Deutscher Star erklärt Doppelleben
Plötzlich Vorbild! DBB-Star gerät ins Schwärmen
Der deutschen Basketball-Nationalmannschaft fehlt nur noch ein Sieg bis zum WM-Finale. Im SPORT1-Interview spricht Alexandra Wilke über das Halbfinale gegen Frankreich und ordnet auf der anderen Seite den Wahnsinn der vergangenen Tage ein. Zudem erklärt sie, wie ihr Doppelleben abläuft.
Die deutsche Nationalmannschaft will bei der Basketball-WM der Frauen die Erfolgsgeschichte fortsetzen. Im Halbfinale wartet auf Deutschland mit Frankreich (heute ab 16.30 Uhr im LIVETICKER) ein extrem großer Brocken.
Eine, die dann wieder entscheidend zum Sieg beitragen will, ist Alexandra Wilke. Die 29-Jährige erzielte beim Coup gegen Belgien von der Bank kommend zehn Punkte in nur 14 Minuten. Am Tag nach dem Coup gegen die Europameisterinnen empfing die Aufbauspielerin SPORT1 im Teamhotel und erklärte im exklusiven Interview, wie sie den Sieg und den speziellen Jubel von Dirk Nowitzki nach ihren Dreiern erlebte.
Zudem sprach Wilke auch über ihr kurioses Doppelleben als Basketballerin und Lehrerin, über die Wichtigkeit des Frauen-Basketball-Booms für Kinder und welche Ziele sie jetzt noch für die Weltmeisterschaft hat.
Basketball-WM: „Das kann ich nicht in Worte fassen“
SPORT1: Hallo, Frau Wilke. Es ist der Tag nach dem großen Coup gegen Belgien. Wie war die Nacht?
Alexandra Wilke: Ich muss ehrlich sagen: Ich konnte gar nicht so gut schlafen. Ich dachte, nach sowas kann man besser schlafen, aber ich war noch voller Adrenalin. Deshalb habe ich nicht so viel geschlafen, aber ich bin immer noch so stolz auf dieses Team und es ist einfach auch schön, wenn man noch mal alles Revue passieren lässt oder sich Bilder und Videos von gestern anschaut. Das ist einfach toll.
SPORT1: Wenn Sie an das Spiel zurückdenken, wie ist die Gefühlslage aktuell?
Wilke: Das kann ich nicht so gut in Worte fassen. Ich weiß noch genau, wie ich die letzten zwei Minuten vom Spiel auf der Bank saß und einfach nur Gänsehaut hatte. Ich denke dann immer zurück an die Zeit, wie es vor fünf Jahren vielleicht war und was wir einfach für einen Weg gegangen sind seitdem. Es ist einfach sehr, sehr schön, dass ich da mit dabei sein darf.
SPORT1: Sie selbst haben eine große Rolle gegen Belgien gespielt, nachdem Sie beim Spiel zuvor gar nicht so viele Minuten bekommen haben. Wie bleibt man da trotzdem selbstbewusst, um gleich wieder so abzuliefern?
Wilke: Ich weiß, was ich machen muss, um dem Team bestmöglich helfen zu können und gestern sind die Würfe gefallen. Ich weiß, dass es ein wichtiges Spiel ist, und ich liebe wichtige Spiele. Das hat mir einfach Spaß gemacht.
Vom WM-Finale in die Schule?
Basketball-WM: Wilke schwärmt von Nowitzki-Jubel
SPORT1: In den Sozialen Medien hat man gesehen, wie Dirk Nowitzki bei einigen Ihrer Dreier richtig steil gegangen ist. Was macht das mit Ihnen?
Wilke: Ich habe das Video auch gesehen und dachte: ‚Wow, ich hätte niemals gedacht, dass mir jemand wie Dirk Nowitzki mal zujubeln würde, wenn ich spiele‘. Ich dachte eigentlich immer, es wäre andersrum. Das war einfach total cool.
SPORT1: Wenn wir an die Anfänge Ihrer Basketball-Zeit zurückschauen, wer waren denn da Ihre Vorbilder?
Wilke: Ich hatte nie ein weibliches Vorbild. Kobe Bryant war immer mein Vorbild und deshalb ist es umso schöner, dass wir jetzt Vorbilder sein können für so viele Kids da draußen. Diese strahlenden Kinderaugen zu sehen nach dem Spiel ist einfach so schön.
SPORT1: Wie wichtig ist es, dass viele kleine Mädchen jetzt auch Frauen als Vorbilder haben?
Wilke: Extrem wichtig. Ich hatte das damals nicht und ich wusste gar nicht, was eigentlich möglich ist im Basketball. Mir hätte das extrem geholfen, wenn ich ein weibliches Vorbild gehabt hätte. Jemand, der greifbarer ist als ein Kobe Bryant, der in der NBA spielt. Jetzt zeigen zu können, was eigentlich alles möglich ist, hilft sehr. Als Beispiel: Ich wusste nicht, dass ich auch mal zu den Olympischen Spielen kommen kann. Ich hatte das nie als Ziel, weil ich gar nicht gedacht hätte, dass es möglich wäre. Und jetzt können wir den Kindern zeigen, was eigentlich alles möglich ist. Wir stehen im Halbfinale der WM. Etwas Besseres gibt es für diese Kids nicht, wenn die sowas miterleben können und da auch dabei sein können.
