Anzeige

„Gibt keinen Idioten in der Mannschaft“

„Gibt keinen Idioten in der Mannschaft“

Darmstadts Top-Torjäger Pfeiffer und Tietz sprechen im Interview mit SPORT1 über die Stärken der Lilien und das Geheimnis des derzeitigen Erfolges.
Sie sind das Traumpaar der zweiten Liga: Philipp Tietz und Luca Pfeiffer vom SV Darmstadt 98 treffen in der zweiten Bundesliga nach Belieben.
Christopher Michel
Christopher Michel
. SPORT1
. SPORT1
von Christopher Michel, Thorsten Siegmund

Luca Pfeiffer und Phillip Tietz sind die Attraktion der 2. Liga!

In der Hinserie erzielten die beiden Angreifer von Darmstadt 98 jeweils zwölf Tore und katapultierten den Klub so auf Rang zwei. Doch das Duo versteht sich nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz.

Vor dem Duell am Samstagabend gegen den Karlsruher SC blickte der 24-Tore-Sturm bei SPORT1 auf das erste Halbjahr zurück. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

SPORT1: Phillip Tietz und Luca Pfeiffer, alle Experten hatten Bremen, Schalke, Hamburg oben erwartet. Auf einem Aufstiegsplatz steht aber Darmstadt 98. Was hat die Lilien in der ersten Saisonhälfte ausgezeichnet?

Phillip Tietz: Die anderen Mannschaften, die wie Hamburg schon länger in der zweiten Liga oder wie Schalke 04 und Werder Bremen abgestiegen sind, haben einen anderen Druck. Wir konnten befreit aufspielen, vor allem, weil am Anfang der Saison auch der Mist mit Corona kam. Dadurch galten wir quasi als Abstiegskandidat, aber die Corona-Ausfälle haben bei uns eine „Jetzt-erst-recht“-Einstellung erzeugt. Wir machen uns auch jetzt keinen Kopf und treten weiter geschlossen als Mannschaft auf. Denn das ist im Endeffekt unser Schlüssel zum Erfolg gewesen.

Luca Pfeiffer: Diesen Aussagen kann ich mich nur anschließen. Wir haben Woche für Woche mehr als Team zusammengefunden. Jeder hat gesehen, dass wir als Kader und Einheit in jedem Spiel funktionieren. Wir sind mittlerweile auch sehr schwer auszurechnen, weil wir viele verschiedene Möglichkeiten haben, Fußball zu spielen. Wir machen uns wenig Druck und geben weiter Gas. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

SPORT1: Sie haben die Corona-Situation zu Saisonbeginn angesprochen. Was hat das mit der Mannschaft gemacht?

Pfeiffer: Nach den vielen coronabedingten Ausfällen sind wir extrem zusammengerückt. Keine Mannschaft der Welt kann das auffangen, wenn zehn Spieler ausfallen. Torsten Lieberknecht ist aber immer positiv geblieben und hat uns eingeschworen. Der Trainer hat uns gesagt, dass wir gemeinsam aus dieser Situation herauskommen. Diese Einstellung hat sich dann auch auf das Team übertragen. Ich war im Sommer nach zehn Tagen in Quarantäne erfreut, wieder zur Mannschaft zurückzukommen.

SPORT1: Das Thema Impfung und Corona bewegt natürlich die ganze Gesellschaft und sorgt für hitzige Debatten. Wie haben Sie es geschafft, dass die Mannschaft angesichts dieser brisanten Thematik nicht auseinandergebrochen ist?

Tietz: Das hat viel mit unserem sportlichen Leiter Carsten Wehlmann zu tun, der den Kader zusammengestellt hat. Ich glaube, dass es keinen Spieler in der Mannschaft gibt, der außen vor ist. Wir haben charakterlich einwandfreie Typen im Team. Das hat man dann auch in dieser schwierigen Phase gemerkt. Die Corona-Situation hat uns zusammengeschweißt und nicht auseinandergebracht. Jeder Einzelne hat zu diesem Erfolg beigetragen.

Darmstadt-Sturmduo vertraut sich blind

SPORT1: Einen großen Anteil am Erfolg haben Sie beide mit ihren jeweils 12 Saisontoren. Warum harmoniert das zwischen Ihnen beiden so gut?

