Mit seiner Eleganz, seiner Kreativität und seinem außergewöhnlichen Spielverständnis begeisterte Waleri Charlamow in seiner aktiven Karriere nicht nur die Fans in der Sowjetunion, sondern auch die Spieler und Eishockey-Fans in Nordamerika.
Der tragische Tod einer Ikone, die ihren Sport für immer veränderte
Der Volksheld, der viel zu früh starb
Durch seine überragenden Auftritte in den direkten Duellen mit der kanadischen Nationalmannschaft bei der Summit Series 1972 gelang ihm etwas, was zuvor über viele Jahrzehnte undenkbar war: Europäische Eishockey-Spieler bekamen im Mutterland des Eishockeys plötzlich den Respekt entgegengebracht, den sie verdient hatten.
Auch wegen dieser Spiele gilt Charlamow bis heute als einer der größten Spieler der Geschichte, dessen Leben heute vor 45 Jahren bei einem Autounfall viel zu früh endete. Sein Vermächtnis bleibt bis heute erhalten – nicht umsonst nennen ihn viele NHL-Stars als Vorbild.
Charlamows Aufstieg zur Eishockey-Legende
In der besten Liga der Welt spielte der gebürtige Moskauer übrigens nie. Schon als Kind lief er für den Nachwuchs von ZSKA Moskau auf. Bis auf eine Saison zum Start seiner Karriere beim Zweitligisten Swesda Tschebarkul verbrachte er seine gesamte Karriere beim Armeeklub.
Dabei erzielte Charlamow in 436 Spielen 293 Tore und bereitete weitere 214 Treffer vor. Elf sowjetische Meistertitel unterstreichen die Dominanz jener Mannschaft, deren Aushängeschild er über viele Jahre war. Bekanntheit im Welt-Eishockey erlangte Charlamow aber speziell wegen seiner Auftritte mit der sowjetischen Nationalmannschaft.
Zwischen 1969 und 1979 holte er mit seinem Team acht WM-Titel und zweimal Olympia-Gold. Bei vier der Weltmeisterschaften stand der Flügelstürmer im All-Star-Team. Bei großen Turnieren erzielte er in 123 Einsätzen unglaubliche 89 Tore und bereitete 102 weitere Treffer vor.
„Seine Talente wurden ihm von Gott gegeben, und er konnte praktisch alles. Ein geschicktes Spiel, einen raffinierten Pass, einen präzisen Schuss. Alles, was er tat, sah so leicht und elegant aus. Sein Hockey-Spiel war ästhetisch, und er verblüffte damit Millionen“, lobte ihn einst sein Teamkollege und Erfolgstorhüter Wladislaw Tretjak.
Legendäre Reihe geht in die Eishockey-Geschichte ein
Für Begeisterung sorgte Charlamow bei den Turnieren besonders an der Seite seiner kongenialen Reihenpartner Boris Michailow (rechter Flügelspieler) und Wladimir Petrow (Center). Gemeinsam bildeten die drei die vielleicht berühmteste Sturmreihe der sowjetischen Eishockey-Geschichte.
Während Center Petrow als intelligenter Spielmacher das Zentrum besetzte und Michailow mit Torjägerqualitäten überzeugte, war Charlamow der kreative Kopf der Formation. Sein Skating mit überraschenden Antritten und seine Spielübersicht machten die Reihe zu einer nahezu unlösbaren Aufgabe für gegnerische Verteidiger.
Mit ihrem Zusammenspiel wurde das Trio zum Symbol einer sowjetischen Eishockeyschule, die auf Technik, Bewegung und mannschaftliche Geschlossenheit setzte. Noch heute gilt die Reihe Michailow, Petrow und Charlamow als Maßstab für funktionierendes Zusammenspiel im Angriff.
Summit Series 1972: Als Charlamow Nordamerika eroberte
Seinen internationalen Durchbruch erlebte Charlamow während der legendären Summit Series 1972 zwischen Kanada und der Sowjetunion. In der acht Spiele umfassenden Serie trafen die besten kanadischen NHL-Profis erstmals auf die Elite des sowjetischen Eishockeys. In Nordamerika herrschte damals die weitverbreitete Meinung, die NHL sei der sowjetischen Liga in jeder Hinsicht überlegen.
Doch bereits im ersten Spiel in Montreal schockte die Sowjetunion die Gastgeber mit einem 7:3-Sieg. Charlamow stand dabei im Mittelpunkt: Der Flügelstürmer erzielte zwei Tore und lieferte eine Leistung ab, die selbst die kanadischen Stars verblüffte. Viele Beobachter bezeichneten ihn anschließend als den besten Spieler auf dem Eis.
Die Serie entwickelte sich im Anschluss zu einem der bedeutendsten Ereignisse der Eishockeygeschichte. Kanada triumphierte letztlich mit vier Siegen bei einem Unentschieden und drei Niederlagen. Den entscheidenden Treffer zum 6:5 erzielte Paul Henderson erst 34 Sekunden vor dem Ende des achten Spiels.
Charlamow beeindruckte trotz der letztendlich knappen Niederlage. Seine Auftritte waren so dominant, dass Kanadas Verantwortliche begannen, gezielt nach Wegen zu suchen, um ihn zu stoppen. Im sechsten Spiel verletzte ihn Bobby Clarke mit einem heftigen Stockschlag am Knöchel, wodurch Charlamows Einfluss auf die restliche Serie eingeschränkt wurde.
Dennoch war die Summit Series für ihn der endgültige Aufstieg zu einem weltweiten Superstar. Charlamow war einer der ersten Spieler aus Übersee, der von nordamerikanischen Experten, Journalisten und NHL-Profis uneingeschränkt als Weltklassespieler anerkannt wurde.
Bittere Niederlage beim „Miracle on Ice“
Auch deshalb war die Niederlage für den Flügelspieler wohl nicht ganz so bitter. Ganz anders sah es knapp acht Jahre später bei der wohl bittersten Pleite seiner Karriere bei den Olympischen Spielen in Lake Placid aus.
Die Sowjetunion reiste als klarer Favorit zu den Winterspielen. Die Mannschaft hatte das internationale Eishockey über Jahre dominiert und galt in einem internationalen Turnier ohne NHL-Spieler für viele als praktisch unschlagbar.
Umso größer war die Überraschung, als das Team, welches 1972 und 1976 souverän Olympiasieger geworden war, im Halbfinale gegen die USA mit 3:4 verlor. Bei den US-Amerikanern lief anders als heutzutage bei Olympia kein NHL-Spieler, sondern eine verbesserte College-Auswahl auf. Auch deshalb ging das Spiel als „Miracle on Ice“ in die Sportgeschichte ein.
Charlamow stirbt mit 33 Jahren bei Autounfall
Was zum Zeitpunkt des Spieles noch keiner wusste: Es sollte das letzte große Spiel des Eishockey-Stars sein. Nur anderthalb Jahre nach Lake Placid endete Charlamows Leben tragisch.
Am 27. August 1981 kamen er und seine Ehefrau Irina bei einem Verkehrsunfall nahe Solnetschnogorsk ums Leben. Die Nachricht löste in der Sowjetunion tiefe Bestürzung aus. Charlamow war zu diesem Zeitpunkt erst 33 Jahre alt.
Postum wurde er 1998 in die IIHF Hall of Fame und 2004 in die Russische Hockey Hall of Fame aufgenommen. Ein Jahr später folgte auch die Aufnahme in die in Nordamerika so wichtige Hockey Hall of Fame. Ein weiterer Beleg dafür, wie bedeutsam Waleri Charlamow für das Welt-Eishockey war. Er bleibt einer der größten Künstler, die dieser Sport je hervorgebracht hat.