2. Bundesliga>

2. Bundesliga: Als ein 5:0 des FC St. Pauli gegen SC Paderborn zu wenig war

St. Paulis wohl nutzlosester Kantersieg

2012 feierte der FC St. Pauli einen Kantersieg über den SC Paderborn, der beiden Teams am Ende allerdings nichts einbrachte, außer einer weiteren Geschichte in der heiklen Beziehung beider Vereine. SPORT1 erinnert sich.
Für Max Kruse (l) und den FC St Pauli war ein 5:0 über Paderborn zu wenig für den Aufstieg.
Für Max Kruse (l) und den FC St Pauli war ein 5:0 über Paderborn zu wenig für den Aufstieg.
© Imago
2012 feierte der FC St. Pauli einen Kantersieg über den SC Paderborn, der beiden Teams am Ende allerdings nichts einbrachte, außer einer weiteren Geschichte in der heiklen Beziehung beider Vereine. SPORT1 erinnert sich.

In der Bundesliga sind sie sich nie begegnet, aber im Unterhaus treffen der FC St. Pauli und der SC Paderborn am Samstagabend im Topspiel (2. Bundesliga: FC St. Pauli - SC Paderborn heute ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) schon zum 18. Mal aufeinander.

2010 kam der SCP zum Gratulieren, Pauli war schon aufgestiegen und leistete sich eine 1:2-Niederlage. An eine Konstellation können sich die Fans beider Lager bestimmt noch gut erinnern: an den Tag vor bald zehn Jahren, als sogar beide Teams aufsteigen konnten, es aber keiner schaffte. Dafür entpuppte sich eine wahre Trainerposse.

Ausgerechnet Paderborn

Es war eine Situation, in der Sportjournalisten gern das Wörtchen „ausgerechnet“ benutzen. Am 6. Mai 2012, dem letzten Spieltag der 2. Liga, traf der FC St. Pauli am Millerntor auf den SC Paderborn. Ausgerechnet auf den Klub, dessen Trainer er sich im Sommer geholt hatte, welcher wiederum nun um seinen Job kämpfte.

André Schubert, damals 40 Jahre jung und voller Ehrgeiz, stand mit dem Rücken zwar Wand. Das Thema Wiederaufstieg war zwar noch eines an Millerntor, aber da auf 36 Hinrunden-Punkte nur 23 in der Rückrunde gefolgt waren, sah man auf St. Pauli über seine Schwächen etwas weniger großzügig hinweg als noch zu Beginn.

Sein oft rüder Umgangston gegenüber Spielern und Vorgesetzten wie Sportdirektor Helmut Schulte stand im starken Kontrast zu dem seines Vorgängers Holger Stanislawski, der nach dem Bundesligaabstieg 2011 unter Tränen seinen Heimatklub gen Hoffenheim verlassen hatte.

Nichts geht mehr unter Schulte

Mit Schulte ging nichts mehr und auch weil der scheinbar am längeren Hebel saß, galt die Trennung von Schubert schon als beschlossene Sache. Es sei denn, die Tür zur Bundesliga würde sich noch einmal öffnen. Die Direktaufsteiger standen fest (Frankfurt und Fürth), es ging nur noch um die Relegation.

Dazu mussten zwei Wunder zusammen kommen für die Hamburger: Fortuna Düsseldorf (Platz 3) durfte zuhause nicht gegen Duisburg gewinnen und St. Pauli (Platz 5) musste im Falle eines Remis von Fortuna neun Tore wettmachen.

Das allein war schwer genug und wurde noch unmöglicher, da es für Paderborn (Platz 4) ebenfalls noch um den Relegationsplatz ging. Die Gäste hatten bei zwei Zählern mehr sogar die deutlich besseren Chancen als St. Pauli, aber weit weniger Druck. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Paderborn zu sorglos

Das von Roger Schmidt trainierte Team war im Vorjahr Zwölfter geworden und hatte alle Erwartungen schon übertroffen. Nein, enttäuscht konnten nur die Kiez-Kicker sein. Max Kruse, der Top-Scorer von St. Pauli, baute schon mal doppelt vor. Mittels Ausstiegsklausel hatte er sich sein Bundesligaticket längst gesichert, für 750.000 Euro wechselte er zwei Jahre vor Vertragsende nach Freiburg. Da musste er auch nicht mehr auf Zweckoptimismus machen: „Es wäre ein Wunder, wenn sich Fortuna das noch nehmen lassen würde.“

Das Millerntor platzte an jenem Sonntag vor Wundergläubiger aus allen Nähten, die Umbauarbeiten auf der Gegentribüne ermöglichten noch eine Kapazität von 24.287 Plätzen – und die wurden lückenlos gefüllt. SCP-Trainer Roger Schmidt hatte seinen Spielern empfohlen, „jede Sekunde zu genießen“, was wohl im Nachhinein nicht die richtige Ansprache vor einem Entscheidungsspiel wie diesem gewesen war.

