vergrößernverkleinern
SPORT1-Chefredakteur Dirc Seemann ist von der Leistung von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul beeindruckt
SPORT1-Chefredakteur Dirc Seemann ist von der Leistung von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul beeindruckt © SPORT1-Montage: GettyImages
Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Für SPORT1-Chefredakteur Dirc Seemann ist die Leistung von Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul aus mehreren Gründen beeindruckend. Der SPORT1-Kommentar.

Endlich mal wieder durchgedreht. Beim Zehnkampf!

Aufgesprungen von der Couch, weil der coolste 21-Jährige in der Geschichte der Könige der Athleten seinen Laufplan genau einhält. Wie von Vater und Trainer Michael vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf angekündigt, trabte er 300 Meter hinterher um das Feld der Weltklasseathleten dann strategisch von hinten wegzufressen und mit überragenden 4:15,71 Minuten den Titel zu holen, der vier Stunden vorher noch unmöglich schien.

Er hat sie genutzt die einmalige Chance, hinein in diese Lücke, die strauchelnde oder unglücklich verletzte Kollegen ab dem Hürdenlauf aufgemacht haben. Weil er den Zehnkampf schlau interpretiert – die 1500 Meter als echte Chance und nicht nur notwendige Qual sieht und nutzt.

Anzeige

Mal im Ernst – welcher Fachmann traut einem im Feld der Weltbesten einen Sieg zu, wenn er in 11,27 Sekunden über die 100 Meter zum Auftakt "trabt". Mit so einem Start habe ich mir als 21-Jähriger schon bei den Nordrhein-Meisterschaften keine Siegchance ausgerechnet (ich bin allerdings auch immer bescheiden an der 7000er-Marke hängengeblieben).

Aber: Die Gänsehaut, die dieser junge Mainzer mit seinen Leistungen in der letzten Stunden des Zehnkampfes ausgelöst hat, ereilt mich insbesondere, weil ich mir ausmalen kann welches Zusammenspiel zwischen wachem Geist und elektrisiertem Körper stattgefunden haben muss. Was hat Niklas Kaul für ein Wettkampf-Gespür!

Jetzt aktuelle Sportbekleidung bestellen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE 

Seit 2015 gewinnt er alle international wichtigen Zehnkämpfe seiner noch jungen Karriere – kein Salto Nullo, kein Hürdensturz, keine Verletzung (auch das kann man mindestens durch Professionalität beeinflussen) und - sorry lieber Jürgen Hingsen – auch keine vier Fehlstarts. Der Blick in sein Gesicht – dieser konzentrierte Glaube an die eigene Stärke!

Klar rechnet er bei jeder Disziplin, schon allein weil man viel Zeit hat in so einem Zehnkampf und jeden Zentimeter in Punkte umdeuten kann. Und klar merkst du plötzlich – ich kann es aus eigener Kraft schaffen. Bei wie vielen kam in so einem historischen Moment der Befehl aus dem Kopf nicht mehr im Arm oder in den Beinen an? Nicht so bei Niklas Kaul.

Gigantischer Speerwurf – mit dem er in vielen Ländern Rekordhalter wäre und dann diese 1500-Meter-Inszenierung in mehreren Akten. Danke für diesen Abend!

Niklas Kaul ist Zehnkampf-Weltmeister - und in Kürze auch Bambi-Preisträger
Niklas Kaul ist neuer Zehnkampf-Weltmeister © Getty Images

Sind wir jetzt wieder wer? Vielleicht sogar DIE Zehnkampf-Nation? Seit den 60ern mit Willi Holdorf oder Kurt Bendlin und den goldenen 80ern als neben Guido Kratschmer und Torsten Voss, insbesondere Siggi Wentz, Christian Schenk und natürlich Jürgen Hingsen nationale Sport-Ikonen waren, hat diese Disziplin die Menschen (nicht nur die Leichtathletikfans) fasziniert.

Paul Meier in Stuttgart 1993 und Frank Busemann haben in den 90ern nochmal für nationale Euphorie gesorgt, bis sich das Thema schleichend verabschiedet hat. Trotz exzellenter Athleten die reihenweise Weltklasse-Zehnkämpfe hingelegt oder wie Pascal Behrenbruch (EM-Sieg 2012), Rico Freimuth (WM-Zweiter und Dritter) und Artur Abele (EM-Sieg in Berlin) internationale Top-Ergebnisse abgeliefert haben – Zehnkampf hat kaum noch interessiert.

Niklas Kaul kann es schaffen. Am Beginn einer Männerkarriere, bei der er mit etwas mehr Grundgeschwindigkeit auch nicht immer auf Weltklasseleistungen an Tag 2 angewiesen ist. Er kann den Zehnkampfgeist reanimieren und der hat wiederum eine Strahlkraft für die gesamte deutsche Leichtathletik.

Auch interessant

Die EM im letzten Jahr in Berlin hat Mut gemacht und doch hat man das Gefühl, dass die Leichtathletik sich nur quälend langsam aus dem historischen Gewand der Spießigkeit und dem nimmer endenden Frust über Dopingbetrug herauswindet. Welch Ironie, dass gerade die Skandal-WM von Katar ein neuerlicher Turbo sein könnte.

Kaul (auch Zehnkampf-Kumpel Kai Kazmirek), die Sprinterinnen Gina Lückenkemper oder Tatjana Pinto, Weitspringerin Malaika Mihambo und natürlich Gesa Krause und Konstanze Klosterhalfen können die Werfer endlich mal substanziell unterstützen und die tollste olympische Kernsportart auch hier wieder ins Herz aller Sportfans rücken.

Gänsehaut wie gestern hilft da wirklich weiter.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image