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Lewis Hamilton feierte seinen ersten WM-Titel in einem dramatischen Saisonfinale
Lewis Hamilton feierte seinen ersten WM-Titel in einem dramatischen Saisonfinale © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Imago
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Vor zehn Jahren wurde Lewis Hamilton zum ersten Mal Weltmeister. Es war eines der größten Dramen in der Formel-1-Geschichte. SPORT1 blickt zurück.

Nicole Scherzinger ist nicht mehr zu bremsen. Sie rastet förmlich aus. Hüpft. Schreit. Völlig entrückt inmitten einer McLaren-Garage, die innerhalb weniger Sekunden zum Tollhaus wird.

Lewis Hamilton hatte da gerade Timo Glock in der letzten Kurve des letzten Saisonrennens 2008 in Brasilien überholt. Als bei McLaren alle Hemmungen über Bord geworfen werden, schlägt die Stimmung bei Ferrari in Sekundenbruchteilen um.

Dort, wo sich die Scuderia noch siegestrunken in den Armen lag, wo schon gefeiert wurde, herrscht plötzlich blankes Entsetzen. Wut. Trauer. Fassungslosigkeit. Ein Mechaniker schreit auch, nein, er brüllt "NO! NO!" und zertrümmert ein rotes Leuchtschild.

Emotionale Bandbreite: Massa kurz Weltmeister

Die emotionale Bandbreite, die sich da in Interlagos abspielte, bot so ziemlich alles, was im Sport möglich ist. Eine Tragödie. Drama. Ein Triumph. Tränen. Glück. Hoch und runter. Alles auf einmal, alles komprimiert auf wenige Minuten. 98:97 Punkte, ein echtes Herzschlagfinale, ein Chaosrennen als emotionaler Höhepunkt, als Kulmination einer Saison, die turbulent, chaotisch und eine wilde Aneinanderreihung von sportlichen Höhen und Tiefen war. So auch der finale Showdown.

Lewis Hamilton: Sein dramatisches erstes Mal in der Formel 1 So feierte 2008 die englische Presse den neuen Weltmeister Lewis Hamilton
So feierte 2008 die englische Presse den neuen Weltmeister Lewis Hamilton © Getty Images

39 Sekunden lang war Lokalmatador Felipe Massa durch seinen Sieg vor über 100.000 fanatischen Fans Weltmeister. Er hatte das Maximum in einem überlegenen Ferrari herausgeholt, war aufs Ganze gegangen. Hamilton, dem bei einem Sieg Massas ein fünfter Platz gereicht hätte, ging kein Risiko ein.

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Lange lag er im Rennen auf Platz vier, ehe ein Regenschauer kurz vor Schluss den letzten atemberaubenden Akt einläutete. Hamilton ging wie alle anderen auf Regenreifen, während Glock mit Slicks eine riskante Strategie wählte und Hamilton so überholte. Als dann auch noch Sebastian Vettel im Toro Rosso an dem Briten vorbeiging, war Hamilton nur noch Sechster – und der Titel weg. Erinnerungen wurden wach an 2007, als er den Titel an gleicher Stelle an Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen verlor, ebenfalls um einen Punkt.

Bis Hamilton gegen einen auf Slicks chancenlosen Glock diesen einen letzten Move vornahm, der ihn mit 23 Jahren, neun Monaten und 26 Tagen zum damals jüngsten Champion machte.

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Glock wurde zum Sündenbock

Und Glock zum Sündenbock. Wie dramatisch diese 71 Runden waren, wie viel dieser Titel den Brasilianern bedeutete, wie viel Leidenschaft und Hoffnung in diesem Rennen hingen, verdeutlichen wilde Schummel-Vorwürfe und heftige Hasstiraden gegen Glock und seine Toyota-Mannschaft.