Tietz: Luca und ich haben uns in der 3. Liga beim Spiel zwischen Paderborn und Osnabrück das erste Mal gesehen. Da haben wir uns direkt super verstanden. Als Luca nach Darmstadt kam, haben wir deshalb schnell zusammengefunden. Wir haben sofort die Harmonie gespürt und waren direkt auf einer Wellenlänge. Er ist auch neben dem Platz ein guter Kumpel geworden. Als wir zuletzt zusammen Bundesliga geschaut haben, habe ich ihm gesagt, dass ich noch nie mit einem Stürmerpartner so gut auf und neben dem Platz harmoniert habe. Wir sind echte Freunde geworden. Luca vertraut mir blind und ich vertraue ihm blind. Er weiß, was ich mache und ich weiß, was er macht. Das ist ein Geben und Nehmen. Das leben wir komplett aus. Darüber sollten wir uns aber keinen Kopf machen, sonst klappt das Toreschießen vielleicht nicht mehr so gut (lacht).

SPORT1: Luca Pfeiffer, was ist das Besondere am Typen Phillip Tietz?

Pfeiffer: Phillip ist einfach ein guter Stürmer. Ich vertraue ihm blind und weiß, dass etwas Gutes dabei herauskommt, wenn ich ihm den Ball gebe. Ich habe nie Angst, dass er eine Torchance vergibt. Er trifft oft die richtigen Entscheidungen und man kann sich extrem auf ihn verlassen. Phillip ist ein super Typ, wir machen auch privat immer mal wieder etwas zusammen.

SPORT1: Eine These: Phillip Tietz und Luca Pfeiffer kommen auf gemeinsam 50 Tore am Saisonende. Würden Sie unterschreiben?

Tietz: Das ist zu weit in die Ferne geschaut. Wir haben aber Spieler um uns herum, die auch treffen. Mir ist – es tut mir leid für den Ausdruck - scheißegal, wer die Tore schießt. Hauptsache wir gewinnen die Spiele. Wir wollen der Mannschaft aber weiterhin mit unseren Toren helfen.

Pfeiffer: Ich gehe komplett mit Phillip mit. Es lief sehr gut in der Hinrunde. Aber wenn es bei uns mal nicht so läuft, dann ist wichtig, dass auch andere Spieler treffen. Es hat Darmstadt ausgezeichnet, dass wir uns auf alle verlassen können und auch eine stabile Defensive haben. Es wird zu oft über Phillip und mich gesprochen. Beim 1:0 in Paderborn etwa hatten wir eine grundsolide Abwehrleistung und konnten drei Punkte holen, obwohl wir nicht getroffen haben. Uns beiden ist es wirklich egal, wer die Tore schießt. Hauptsache, wir haben Erfolg und können danach in der Kabine feiern.

SPORT1: Was macht diesen Darmstädter Spirit aus?

Tietz: Es geht sehr familiär in Darmstadt zu. Wenn man sich Trainerteam, Geschäftsstelle und Fans anschaut, dann sind es die Lilien, die die Stadt am Spieltag zusammenbringen. Das wird auch von uns Spielern auf dem Platz vorgelebt. Deshalb muss ich noch einmal Wehlmann loben. Da passt alles zusammen. So etwas kann man gar nicht erzwingen, das passiert dann einfach.

„Das war ein Schlüsselmoment“

SPORT1: Es gibt ja immer die ganz besonderen Schlüsselmomente, in denen ein Team spürt, dass „mehr“ möglich ist. Nach welcher Partie hat es da „Klick gemacht“?

Pfeiffer: Ich habe von Beginn an gemerkt, dass die Mannschaft charakterlich zusammenpasst. Es gibt keinen Idioten und keine typische Grüppchenbildung. Das Team ist so breit aufgestellt, dass man mit jedem gut klarkommt. Nach der Corona-Zeit waren wir uns erst nicht darüber bewusst, wie es weitergeht. Dann sind wir auch im Pokal gegen 1860 München rausgeflogen, obwohl wir nach langer Quarantänezeit eine gute Leistung gezeigt haben. Das 6:1 gegen Ingolstadt am dritten Spieltag war dann allerdings ein Schlüsselmoment. Da hat man gesehen, dass die Mannschaft will und etwas kann. Zum Glück ist es dann so weitergegangen.

SPORT1: Die Traditionsvereine aus Bremen oder Schalke hat Darmstadt überrollt. Können Sie nicht einen der ersten beiden Plätze erreichen?

