Fredi Bobic gehört zu den Persönlichkeiten im Fußball, deren Weg nie geradlinig verlief. Aufgewachsen in Stuttgart-Bad Cannstatt, geprägt vom Bolzplatz und von einer Familie, in der Arbeit und Zusammenhalt selbstverständlich waren, entwickelte er früh eine Haltung, die ihn bis heute begleitet: Verantwortung übernehmen, Widerstand aushalten und sich nichts schenken lassen.
Fredi Bobic: "Es gab Versuche, meine Person zu diskreditieren"
Bobic: Man wollte mich diskreditieren
Im Gespräch mit dem LEADERTALK-Podcast geht es um Fußball als Lebensschule – nicht als Abkürzung. Bobic spricht über Rückschläge, über Phasen des Zweifelns und über die Fähigkeit, nach Krisen wieder aufzustehen.
Warum Fredi Bobic zweite Chancen für essenziell hält
Er beschreibt, warum mentale Stärke und Selbstführung entscheidend sind, sowohl auf dem Platz als auch in Führungspositionen. Ein Schwerpunkt der Folge liegt auf seinem Menschenbild. Bobic erläutert, warum für ihn jeder Spieler zuerst Mensch ist, weshalb er zweite Chancen für essenziell hält – und wo für ihn dennoch klare Grenzen verlaufen.
Führung bedeutet für ihn, zu fordern und gleichzeitig Verantwortung zu tragen, besonders dann, wenn es schwierig wird. Neben seiner Spielerkarriere geht es um seine Zeit als Manager beim VfB Stuttgart, bei Eintracht Frankfurt und bei Hertha BSC – ebenso wie um seinen bewussten Schritt ins Ausland.
Heute arbeitet Bobic als Head of Football Operations bei Legia Warschau und verantwortet dort nicht nur sportliche Entscheidungen, sondern auch Strukturen und Prozesse im Klub. Der neue LEADERTALK-Podcast von Mounir Zitouni: Ein Gespräch über Herkunft, Haltung und Führung – und darüber, was Stabilität schafft, wenn der Druck wächst.
Fredi Bobic: „Da musste ich mir schon vom ersten Tag an auf dem Bolzplatz alles erkämpfen“
Fredi Bobics Weg im Fußball beginnt nicht im Rampenlicht, sondern auf Beton. Auf dem Bolzplatz im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag, in Bad Cannstatt, lernt er früh, dass nichts selbstverständlich ist.
Fußball ist seine große Leidenschaft – aber vor allem ist er eine Schule fürs Leben: „Da musste ich mir schon vom ersten Tag an auf dem Bolzplatz alles erkämpfen. Wirklich jeden Tag.“
Bobic wächst in einer Arbeiterfamilie auf. Seine Eltern arbeiten hart, um ihm und seiner Schwester Stabilität zu geben. Geld ist knapp, Familie dafür umso präsenter. „Wir hatten keine reiche Familie. Meine Eltern haben hart gearbeitet, wirklich hart gearbeitet, jeden Tag. Familie war bei uns immer sehr, sehr wichtig.“
Der Bolzplatz wird zu einem Ort der Prägung: viele Kulturen, wenig Schonraum, klare Regeln. „Im Nachhinein sage ich manchmal zum Spaß: Ich habe dort schon meine Tausend Länderspiele gemacht. Aber im Ernst: Du musstest dich durchbeißen. Es wurde dir nichts geschenkt.“ Diese Erfahrung formt seine Widerstandskraft. „Diese Widerstandsfähigkeit habe ich mir genau dort geholt. Und die hat mich mein ganzes Leben geprägt.“
Erst Ausbildung, dann Fußballprofi
Bevor Bobic Profi wird, macht er eine klassische Ausbildung – ein bewusster Schritt, der ihn erdet. „Ich habe eine Ausbildung gemacht als Kaufmann im Einzelhandel. Drei Jahre habe ich das voll durchgezogen.“ Danach arbeitet er weiter, jobbt zusätzlich: „Ich weiß, wie es ist, wenn man 500 Mark verdient und davon leben muss.“
Diese Erfahrungen bleiben – auch später, als Titel, Öffentlichkeit und Verantwortung wachsen. Seine Familie wird zum stabilen Gegenpol. „Meine Frau ist mein Rückzugsort. Sie ist nicht fußballinteressiert – und das ist etwas Schönes. Zu Hause runterkommen. Andere Gespräche führen.“
Bobic: Bei Borussia Dortmund „die Freude am Spiel verloren“
Nicht jede Phase seiner Spielerkarriere verläuft geradlinig. Besonders prägend ist die Zeit bei Borussia Dortmund – sportlich wie emotional. „Ich hatte eine Phase, da habe ich die Freude am Spiel verloren.“ Verletzungen, Unzufriedenheit in der Mannschaft und die eigene Rolle führen dazu, dass Bobic den Anschluss verliert.
