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Bei der WM in Doha holte Gesa Krause im vergangenen Oktober die WM-Bronzemedaille
Bei der WM in Doha holte Gesa Krause im vergangenen Oktober die WM-Bronzemedaille © Getty Images
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München - Gesa Krause spricht bei SPORT1 über den Zoff mit dem DLV. Die Top-Leichtathletin erklärt außerdem, wie sie trotz Corona-Krise ihre Motivation hochhalten konnte.

Am vergangenen Freitag hatte sich bei Gesa Krause so viel Frust angestaut, dass sie ihrem Ärger Luft machen musste.

Es ging um den Plan des Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), die Langstreckenläufe aus dem Programm der Deutschen Meisterschaften zu streichen. Für Krause, zweimalige Europameisterin und WM-Dritte über 3000 Meter Hindernis, eine Entscheidung, "die ich nicht nachvollziehen kann"

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Drei Tage später ruderte der DLV zurück und verwies auf die "dynamische Entwicklung", so dass das letzte Wort bei der Streckenwahl noch nicht gesprochen sei.  

Im SPORT1-Interview erklärt Krause ihre aktuelle Gemütslage im DLV-Zoff, für wann sie ihren Saisonstart plant und was ihr den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

SPORT1: Frau Krause, die Olympia-Absage im März hat sie schwer getroffen. Wie ist es Ihnen seitdem in der Corona-Krise ergangen? 

Gesa Krause: Mir geht’s soweit ganz gut. Ich bin die ganze Zeit weitergelaufen, weil die Chance für eine späte Saison ja noch immer da ist. Mit der Bekanntgabe der Diamond-League-Saison hat man endlich auch wieder ein Ziel vor Augen, wobei man immer noch nicht weiß, welche Strecken da gelaufen werden. Ansonsten bin ich seit dem 18. April wieder in Deutschland und muss ganz ehrlich gestehen, dass ich die letzten zehn Jahre kaum mal länger in der Heimat war und es sich gut anfühlt, nicht ständig aus dem Koffer leben zu müssen. Familie und Freunde um sich herum zu haben - was für viele Menschen ja normal ist - kann ich jetzt auch mal genießen. Das Training läuft auch hier in Deutschland wunderbar, ich mache Fortschritte, auch wenn ich derzeit kein Höhentraining habe.

Krause: "Dafür trinkt man jetzt am Wochenende mal ein Glas Wein"

SPORT1: War die Motivation im Training also trotz Olympia-Absage weiterhin hoch? Oder hatten Sie auch einmal einen Durchhänger? 

Krause: Einen Durchhänger hatte ich eigentlich nicht, ich sehe es als mein Job an, fit zu sein. Ich liebe den Sport und das Training, deswegen ist das auch einfach ein Teil von mir und ein Teil meines Alltags. Natürlich ist es manchmal schwer, jeden Tag 100 Prozent zu geben, wenn keine Wettkämpfe vor der Tür stehen. Dafür trinkt man jetzt am Wochenende mal ein Glas Wein und ich hinterfrage nicht alles zu 100 Prozent, wie ich das vielleicht zu Olympia gemacht hätte. Vielleicht ist aber manchmal diese gewisse Lockerheit ganz gut, um mit Freude und Elan ins Training zu gehen. Beim Training an sich habe ich eigentlich keine Motivationsprobleme, das macht mir einfach Spaß und Freude und ich mag es, diesen Fortschritt im Training zu sehen. Das gibt mir sehr, sehr viel und ist seit zehn Jahren ein Teil von mir. 

SPORT1: Es gibt ja schon vereinzelt Wettkämpfe, haben Sie schon einen Plan für die kommenden Wochen?

Krause: Ich habe in den nächsten Wochen erstmal nichts geplant. Wir wollen im Juli noch einmal für zwei Wochen zum Training in die Schweiz fahren. Die Deutschen Meisterschaften am 8. und 9. August werden der erste Wettkampf sein sein, und Mitte August soll ja die Diamond League losgehen.

SPORT1: Zum DLV-Plan, bei den Deutschen Meisterschaften auf die Langstrecken zu verzichten, haben Sie sich ja schon auf Instagram geäußert. Das war ein Schlag ins Gesicht für Sie oder? 

Krause: Ja, war es schon. Zu wissen, dass man möglicherweise nicht auf seiner Strecke unterwegs sein kann, das war schon eine Enttäuschung. Deswegen gab es auch Kritik am DLV, wobei ich sagen muss, dass mich der Verband die ganzen Jahre eigentlich sehr gut unterstützt hat. Es war eine gewisse Wut auf die Entscheidung, vor allem weil es in diesem Jahr schon viele Tiefschläge gab – und das war dann noch einer mehr. Die Hoffnung war schon da, dass der DLV ein anderes Konzept vorlegt, und es möglich ist, die Strecken jenseits der 800 Meter ins Programm zu nehmen. Ich kann aber auch die 800 Meter laufen, falls die 3000 Meter Hindernis wirklich nicht im Programm sind.