Tietz: Wir machen uns über das Thema Aufstieg keinen Kopf und schauen nicht zu weit in die Zukunft. Wir denken von Woche zu Woche. Der Fokus liegt immer auf dem nächsten Spiel. Ansonsten machen wir uns über die Tabelle keine große Platte. Das lebt der Trainer auch vor und wir folgen ihm. Wenn wir darüber nachdenken, dass wir am Ende ganz oben stehen könnten, dann machen wir uns nur unnötigen Druck.

SPORT1: Aber wie blendet man die Tabelle denn aus?

Pfeiffer: Es klingt zwar wie eine Phrase, aber: Ich schaue wirklich nicht auf den Tabellenplatz. Das Thema Aufstieg ist noch viel zu weit weg, der letzte Spieltag ist Mitte Mai. Es ist jetzt extrem wichtig, wie wir gegen den Karlsruher SC aus der Winterpause kommen. Nach zwei Spielen hatten wir noch null Punkte auf dem Konto. Ich bin deshalb stolz darauf, dass wir schon 35 Punkte gesammelt haben. Damit hat wohl wirklich gar keiner vor der Saison gerechnet. Wir tun gut daran, Woche für Woche weiterzuarbeiten und vielleicht können wir im April oder im Mai dann über andere Ziele reden.

SPORT1: Trainer Markus Anfang weg, Toptorjäger Serdar Dursun ebenfalls, dazu noch weitere Leistungsträger. Der Umbruch im vergangenen Sommer war groß. Welche Rolle spielt dabei der jetzige Erfolgstrainer Torsten Lieberknecht?

Tietz: Torsten Lieberknecht zeichnet aus, dass er vielen Spielern vertraut. Wenn ich Clemens Riedel sehe, dann erkenne ich meinen eigenen Weg. Lieberknecht hatte mich in Braunschweig hochgeholt und gefördert. Das macht er nun auch mit Riedel. Er ist ein super Trainer, der den Spielern Vertrauen schenkt. Keiner fühlt sich in die zweite Reihe geschoben, er spricht viel mit allen Spielern. Für mich ist wichtig, dass Lieberknecht Spaß am Leben und am Fußball hat. Wenn du das nicht hast, dann hast du keinen Erfolg und nicht das nötige Glück.

„Torsten Lieberknecht bleibt immer ruhig“

SPORT1: Luca Pfeiffer, was verbinden Sie mit Torsten Lieberknecht?

Pfeiffer: Das Thema Vertrauen spielt bei Torsten Lieberknecht eine große Rolle. Er hat Phillip und mir enormes Vertrauen geschenkt und das geben wir ihm zurück. So geht es auch anderen Spielern. Lieberknecht ist allerdings auch ein realistischer Trainer. Er kann Situationen sehr gut einschätzen. Lieberknecht bleibt immer ruhig, egal, ob es gut oder schlecht läuft. Er holt uns nach Siegen auf den Boden und baut uns nach Niederlagen wieder auf. Es ist hochprofessionell, wie der Trainer menschlich und taktisch arbeitet.

SPORT1: Sie haben noch einen bis 2024 laufenden Vertrag in Dänemark. Wie groß wäre denn die Lust, dauerhaft in Darmstadt zu bleiben?

Pfeiffer: Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe mir noch keine Gedanken über meine Zukunft gemacht. Ich kann das auch nicht alleine entscheiden, weil ich noch zwei Jahre beim FC Midtjylland Vertrag habe. Den habe ich zu erfüllen, wenn es der Klub so will. Ich hatte natürlich kein leichtes Jahr in Dänemark und fühle mich jetzt in Darmstadt sehr wohl. Ich möchte aber keine Wahrscheinlichkeiten über einen Verbleib abgeben. Das wäre den Klubs gegenüber nicht fair.

SPORT1: Phillip Tietz, wie gut schätzen sie denn die Chancen ein, dass sie auch über das Saisonende hinaus in Darmstadt zusammen stürmen können?

Tietz: Mich würde es sehr freuen, wenn Luca weiter in Darmstadt bleibt. Man weiß aber, wie der Fußball tickt und ich kann nicht sagen, was in Zukunft passiert. Ich drücke ihm die Daumen, dass er den richtigen Weg gehen kann. Es ist aber noch lange hin, bis man darüber sprechen kann. Jetzt genießen wir erstmal die gemeinsame Zeit.

Alles zur 2. Bundesliga bei SPORT1: