weltklasseathletin heranreifen könnte. Eine Athletin, für die Doping unter keinen Umständen in Frage kommt? 

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Im fernen Portland/Oregon ist Klosterhalfen nun zwar nicht mehr in der Obhut ihres einstigen Trainers, der nach eigener Aussage "aufgrund der Entfernung natürlich nicht alles zu hundert Prozent" mitbekommt - doch der Bundestrainer hat keinerlei Bedenken, dass seine frühere Musterschülerin in Versuchung geraten könnte.

"Wie ich Konstanze kenne, kann ich die Hand für sie ins Feuer legen, aber ich stehe jetzt natürlich nicht mehr täglich neben ihr", sagt der 34-Jährige. "Sie ist eine mündige Athletin, sie ist den Schritt gegangen und wusste, dass diese Kritik auf sie zukommen wird. Konstanze ist weiterhin im Anti-Doping-Pool, wird regelmäßig kontrolliert und auch bei Rekorden, wie jetzt in Berlin, muss sie direkt eine Dopingkontrolle absolvieren."

Die Zweifel über das Oregon Project könne er allerdings verstehen, da "es ein schwebendes Verfahren dazu gibt. Solange jedoch nichts bewiesen ist, muss davon ausgegangen werden, dass alles sauber ist."

Schänzer widerspricht Sörgel

Auch der frühere Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, Professor Wilhelm Schänzer, ist sicher, dass Klosterhalfens Rekord längst kein Indiz für den Einsatz unerlaubter Mittel ist. "Natürlich sind ungewöhnliche Leistungen auch ohne Doping möglich", sagt Schänzer bei SPORT1 - und hat damit eine andere Meinung als sein früherer Kollege Fritz Sörgel.

Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg, hatte sich in der Rheinischen Post skeptisch über Klosterhalfens 3000-Meter-Rekord geäußert, der Ende Juni ähnlich spektakulär verbessert wurde. "Die Leistung muss ja irgendwie zustande gekommen sein. Nur durch Training allein würde ich eher nicht annehmen", mutmaßte er.

Eine Unterstellung, die Schänzer so nicht stehen lassen will. Seiner Meinung nach sei Klosterhalfens Rekordlauf nach aktuellem Kenntnisstand in erster Linie "eine tolle Leistung, die gewürdigt werden sollte".

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