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Der Held, der Schalke zu emotionslos war

Der Held, der Schalke zu emotionslos war

Siegfried Held wurde auf Schalke zum Aufstiegsmacher und in Dresden zum Retter in Not. Bei beiden Stationen zog er dann aber wegen seines Naturells Kritik auf sich.
News, Hintergründe und Fakten zum Bundesliga-Wochenende. Alle wichtigen Infos im Vorfeld der Spiele gibt es hier bei "9PLUS1".
Udo Muras
Udo Muras
von Udo Muras

Die Frage, zu wem Sigfried „Siggi“ Held am Samstagabend, im Topspiel der 2. Liga, denn halten würde, ist vermutlich keine allzu leichte für den mittlerweile 79-Jährigen.

Sowohl beim FC Schalke 04 als auch bei Dynamo Dresden (heute LIVE im TV auf SPORT1) erlebte er gute und schlechte Zeiten, bei beiden blieb er zwei Jahre, war mal der Held und mal der Buhmann. Wie das so ist in einem Trainer-Leben. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Den Fußballfans früherer Tage ist Held vermutlich eher als Spieler in Erinnerung geblieben, der an der Seite von Lothar Emmerich mit Borussia Dortmund die Bundesliga in deren Frühzeit aufmischte und im Jahr 1966 seine größten Erfolge feierte: Europapokalsieger im Mai mit dem BVB und Vizeweltmeister im Juli mit Deutschland.

Er war dabei, als das berühmte Wembley-Tor fiel. Auch bei der WM in Mexiko spielte er mit, nicht ganz so glücklich im Jahrhundertspiel gegen Italien, als er im Halbfinale ein Tor verschuldete.

Das Abenteuer Schalke

Es wurde zum Paradebeispiel für die heute längst überholte These, dass Stürmer im eigenen Strafraum nichts verloren hätten. Bis 1973 trug er das DFB-Trikot 41mal, sogar als Zweitligaspieler der Offenbacher Kickers, mit denen er 1970 Pokalsieger wurde.

Mit 38 endete seine Profikarriere mit einem Abstieg – Bayer 05 Uerdingen war seine letzte Station. Quasi nahtlos erfolgte der Übergang zum Trainer, in der Saison 1981/82, der ersten der eingleisigen 2. Liga, saß er bei Schalke 04 auf der Bank. Die Königsblauen waren erstmals aus der Bundesliga abgestiegen und auf der Suche nach ehrgeizigen Männern, für die die 2. Liga nicht unter ihrer Würde war.

Zweitligameister 1982 - Es jubeln Norbert Janzon, Manager Rudi Assauer sowie Siegfried Held (links hinter Janzon)
Zweitligameister 1982 - Es jubeln Norbert Janzon, Manager Rudi Assauer sowie Siegfried Held (links hinter Janzon)

Da kam sogar ein Ex-Dortmunder in Frage, vielleicht auch weil der neue Manager mit ihm 1966 den Europapokal gewonnen hatte. Rudi Assauer jedenfalls ging das Risiko mit Jung-Siegfried ein und der wurde zum Aufstiegs-Held. Als Meister führte er Schalke in die Bundesliga zurück. Aus jener ersten von bisher fünf vollständigen Zweitligaspielzeiten rührt noch der Rekord von 13 Spielen ohne Niederlage. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Krise und Abschied aus Schalke

So souverän sie durchs Tor der Bundesliga zurückmarschierten, so schwer taten sie sich, sich wieder rein zu finden. Nach der Vorrunde hatte Schalke nur drei Siege auf dem Konto und jede Menge Ärger, weil Held Publikumsliebling Norbert Nigbur nach einem schwachen Spiel suspendierte.

Der klagte sich wieder ins Training ein und wusste die Mannschaft auf seiner Seite. Der junge Coach zahlte Lehrgeld und wurde im Januar 1983 Opfer einer Spielerrevolte. Eine Delegation erschien vor Assauer und Präsident Dr. Fenne und nannte vier Aspekte für Helds Rauswurf: „1. Das Training ist völlig falsch aufgebaut. 2. Er kann die Mannschaft nicht richtig einstellen. 3. Er ist für den Abstiegskampf nicht der geeignete Mann. 4. Er strahlt keine Begeisterung und kein Engagement aus.“

Siegfried Held (li.) und Manager Rudi Assauer - nach einer Spielerrevolte muss der Trainer seinen Hut nehmen
Siegfried Held (li.) und Manager Rudi Assauer - nach einer Spielerrevolte muss der Trainer seinen Hut nehmen

Zum Rauswurf kam es nicht, Held ging von selbst, als er von Assauer erfuhr was die Mannschaft von ihm hielt. Siggi Held ist nie ein großer Redner gewesen, war auch immer ein bisschen misstrauisch. Fragte ihn ein Journalist, wie es ihm gehe, antwortete er schon mal: „Wollen Sie mich aushorchen?“

Das war sein eigener Humor. Seine Art war im Erfolg gut genug, im Misserfolg keine Hilfe. Sein erster Trainerjob - damals auf Schalke - endete mit einer Enttäuschung. Schalke stieg mit dem etwas empathischeren Jürgen Sundermann übrigens 1983 trotzdem ab. Held erging es 1984 nicht besser mit Zweitligist BV Lüttringhausen, den er in der Rückrunde übernahm und nur zu einem Sieg führte. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Aus dem Ruhrpott in die weite Welt

Erst im Ausland nahm seine Karriere wieder Fahrt auf, als Nationaltrainer von Island feierte er beachtliche Erfolge, die ihn für Vereine interessant machten. Galatasaray Istanbul und Admira Wacker/Wien hießen bis 1993 die letzten Stationen vor seiner Rückkehr nach Deutschland. Titel holte er nie, was Dynamo Dresden nicht davon abhielt ihn 1993 nach Sachsen zu locken.

