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Russland ist seit Jahren wegen Dopings in der Kritik
Russland ist seit Jahren wegen Dopings in der Kritik © Getty Images
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Russland drohen im Dopingskandal harte Strafen. Dem Chef-Dopingjäger gehen diese nicht weit genug. Zudem werden brisante Details der russischen Praktiken bekannt.

"Atemberaubende Täuschung", "schamlose Tricks", "Tritt in die Magengrube": Das neueste Kapitel im russischen Dopingskandal liest sich einmal mehr wie ein Spionagethriller, inzwischen werden sogar Rufe nach einem kompletten Olympia-Bann der Sport-Großmacht laut. Denn im Skandal um manipulierte Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor kommen immer mehr brisante Details ans Licht.

Die New York Times zitierte aus dem ihr vorliegenden Bericht der Prüfkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) - und der zeichnet ein verheerendes Bild. Tausende Dateien seien in Windeseile gelöscht worden, dazu sollte Whistleblower Grigorij Rodtschenkow mit falschen Beweisen zum Sündenbock gemacht werden.

In den kommenden Wochen und Monaten steht die Wirksamkeit des weltweiten Anti-Dopingsystems auf dem Prüfstand.

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Tygart fordert Olympia-Bann

"Russland stellt sich weiter über die weltweiten Anti-Doping-Regeln, tritt den sauberen Athleten in die Magengrube, sticht der WADA in die Augen - und kommt damit immer wieder davon", sagte der oberste US-Dopingjäger Travis Tygart und forderte einen kompletten Olympia-Bann für Russland: "Es ist Zeit für die härteste mögliche Strafe."

Am Montag war bekannt geworden, dass Russland unter anderem vier Jahre nicht an sportlichen Großereignissen wie Olympischen und Paralympischen Spielen sowie Weltmeisterschaften teilnehmen oder solche Events ausrichten soll. Russische Einzelsportler dürften allerdings nach eingehender Prüfung als neutrale Athleten starten, wie bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang.

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"Wenn das IOC und das internationale Sport-Regelwerk Russland wieder einen Freifahrtschein ausstellen, werden andere Länder es den Russen einfach nachmachen", warnten Rodtschenkows Anwälte Jim Walden und Avni Patel.

Am 9. Dezember entscheidet zunächst das WADA-Exekutivkomitee über das Strafmaß. Bei einer Verurteilung ist es sehr wahrscheinlich, dass Russland den Internationalen Sportgerichtshof CAS anruft. Die Verteidigungsstrategie könnte dort lauten, dass Sportorganisationen nicht für die Verfehlungen von staatlichen Stellen haftbar gemacht werden könnten. Damit wären allerdings Manipulationen Tür und Tor geöffnet, das internationale Anti-Doping-System ausgehebelt.

Viele Daten gelöscht und verändert

Mit welchen Trickserei Russland in der aktuellen Affäre offenbar arbeitete, beschrieb die New York Times anhand des Berichts der WADA-Prüfkommission. Es ist Ende September 2018 - und Russland hat ein Problem. Drei Monate Zeit sind es noch, bis die Welt-Anti-Doping-Agentur die Daten aus dem Moskauer Labor haben will. Das ist die Gegenleistung für die Wiederaufnahme der nationalen Anti-Doping-Agentur RUSADA.

Und die russischen Verantwortlichen wissen: Sollten die Originaldateien übergeben werden, dürfte das ganze Ausmaß des seit fünf Jahren andauernden Skandals öffentlich werden. Die Lösung: Eine offenbar gigantische Vertuschungs- und Löschaktion. Und: Mit gefälschten Beweisen soll die Schuld dem Whistleblower Rodtschenkow in die Schuhe geschoben werden.

Rodtschenkow, einst Chef des Moskauer Labors, hatte 2016 über das russische Dopingsystem ausgepackt und lebt inzwischen im Zeugenschutzprogramm in den USA. Schon nach seinem Geständnis wurden Daten aus dem Moskauer Labor verändert und gelöscht, nun aber läuft eine neue Welle an.

Rodtschenkow sollte belastet werden

Alleine am 6. Januar 2019 werden demnach 15.325 Dateien und Ordner mit "den relevantesten Informationen" gelöscht, stellt die WADA fest. Wenige Tage später sichern WADA-Experten den Datensatz - und stoßen schnell auf die Ungereimtheiten. Unter anderem seien Änderungen rückdatiert und Nachrichten gefälscht worden, um Rodtschenkow zu belasten. 

Von "atemberaubenden Täuschungen" schreiben die Ermittler in ihrem Bericht. Diese seien der gesuchte "rauchende Colt", der ultimative Beweis für die russischen Verfehlungen. Der Kreml "muss doch denken, dass die Menschen auf der Welt Idioten sind, um diesen schamlosen und transparenten Trick zu glauben", heißt es von Rodtschenkows Seite weiter.

Und Russland? Die Regierung zeigte sich in einer ersten Stellungnahme "beunruhigt" und "bedauerte" die mögliche Strafe, wie Kreml-Sprecher Dimitri Peskow am Mittwoch in Moskau erklärte.

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