Basketball-Boom? „Hätte nicht gedacht, dass das mal passiert“
SPORT1: Können Sie schon realisieren, dass Sie ab sofort auch ein Vorbild für Kinder sind?
Wilke: So ein bisschen mehr und mehr würde ich sagen. Ich kriege das in Keltern (Deutscher Meister 25/26, Anm. d. Red.) schon ein bisschen mit, wenn dann die Kinder mit meinem Trikot rumlaufen. Das sind so Dinge, die einfach nochmal größer sind als der Sport. Das macht mich sehr, sehr stolz. Es gibt eigentlich fast nichts Schöneres, als in die Halle zu kommen und Kinder zu sehen, die mit meinem Trikot rumlaufen.
SPORT1: Wie erleben Sie denn allgemein das Publikum hier in Berlin bisher während der WM?
Wilke: Es ist der Hammer und hat uns gestern getragen. Auch in Phasen, wo es mal kritisch wurde, hat uns das extrem geholfen. Es war jedes Spiel so krass gute Stimmung. Klar, gegen Spanien war es nicht so, aber auch da waren die Fans da und auch im nächsten Spiel waren sie wieder da. Das hilft uns. Diesen Heimvorteil merkt man total.
"Ich kann es nicht glauben, es ist crazy"
SPORT1: Es ist deutlich zu spüren, dass die Sportart Basketball in Deutschland boomt. Wie cool ist das?
Wilke: Das ist richtig cool. Da kann ich auch ehrlich sagen, dass ich nicht gedacht hätte, dass das mal so passiert, wie es jetzt gerade ist. Vor allem, dass wir jetzt auch mit Frauen-Basketball die Hallen füllen. Die Herren haben den Weltmeistertitel und den Europameistertitel geholt, da ist es klar, dass sie damit einen Hype auslösen. Aber, dass wir das jetzt eben auch irgendwie fortführen können, ist extrem schön.
Wilke erklärt: So läuft das Doppelleben als Lehrerin
SPORT1: Vielleicht noch mal ein bisschen zu Ihnen. Nach der WM geht es wieder zurück an die Schule. Sie sind neben ihrer Basketball-Karriere Lehrerin. Das ist ja doch eine spezielle Situation. Wie schwer wird es nach diesem Highlight dann bald wieder zurück an die Schule zu gehen?
Wilke: Also jetzt hatte ich ja eh ganz lange Sommerferien. Das ist gerade die sechste Woche der Sommerferien. Das heißt, ich bin schon ganz gut in den Ferien angekommen und dadurch, dass wir jetzt mit Basketball schon fünf Wochen unterwegs sind, denkt man gar nicht so viel darüber nach. Der Coach sagt immer: Man ist halt da, wo seine Füße gerade stehen, und so ist es bei mir eigentlich auch. Ich kriege das immer ganz gut hin, das so ein bisschen voneinander zu trennen. Aber ich denke schon ein bisschen dran. Am Montag ist der erste Schultag und am Sonntag spielen wir dann eventuell ein Finale. Das ist schon verrückt. Ich bin aber sehr glücklich darüber, dass ich etwas gefunden habe, was mir einfach Spaß macht. Natürlich Basketball, aber ich muss ehrlich sagen: Ich freue mich auch total auf die Schule. Ich bin jetzt an einer neuen Schule nach den Sommerferien und freue mich da echt, dass es wieder losgeht.
SPORT1: Wie läuft das denn eigentlich ab? Müssen Sachen für das anstehende Schuljahr vorbereitet werden oder gibt es vielleicht auch Veranstaltungen, die Sie jetzt wegen der WM verpassen?
Wilke: Heute ist die erste Gesamtjahrkonferenz der Schule. Da werden auch die neuen Kollegen vorgestellt. Da bin ich direkt nicht da. Natürlich wäre ich da gerne dabei, aber das ist auch cool von der Schule, dass sie eben sagt: ‚Ok, du spielst eine Weltmeisterschaft, da ist es okay, wenn du fehlst.‘ Ich bekomme da super Unterstützung. Natürlich ist es in den Sommerferien nicht so, dass wir da komplett unsere Beine hochlegen. Man muss natürlich auch das neue Schuljahr vorbereiten und planen. Das muss ich jetzt auch nebenher machen.
SPORT1: Nach der WM geht es dann direkt zurück in die Schule?
Wilke: Ja, genau (lacht).
SPORT1: Warum haben Sie sich eigentlich damals bewusst dazu entschieden, neben ihrer Sportlerinnen-Karriere Lehrerin zu werden und eben kein Vollzeit-Profi?