Für ein Himmelfahrtskommando. Dynamo startete wegen Vergehen beim Lizenzierungsverfahren mit vier Minuspunkten und galt als Absteiger Nummer 1. Held stürzte sich ins Abenteuer Dynamo, trotzte den ständigen Querelen im Verein und auch den Kritikern wegen seiner unverändert stoischen Ruhe. „Profis müssen wissen, was sie wollen. Ich bin nur für die körperliche Fitness zuständig“, antwortete er lapidar auf den Vorwurf fehlender Emotionalität.

Am Ende stand der Klassenerhalt: Sigi Held mit Dynamo Dresden um Olaf Marschall und Uwe Rösler
Am Ende stand der Klassenerhalt: Sigi Held mit Dynamo Dresden um Olaf Marschall und Uwe Rösler

Im ersten Jahr war es wie auf Schalke völlig egal, denn Held kam mit seiner Art ans Ziel. Schon am vorletzten Spieltag waren sie trotz des Punktabstiegs gerettet, Olaf Marschall schoss das golden Tor gegen Bremen zum 1:0 und Held flog zufrieden in Urlaub.

Als er am 28. Juni 1994 zurückgekehrt war, war nicht mehr viel übrig von seiner ersten Elf, drei Leistungsträger wurden verkauft und Held schlug erstmals Alarm: „Diese Entwicklung war nicht in meinem Sinne. Alle anderen haben sich verstärkt, nur wir nicht.“

Unrühmliches Ende bei Dynamo Dresden

Vielleicht ging er da gedanklich schon auf Abschiedstournee, jedenfalls zeigte er sich offen für ein Angebot aus Japan von Gamba Osaka. Das gelangte dummerweise schon im Oktober an die Öffentlichkeit und Dynamo verlor Spiel um Spiel – sechs am Stück.

Held gestand am 24. Oktober, als er sich für Osaka schon entschlossen hatte: „Das Bekanntwerden des Wechsels war sicher nicht förderlich, um die Niederlagenserie wegzustecken.“

Dynamo hatte nun einen Trainer auf Abruf, bloß wusste keiner, wann der das Weite suchen wollte. Es war eine groteske Situation, noch während er amtierte, ging der Verein auf Trainersuche.

In dieser Situation musste Dynamo am Freitag, den 18. November 1994, an den Ort, an dem für Held seine Bundesligakarier als Trainer begonnen hatte. Nach Schalke. Hier endete sie auch, denn sein Team ging 0:4 unter. Youri Mulder (21.), Radek Latal (30., 46.) und Mike Büskens (53.) schossen die chancenlosen Gäste ab.

Der Kicker urteilte: „Mit dem Wort desolat schmeichelt man der Leistung der Dynamos an diesem Abend noch.“ Held monierte: „Es war wie eine ansteckende Krankheit. Da steht einer zu weit von seinem Gegenspieler weg und die Nebenleute machen es nach, nehmen sich das schlechte Beispiel zum Vorbild.“

Bei Schalke 04 und Dynamo Dresden unvergessen

Als Vorbild aber taugte auch der Trainer, in Gedanken schon in Japan, nicht mehr. Fand Held jedenfalls selbst und trat drei Tage später wie einst auf Schalke zurück. „Für die Spieler fällt damit das Alibi weg“, begründete er seine Entscheidung, mit der er der des Vereins wohl zuvorkam.

Am 22. November nahm er Abschied von den Spielern und Mitarbeitern und sagte: „Ich gehe mit einem lachendem und einem weinendem Auge. Ich freue mich auf die Aufgabe in Japan, habe mich aber in Dresden immer wohlgefühlt.“

Er übergibt den Verein auf Platz 15, seine Nachfolger Horst Hrubesch und Ralf Minge manövrieren ihn auf den letzten Platz. Dynamo hat seither nicht mehr in der Bundesliga gespielt. Auch Held kam nicht mehr in die Bundesliga, nach seinem Japan-Abstecher versuchte er es noch mal beim VfB Leipzig (1995-97), aber da war es wie überall.

Ein gutes erstes Jahr, ein schlechtes und weit kürzeres zweites. In Erinnerung bleibt er den Fans von Schalke und Dynamo aber wegen der Erfolge. Er war der Mann, der Schalkes ersten Betriebsunfall reparierte und derjenige, der das Wunder von Dresden schaffte.

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