"Ich will mit meinen Möglichkeiten dafür kämpfen"

SPORT1: Also planen Sie dennoch bei der Deutschen Meisterschaft zu starten? 

Krause: Wenn ich die Chance habe, bei den Deutschen Meisterschaften zu starten, sei es eben auf einer anderen Strecke, dann möchte ich das auf jeden Fall tun. Natürlich sind die 800 Meter für mich eine Sprint-Distanz, deswegen hoffe ich, doch noch meine Spezialstrecke laufen zu können.

SPORT1: Sie hatten auch den Vergleich mit den Profi-Fußballern gezogen, die schon einige Wochen wieder ihrem Beruf nachgehen. Was glauben Sie, warum ist das in der Leichtathletik schwieriger?

Krause: Der Fußball hat natürlich immer noch den gesellschaftlichen Aspekt, weil sehr viele Menschen davon leben. Ich hatte aber gehofft, dass man auch bei uns mehr erreichen kann. Mit meinem Statement wollte ich als bekannte Läuferin in Deutschland einfach mal sagen, dass eine Leichtathletik-Meisterschaft ohne Langstrecke einfach nicht das Gleiche ist. Ich glaube, ich habe jetzt die Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen. In der nächsten Woche treffe ich mit dem Generaldirektor des DLV, um zu besprechen, was es vielleicht doch noch für Alternativen geben kann. Da bin ich auch eine Kämpferin in dem Sinne, dass ich mich nicht einfach so damit zufriedengeben möchte. De Situation des Verbandes in der Krise ist sicherlich auch nicht einfach, aber es ist glaube ich trotzdem wichtig, dass man seinen Standpunkt vertritt und dann auch die Wahrheit sagt. Wie gesagt, die Entscheidung hat mich schon getroffen und das habe ich dann eben online zum Ausdruck gebracht.

SPORT1: Einen Tag nach Ihrem Instagram-Post hat der DLV erklärt, dass durch die dynamische Entwicklung der Pandemie das letzte Wort bei der Streckenwahl doch noch nicht gesprochen sei.  Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Aufruf schon etwas bewirkt haben?

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Krause: Es ist zu hoffen, dass es funktioniert, wenn man die Stimme erhebt und seine Meinung sagt. Ich will mit meinen Möglichkeiten dafür kämpfen und nicht zu allem nur 'ja' sagen. Das spiegelt vielleicht auch meine Persönlichkeit wider. Ich bin jemand, der ja versucht, das Zepter in die Hand zu nehmen und nicht immer alles nur alles abnickt.

"Corona hat unser ganzes Leben verändert"

SPORT1: Könnten in der Late-Season langsam wieder Fans zugelassen werden können? 

Krause: Ich glaube, man kann die Menschen nicht auf Dauer komplett zurückhalten. Die Leute sind kreativ, haben Respekt vor dieser Krise und die Regeln sind wichtig. Aber es ist trotzdem auch wichtig, dass eine gewisse Normalität ab einem gewissen Zeitpunkt wieder einkehrt, das wird man nicht verhindern können. Das ist auch ein Teil unserer neuen Realität, deswegen ist es umso wichtiger zu versuchen zu einer gewissen Normalität zurückzukommen. 

SPORT1: Zu einer Normalität zurückzukommen würde auch bedeuten, dass die Olympischen Spiele 2021 stattfinden. Allerdings gibt es immer wieder Experten, die wegen der Coronakrise genau das bezweifeln. Zucken Sie innerlich zusammen, wenn Sie so etwas hören?

Krause: Ich glaube, das war einem in dem Moment bewusst, als Olympia das erste Mal abgesagt wurde. Dass es auch nächstes Jahr keine Garantie gibt, ist mir auch durchaus klar. Corona hat unser ganzes Leben verändert und wird auch weiterhin präsent sein, aber ich bin ein Mensch, der positiv denkt. Die Hoffnung ist da, dass man die Pandemie einigermaßen in den Griff bekommt und kontrollieren kann - auch wenn ich weiß, dass alles unberechenbar ist. Deswegen lasse ich mich trotzdem nicht von meinen Träumen und meiner Vision abbringen. Wie es dann im Endeffekt aussieht, wenn uns dann so ein zweiter Tiefschlag erreicht, das kann ich heute nicht sagen. Ich denke aber, dass es mir noch einmal den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

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