Wilke: Ich würde sagen, dass es damals zu der Zeit, in der ich angefangen habe mit dem Profibasketball, noch andere Strukturen waren. Ich habe ja erzählt, dass ich nie ein weibliches Vorbild hatte und so war mir gar nicht so bewusst, dass man Basketball als Hauptjob machen kann. Zudem weiß man nie, was mit Verletzungen oder Ähnlichem passiert. Eigentlich muss ich sagen, dass ich das Studium sogar priorisiert habe. Als ich Abi gemacht habe, habe ich in der zweiten Liga gespielt. Ich war also kein Überflieger. Das heißt, mir war eigentlich schon von vornherein klar, dass ich nebenbei etwas anderes machen muss. Außerdem wollte ich schon immer Lehrerin werden, weshalb ich gar nicht lange überlegt habe. Für mich war immer klar, dass ich nebenher studiere und es danach dann eben als Lehrerin weitergeht.
SPORT1: Wie finden eigentlich Ihre Schülerinnen und Schüler, dass sie Basketball-Profi sind?
Wilke: Ich hatte bisher echt sehr, sehr tolle Schülerinnen und Schüler, die auch super interessiert waren. Die waren auch bei Spielen in Keltern und das ist natürlich für mich auch extrem schön. Ich hatte sogar zwei Schülerinnen, die waren jetzt hier beim Spiel gegen Spanien. Die sind extra an einem Tag hin und zurück gereist. Sowas zu sehen, ist natürlich toll. Ich konnte denen zum Glück auch ‚Hallo‘ sagen. Das ist ja immer die Frage, ob man das schafft bei den vielen Leuten. Es ist toll, dann auch so ein bisschen ein Vorbild sein zu können für die Kids.
Wilke vor Halbfinale gegen Frankreich: „Jetzt ist alles möglich“
SPORT1: Schauen wir zurück auf die WM. Wie fühlt es sich an, in einer Mannschaft zu spielen, die daran glaubt, hier richtig etwas bewegen zu können?
Wilke: Das ist so krass, auch wenn wir eigentlich schon immer an uns geglaubt haben. Wenn ich jetzt auch an die EM letztes Jahr zurückdenke, haben wir ja auch gegen Belgien im Viertelfinale gespielt und auch da daran geglaubt, dass wir gewinnen können. Aber jetzt ist es das erste Mal, dass wir es wirklich geschafft haben und im Halbfinale von einer Weltmeisterschaft stehen. Also dieses Jahr sind wir unter den Top-4 der Welt. Jetzt ist einfach alles möglich.
DBB-Star selbstbewusst: "Mit uns ist nicht zu spaßen"
SPORT1: Jetzt geht es im Halbfinale gegen Frankreich. Was erwarten Sie für ein Spiel?
Wilke: Frankreich ist natürlich eine Topnation. Also sie sind für mich auf jeden Fall mit den USA die Top-Mannschaft im Turnier. Die haben ihre Spiele auch total verrückt gestaltet und waren sehr, sehr dominant. Ich bin gespannt, wie wir uns drauf vorbereiten, aber ich glaube gerade nach gestern müssen wir uns vor niemandem mehr verstecken.
SPORT1: Was macht Sie optimistisch, dass Sie es trotzdem packen?
Wilke: Dass wir eben auch Top-Qualität haben in unserem Team. Wenn man unsere Spiele anschaut und wie wir die letzten Spiele als Team performt haben und verteidigt haben. Zudem ist unser Zusammenhalt unglaublich. Das macht unser Team ganz besonders.
SPORT1: Man hat das Gefühl, dass Ihr im Team denselben Glauben an sich selbst hat, der schon die Männer zum WM- und EM-Titel getragen hat. Spüren Sie das auch?
Wilke: Auf jeden Fall! Also jeder von uns glaubt daran, dass hier eigentlich alles möglich ist. Das hat man gegen Belgien gesehen. Von außen waren wir der klare Underdog, aber für uns im Team eben nicht. Wir haben alle dran geglaubt, dass wir dieses Spiel gewinnen können und so sind wir da rausgegangen.
Wilke will „Medaille mit nach Hause nehmen“
SPORT1: Ertappen Sie sich manchmal jetzt schon dabei, dass Sie vielleicht vom ganz großen Coup träumen?
Wilke: (Lacht). Ich sage immer: ‚Schritt für Schritt.‘ Bei den Olympischen Spielen ging es immer nur darum, dass wir eine Medaille wollen und dann stolpert man vielleicht über einen anderen Gegner. Klar, Frankreich war auch damals schon stark. Es ist jetzt ganz, ganz wichtig Schritt für Schritt zu gehen und jetzt erst mal nur an Frankreich zu denken.
SPORT1: Einige Träume konnten Sie sich bei der WM bereits erfüllen. Welche Träume haben Sie noch?
Weitere News
Wilke: Auf jeden Fall eine Medaille mit nach Hause zu nehmen.