Trainer ist damals Matthias Sammer – eine besondere Konstellation. „Matthias ist wirklich ein guter Freund. Über die Nationalmannschaft hinweg, über viele Jahre. Aber als Trainer und Spieler haben wir in der Zeit nicht so gut zusammengepasst.“
Rückblickend beschreibt Bobic diese Phase als schmerzhaft, aber klärend: „Er hat mir wahrscheinlich auch die Wahrheit ein bisschen vorgezeigt. Dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin oder dass mir etwas fehlt.“
Wende bei den Bolton Wanderers
Der Wechsel zu den Bolton Wanderers 2002 wird schließlich zum Bruch – und zur Befreiung. „In diesem halben Jahr habe ich den Spaß wiedergefunden. Vielleicht auch, weil ich komplett rausgegangen bin aus dieser Wohlfühloase.“
Abstiegskampf in der Premier League, ein anderes Umfeld, weniger Öffentlichkeit, mehr Fokus. „Das waren nur sechzehn Spiele. Aber die waren prägnant. Die haben mir unheimlich viel gegeben – auch fürs Leben.“
Allein im Ausland, mit Abstand zu Familie und gewohnten Strukturen, gewinnt Bobic eine neue Perspektive – sportlich und persönlich.
Praktikum bei der DFL - ohne Bezahlung
Nach dem Karriereende sucht Bobic nicht sofort Macht oder Titel. Er will verstehen. Deshalb absolviert er ein freiwilliges Praktikum bei der Deutschen Fußball Liga – ohne Bezahlung. „Ich wollte verstehen, wie die Liga funktioniert. Wie ein Spielplan entsteht. Wie Medien arbeiten. Wie Entscheidungen getroffen werden.“
Ein ungewöhnlicher Schritt für einen ehemaligen Nationalspieler – und ein entscheidender. „Ich wollte irgendwann einen Verein führen. Aber ich wollte wissen, was dahinter steckt.“
Fredi Bobic: Schwierige Aufgaben beim VfB Stuttgart
Beim VfB Stuttgart übernimmt Bobic 2010 Verantwortung in einer hochkomplexen Lage. Sportlicher Anspruch, wirtschaftlicher Druck und strukturelle Altlasten treffen aufeinander: „Wir durften nicht absteigen. Gleichzeitig mussten wir immer wieder unsere besten Spieler verkaufen.“
Die Liste der Talente ist lang. „Wir hatten unfassbar gute Spieler. Toni Rüdiger. Timo Werner. Joshua Kimmich. Sami Khedira. Rani Khedira. Bernd Leno.“ Doch der Verein kann sie nicht halten. „Es hieß immer: Wir müssen die schwarze Null schreiben.“ Bobic beschreibt diese Phase als kräftezehrend. „Ich war im Grunde ständig am Kaufen und Verkaufen. Vor allem am Verkaufen. Nicht, weil ich wollte, sondern weil wir das Geld gebraucht haben.“
Bobic: „Erst einmal großer Widerstand“ bei Eintracht Frankfurt
Bei Eintracht Frankfurt entsteht ab 2016 etwas anderes. Nicht sofort Erfolg, sondern zunächst ein belastbares Fundament. „Ich habe erst mal großen Widerstand erlebt“, sagt Bobic.
Doch Bobic kann überzeugen. Was folgt, ist kein kurzfristiger Plan, sondern ein gemeinsamer Prozess. Spieler, Trainer und Vorstand wissen, woher sie kommen – und was realistisch ist.
„Das Erfolgsgeheimnis war nicht ein einzelner Mensch. Es war die Geschlossenheit.“ Und das trotz leerer Kassen. „Man sagte mir: Du hast zweieinhalb Millionen Investitionen für die komplette Mannschaft.“
Unterschiedliche Charaktere seien kein Nachteil gewesen, solange die gemeinsame Linie gehalten wurde. „Es ging nie um Eitelkeiten. Es ging um die Sache.“ Diese innere Geschlossenheit schafft Ruhe nach außen – und ermöglicht Entwicklung.
Verantwortung auch im Misserfolg
Unabhängig vom Verein bleibt Bobics Führungsverständnis konstant. „Als Leader habe ich immer von wir gesprochen, wenn wir Erfolg hatten.“ Entscheidend ist für ihn der Umgang mit Misserfolg. „Wenn es nicht läuft und es Probleme gibt, dann musst du als Führungspersönlichkeit vor der Truppe stehen und sagen: Ja, ich habe Fehler gemacht.“
Die Zeit bei Hertha BSC ist kurz und belastend. Weniger die sportliche Arbeit als der Umgang mit seiner Person wirkt nach. „Es gab Versuche, meine Person zu diskreditieren.“ Öffentliche Vorwürfe müssen juristisch geklärt werden. „Das macht etwas mit dir.“
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Mounir Zitouni (55) war von 2005 bis 2018 Redakteur beim kicker und arbeitet seitdem als Businesscoach, betreut Führungskräfte und Teams in puncto Leadership, Kommunikation und Teamentwicklung. Der ehemalige Profifußballer hat die Autobiografie von Dieter Müller geschrieben und im Buch „Teams erfolgreich führen“ (Metropolitan-Verlag, 2024) die Erkenntnisse aus den Gesprächen im Podcast LEADERTALK zum Thema Leadership zusammengefasst.