Zehn Minuten lang nahm Paderborn zwar den 3. Platz in der Tabelle ein – solange führte Duisburg in Düsseldorf – doch es tat nichts dafür, ihn zu behalten. St. Pauli spielte wie aus einem Guss und lag nach 36 Minuten schon 2:0 vorne. Lasse Sobiech hatte nach einer Ecke getroffen und Max Kruse ein Solo eiskalt abgeschlossen. „Fortan überließen die Gäste den Hamburgern das Feld“, kommentierte die Neue Westfälische den Auftritt des SCP.

Wer einen Fight zweier Verzweifelter um ihre letzte Bundesligachance erwartete, wurde bitter enttäuscht. Den meisten Zuschauern war es indes recht, denn ihr FC St. Pauli spielte groß auf. Alle Kerndaten sprachen für die Gastgeber: 21:9 Torschüsse, 7:2 Ecken, 52 % Ballbesitz.

Das drückte sich auch an der Anzeigetafel aus. Florian Bruns (60.), Moritz Volz (65.) und Deniz Naki (90.+1) schraubten das Resultat jener einseitigen Partie auf 5:0. Der Endstand bedeutete die höchste Saisonniederlage für die Paderborner, für St. Pauli war der Sieg aber nicht hoch genug. Nach Düsseldorfs wackligem 2:2 gegen Duisburg fehlten immer noch vier Tore zum Relegationsplatz, der diesmal dem Zweitligisten den Aufstieg bringen sollte (Fortuna schlug Hertha BSC). (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Florian Boll, Paulis Verteidiger, klagte: „Wir haben mit voller Wucht alles rausgehauen. Blöd nur, dass wir uns so ein Spiel für den letzten Spieltag aufgehoben haben. Wir haben in der Rückrunde einfach zu viele Chancen ausgelassen.“

St. Pauli hält an Schubert fest

Während der unterlegene Trainer sich gefasst gab und Platz 5 viel abgewinnen konnte (Schmidt: „Das ist eine unglaubliche Endtabelle, die hier vor mir liegt. Für uns ein großartiger Erfolg.“), entspann sich um André Schubert eine regelrechte Posse.

Kaum eine Stunde nach Spielende vermeldeten erste Medien übereinstimmend seine Entlassung, obwohl sie vom Verein nicht bestätigt wurde. Präsident Stefan Orth: „Das ist so nicht richtig.“

Es war keine Sternstunde des Journalismus, wohl aber ein Zeichen für die Zerrissenheit des Kiez-Klubs im Mai 2012. Schubert verstand die Welt nicht mehr, weil sich permanent Leute von ihm verabschiedeten, dabei „haben wir ein sensationelles Spiel geliefert.“ Doch auch er wusste, dass es darum schon gar nicht mehr ging.

St. Pauli und Paderborn – eine ziemlich heikle Beziehung

Als er am folgenden Montag zum Vorstand geladen wurde, rechnete er nun selbst mit seiner Entlassung, doch nach dreistündiger Analyse hatte der Hitzkopf seinen Job wieder – oder immer noch.

Auf der Pressekonferenz, die eigentlich zu seiner Verabschiedung veranstaltet wurde – wie alle glaubten – gab er sich ebenso reuig wie kämpferisch: „Es gab ein paar Dinge, da bin ich nicht ganz unschuldig. Ich bin nicht das arme Opfer.“ Er gelobte, künftig „besser mit Fehlern und Niederlagen umgehen“ zu wollen. „Ich bin sehr emotional. Da muss ich mich weiter entwickeln – aber verbiegen werde ich mich nicht.“

Worte eines Siegers in einem Machtkampf, dem eine Woche später Sportdirektor Schulte zum Opfer fiel und der doch nichts an den Regeln des Geschäfts änderte. Ende September 2012 wurde Schubert nach nur einem Sieg aus sieben Spielen entlassen. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Sechs Jahre später kam mit Jos Luhukay ein weiterer Trainer ans Millerntor, der seine ersten Schritte als Chefcoach in Paderborn gegangen war. Auch er ging 2020 nach erheblichen atmosphärischen Störungen. St. Pauli und Paderborn – eine ziemlich heikle Beziehung.

Alles zur 2. Bundesliga bei SPORT1: