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Die wohl verrückteste PK der Ligahistorie

Die wohl verrückteste PK der Ligahistorie

Im Dezember 1990 verkleidet sich Fortuna-Trainer Alex Ristic als Weihnachtsmann und verkündete seinen Abschied. Er wechselte Hals über Kopf zu Schalke 04.
Aleksandar Ristic (hier als Weihnachtsmann) sorgte immer wieder für Wirbel in der Bundesliga
Aleksandar Ristic (hier als Weihnachtsmann) sorgte immer wieder für Wirbel in der Bundesliga
© Screenshot: ARD
Udo Muras
von Udo Muras
am 28. Aug

Die Vereine, die sich heute Abend im Topspiel der 2. Liga gegenüber stehen, verbindet so einiges.

1931 gab es einen Zuschauerrekord in der alten Glückauf-Kampfbahn, 70.000 erlebten das 1:0 in einem Testspiel mit. Es war Spiel eins nach der Amnestie für die gesperrten Stars um Szepan und Kuzorra und die Kinder saßen auf den Toren. 1933 holte Fortuna ihre bis dato einzige Meisterschaft im Endspiel gegen Schalke (3:0). Davon kann heute kaum noch jemand erzählen, der es erlebt hat.

Weit präsenter ist die Komödie vor knapp 30 Jahren, als Schalke kurz vor Weihnachten der Fortuna den Trainer klaute. Auf der Homepage “Schalke Unser” ist sie unter Kapitel 21 “der schönsten Skandale von Schalke 04” aufgeführt. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Doch lesen Sie selbst.

Fortuna-Trainer Ristic weckt Begehrlichkeiten

Im Herbst 1990 hätte eigentlich alles wunderbar sein können bei Fortuna Düsseldorf. Die Mannschaft widerlegte das Gerede vom schweren zweiten Jahr nach dem Aufstieg und stand im ungefährdeten Mittelfeld der Bundesliga. Der (relative) Erfolg hatte jedoch seine Schattenseiten, denn der dafür Verantwortliche weckte Begehrlichkeiten: Trainer Aleksandar Ristic, damals 46.

Der Bosnier war als schräger Vogel bekannt und längst Kult bei den Fans. Medien fütterte er mit seinen frechen Sprüchen, Linienrichter mit Hustenbonbons, auf seinem Trainerstuhl machte er selbstironisch für den Klebstoff Pattex gut bezahlte Werbung. Der Typ war eine Marke - und gut war er eben auch.

Schalke-Boss überwirft sich mit Peter Neururer

Bei Schalke 04, damals im dritten Jahr in Folge Zweitligist und endlich wieder auf Aufstiegskurs, machten sie sich so ihre Gedanken. Auch sie hatten einen Kulttrainer, doch der war weit unerfahrener und auch kein Leisetreter: Peter Neururer. Heute SPORT1-Experte, damals mit 35 noch am Anfang seiner Karriere, aber schon ziemlich von sich überzeugt (“Wir werden Meister!”).

Schalke-Präsident Günther Eichberg (l.) und Trainer Peter Neururer waren nicht immer einer Meinung
Schalke-Präsident Günther Eichberg (l.) und Trainer Peter Neururer waren nicht immer einer Meinung

Mit Präsident Günter Eichberg rasselte er immer mal aneinander, zwei Alphatiere in einem Verein - das geht selten gut. 1990, nach der Rettung vor dem Sturz in die Drittklassigkeit, hatte Eichberg Neururer noch seinen Porsche geschenkt, nun aber wurde er ihm zu mächtig und beliebt.

Zwar stand Schalke im November 1990 auf Aufstiegsplatz zwei, aber Eichberg weigerte sich, dem bis Juni 1991 gebundenen Trainer einen Zwei-Jahres-Vertrag bei dessen “Herzensklub” zu geben. Sein Angebot: nur ein Jahr. Seine Begründung: “Weil mir andernfalls die Gesamtdauer der Zusammenarbeit zu lang geworden wäre.”

Mit anderen Worten: Er hatte genug vom Trainer-Rookie Neururer und sah sich nach einem erfahreneren Mann um: Aleks Ristic, der in Düsseldorf nicht mehr glücklich zu sein schien. Schon am 6. Oktober 1990 hatte der nach internen Querelen verkündet: “Ich werde meinen Vertrag in Düsseldorf nicht verlängern. Wenn ich den wahren Grund dafür nenne, wäre das einer für eine fristlose Entlassung.” (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Die Öffentlichkeit blieb rätselnd zurück, andererseits kannten sie am Rhein so ihren Aleks, der seinem Ruf als “komischer Vogel” in den folgenden Wochen alle Ehre machte.

Das Protokoll des Trainerchaos:

11. Oktober: Erste Gerüchte um Ristic kursieren auf Schalke. Eichberg wird so zitiert: “Ristic ist mein Lieblingstrainer!” Er dementiert aus dem Bodensee-Urlaub: “Kein Wort ist wahr. Ich werde doch in der jetzigen Situation unserem Trainer und der Mannschaft nicht vor den Kopf stoßen.”

15. Oktober: Ristic bekennt “unter gewissen Umständen könnte ich mir vorstellen, doch bei Fortuna zu bleiben.” Er spielt darauf an, dass sein Intimfeind Werner Faßbender, Vize-Präsident, zurücktreten müsste. Die Fans sind auf seiner Seite, hängen ein Plakat auf: “Lieber mit Ristic in die 2. Liga als mit diesem Vorstand Deutscher Meister.”

20. Oktober: Ristic findet den Vorstand samt Präsidenten plötzlich gut: “Ich kann Herrn Förster nur unterstützen.”

25. Oktober: Ristic beschimpft den Präsidenten, “er sagt die Unwahrheit”. Es geht um die gescheiterte Verpflichtung eines Torwarttrainers. Neue Gerüchte kursieren; er habe mit Schalke verhandelt. Ristic: “Vielleicht gehört sie zu den Interessenten, aber in den nächsten Monaten tut sich nichts.”

13. November: Schalke entlässt Neururer, der erneut einen Zwei-Jahres-Vertrag gefordert hat, auf Platz 2! Eichberg gibt auf der Pressekonferenz zu, dass er Ende Oktober mit Ristic gesprochen habe und “wir sind uns relativ schnell einig geworden!”

Ristic dementiert sogleich: “Ich gehe nicht nach Schalke. Die Entscheidung ist überhaupt noch nicht gefallen. Mir liegen fünf, sechs Angebote vor, außerdem will ich meinen Vertrag in Düsseldorf erfüllen.” Dazu Eichberg: “Sein Abwiegeln hatte sicher taktische Gründe.” Es gebe zwar noch keinen Vertrag, “aber auch mündliche Vereinbarungen sind verbindlich.”

14. November: Ristic kippt um: “Ich gehe nach Schalke!”

17. November: Beim Heimspiel gegen RW Essen sitzt 04-Legende Klaus Fischer auf der Bank. Die Fans singen: “Wir sind Schalker, Eichberg nicht.”

8. Dezember: Düsseldorf verliert 1:3 in Bremen, aber Ristic posaunt: “In der Rückrunde können wir noch die UEFA-Cup-Plätze angreifen!”. Dabei hat Eichberg längst verkündet, er wolle ihn zum 1. Januar verpflichten. Fortuna-Präsident Förster: “Wir sind nicht dazu da, Schalkes Probleme zu lösen. Herr Ristic erfüllt seinen Vertrag bis zum Ende der Saison!”

15. Dezember: Letztes Vorrundenspiel. Fortuna schlägt Gladbach mit 4:1, die Fans singen: “Aleks, wir danken Dir!”. Weihnachten kann kommen. Denkt sich auch Ristic und verschwindet eilig in der Kabine, noch im Sportoutfit. Zur Pressekonferenz erscheint ein Weihnachtsmann. Ristic hat sich ein Kostüm samt Rauschebart besorgt und für die Zuhörer keine allzu frohe Kund: “Das war heute mein letztes Spiel bei Fortuna!” (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Ristic wird bei Schalke nicht glücklich

Wohin er geht, muss er gar nicht mehr sagen, das macht schon der geknickte Präsident Peter Förster: “Die Situation hat sich zugespitzt. Es gab keine andere Möglichkeit mehr. Wir haben für Schalke 04, Fortuna Düsseldorf und Herrn Ristic eine zufriedenstellende Lösung gefunden.”

Die sieht so aus: Schalke zahlt laut Eichberg 200.000 DM Ablöse. Die Liga lacht über eine Posse im Advent und die Menschen lernen wieder viel über die den Wert von Versprechungen im Fußballgeschäft.

Trainer Aleksandar Ristic (FC Schalke 04) von Fans umlagert, der Aufstieg ist nah
Trainer Aleksandar Ristic (FC Schalke 04) von Fans umlagert, der Aufstieg ist nah

Schalkes Plan mit Ristic, der einen Zwei-Jahres-Vertrag erhielt, ging nur zum Teil auf. Den Aufstieg schaffte er, aber in der Bundesliga war vier Spiele vor Schluss der Saison 1991/92 Schluss. Unattraktiver Fußball, Zoff mit Spielern, kein Kredit bei den Fans, Abstiegsangst.

“Herr Ristic, Sie sind entlassen”, teilte ihm Eichberg am 30. April 1992 mit. Der folgte dem Vorschlag aufgebrachter Fans: “Geh doch zurück nach Düsseldorf!” Die war von seinen Nachfolgern mittlerweile in die 2. Liga katapultiert worden, er übernahm sie, stieg nochmal ab und dann zweimal in Folge auf. Einfach verrückt, der Typ.