"Mir wurden all diese Geschichten erzählt, dass ich Hamilton geholfen hätte, dass das bereits vor dem Rennen so geplant gewesen sei, oder wie viel Geld ich von Mercedes bekommen hätte, um ihn vorbei zu lassen. Die Situation an diesem Sonntag war so verrückt. Ich war erst einmal völlig baff, weil ich nicht verstehen konnte, dass Leute mir Vorwürfe machten", sagte Glock.

Sein Team wurde bespuckt und beschimpft, floh als Renault-Mannschaft verkleidet von der Strecke. Glock wurde am Tag danach mit einer Polizeieskorte zum Flughafen gebracht, doch auch zu Hause ging der Shitstorm weiter. Erst nach ein paar Wochen hatte sich alles wieder ein bisschen beruhigt. Glock: "Es war nicht leicht zu verstehen, warum das alles passiert ist und Menschen so reagiert haben."

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Hamilton auf Augenhöhe mit Fangio

Hamilton konnte das egal sein. 2008 war der endgültige Startschuss für eine große Karriere, die ihm schon länger prophezeit wurde. Mit einem großen Knall, ganz viel Spektakel. Ähnlich spektakulär wie seine On-off-Beziehung mit Pussycat-Doll-Frontfrau Scherzinger, die damals noch an seiner Seite war.

"Das war die erste von vielen Weltmeisterschaften", sagten damals Experten wie Damon Hill. McLarens damaliger Teammanager Dave Ryan "drohte" dann auch mit weiteren Erfolgen: "Ich glaube, das war nur der Anfang. Der Junge ist magisch." Auch Michael Schumacher war damals "überwältigt" vom Finale: "Man kann eigentlich nur sagen, dass das wohl Schicksal war."

Doch an so Dinge wie Schicksal, Glück oder Pech glaubt Hamilton eigentlich nicht, wenn es um den Job als Rennfahrer geht. Auch wenn er als zehnjähriger Knirps McLaren-Chef Ron Dennis anhaute und mal eben ankündigte, dass er eines Tages in seinem Auto Weltmeister werde. "Ich glaube nicht, dass meine Karriere etwas mit Glück zu tun hatte", sagt Hamilton.

Stattdessen fallen Worte wie Leidenschaft, Hingabe, harte Arbeit, Talent. Hamilton betont dann auch immer wieder seine Herkunft, seinen schwierigen Weg aus der Arbeiterstadt Stevenage an die Spitze des Sports.

"Still I Rise"

Hamilton betont deshalb immer wieder Bodenständigkeit. "Still I Rise, gib niemals auf" ist sein Motto.

Er gab nicht auf. Es dauerte aber, bis die Prognosen von den vielen Titeln auch tatsächlich eintrafen.

Er steckte Rückschläge ein, erlebte Höhen und Tiefen, lernte, wuchs mit den Jahren als Mensch, aber auch als Rennfahrer. Zehn Jahre nach dem Drama von Interlagos ist der Brite ganz oben angelangt, mit nun insgesamt fünf WM-Kronen auf einer Höhe mit Juan Manuel Fangio. Der Hamilton von 2008 hat mit dem von 2018 nicht mehr viel zu tun.

"Er wäre völlig chancenlos gegen den Hamilton von 2018. Ich fahre inzwischen auf einem ganz anderen Niveau", sagte er: "Wenn du Champion wirst, dann wäre es einfach, den Dingen ihren Lauf zu lassen und zu denken, wie fabelhaft das alles ist. Ich aber will die Latte ständig höherlegen. Ich glaube fest daran, dass ich das Beste noch vor mir habe." Vor ihm liegt nur noch Michael Schumacher. Die Legende hat sieben Titel, zwei mehr als Hamilton. Dessen Vertrag läuft noch bis 2020. Zwei Jahre also noch. Mindestens.

Es würde sich dann ein Kreis schließen, der 2008 im Regen von Brasilien seinen Anfang nahm. In der letzten Kurve des letzten Rennens.

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