Sechs Spiele, sechs Siege! Ole Werner baut seine Erfolgsbilanz als Trainer von Werder Bremen auf beeindruckende Weise weiter aus. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)
2. Bundesliga: Der Aufschwung von Werder Bremen unter Trainer Ole Werner
Die Gründe für Werders Aufschwung
Denn es ist Werders längste Siegesserie seit 16 Jahren: Damals schlugen die Bremer unter Thomas Schaaf noch die Bayern und feierten Erfolge in der Champions League.
Mit zwei weiteren Erfolgen kann Werner den Zweitliga-Rekord einstellen - und diesen hält niemand Geringeres als Werder-Legende Otto Rehhagel.
Im Frühjahr 1981 übernahm „König Otto“ vom erkrankten Kuno Klötzer und gewann die ersten acht Spiele! Rehhagel stieg mit Werder auf und begründete eine Ära.
Gegen eine neue Werner-Ära hätte am Osterdeich niemand etwas einzuwenden, denn der frühere Kieler Coach hat das Bremer Sorgenkind innerhalb kürzester Zeit zum stabilsten Aufstiegsaspiranten gemacht.
SPORT1 erklärt die Hintergründe fürs Werders Aufschwung.
Vier Spiele, vier Werder-Trainer und der Corona-Eklat
Nach dem 2:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg musste im vergangenen November Trainer Markus Anfang seinen Hut nehmen, weil er seinen Impfpass gefälscht hatte.
Auf dem enttäuschenden achten Platz liegend hatten die Bremer aber schon genug andere Probleme - die Aufstiegsränge in weiter Ferne - und dann noch dieser Corona-Eklat.
Interimsweise musste Daniel Zenkovic einspringen und erkämpfte auf dramatische Art und Weise in der Nachspielzeit ein glückliches 1:1 gegen Schalke 04. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)
Gegen Holstein Kiel durfte der frühere Co-Trainer allerdings nicht mehr auf der Bank Platz nehmen - ein positiver Corona-Befund bei Zenkovic brachte Nachwuchs-Coach Christian Brand sein Profi-Debüt ein.
Werder verlor aber bei Holstein Kiel unglücklich 1:2, sodass im vierten Spiel der vierte Trainer bei Werder an der Seitenlinie stand. Ole Werner wurde aus Kiel nach Bremen gelotst und sollte den Tabellenzehnten wieder in ruhigere Gewässer - und zum Aufstieg - führen.
Bei seinem Debüt schoss Werners Team Erzgebirge Aue gleich mit 4:0 aus dem Weserstadion! Ein Sieg mit Signalwirkung, auch wenn keiner ahnen konnte, dass fünf weitere folgen sollten.
Werner vertraut (fast) immer derselben Bremer-Elf
Unter Markus Anfang stand an den ersten 13 Spieltagen in fast jedem Spiel eine andere Elf auf dem Platz. Dieser Fakt und die Systemfrage brachten den Grün-Weißen nicht gerade Ruhe und Konstanz ein - und erst recht nicht den erhofften Erfolg.
Neu-Coach Werner dagegen vertraute in den ersten vier Spielen immer derselben Elf und musste in den zwei folgenden Partien verletzungsbedingt nur Felix Agu ersetzen. Mit Erfolg, denn Werder gewann alle sechs Spiele und kletterte so vom 10. auf den 3. Platz. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)
Dabei rückte der Bremer Erfolgscoach sogar von seinem präferierten 4-1-4-1-System ab und behielt das zuvor gespielte 3-5-2 bei. Mittlerweile hat sich daraus ein variables 3-1-4-2-System entwickelt.
Mit Werners taktischer Optimierung kommen die Werder-Profis nun bestens zurecht und haben sich defensiv stabilisiert. Während die Bremer in den ersten 15 Spielen im Schnitt 1,47 Tore kassierten, sind es unter Werner nur noch 1,17.
Werder-Achse und Führungsspieler
In seiner Kolumne für die Deichstube bringt es Ex-Werder-Star Torsten Frings perfekt auf den Punkt: „Die Achse mit Ömer Toprak, für mich übrigens der wichtigste Spieler im Kader, sowie mit Ducksch/Füllkrug und dazwischen Christian Groß, der für Mentalität steht und davon lebt, ist stark. Alle wollen führen, alle machen es auch. Werder Bremen ist so zu einer stabilen Truppe geworden.“
Und nicht zu vergessen: Jiri Pavlenka ist wiedererstarkt. Der tschechische Torhüter ist zwar immer wieder für einen Patzer gut, nichtsdestotrotz hält Pavlenka mit zahlreichen Paraden Werder stets im Spiel und die Punkte letztlich fest.
Bremer Angriffsmaschinerie läuft wie geschmiert
20 Tore in sechs Spielen unter Werner sind eine Hausmarke, erst recht wenn die Defensive auch sattelfest ist. Das bedeutet: 3,3 Tore pro Spiel! Und umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass die Grün-Weißen in den vorherigen 15 Spielen unter Anfang lediglich 21 Tore zustande brachten - 1,4 pro Partie.
Die Schuldigen: Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug bilden gemeinsam eines der gefährlichsten Sturm-Duos der 2. Liga. Beweis gefällig? Füllkrug kommt in 21 Partien auf acht Tore und sechs Assists, Ducksch in 22 Spielen auf 14 Treffer und acht Vorlagen.
Vor allem die neue offensive Ausrichtung unter Werner und die bessere Chancenverwertung stehen für den Erfolg: Mit 343 Torschüssen prüft Bremen gleichauf mit Schalke so häufig wie kein anderer Zweitligist den gegnerischen Keeper. Bei 42 Toren ergibt sich daraus eine Trefferquote von gut zwölf Prozent, die sich besonders unter Werner enorm verbessert hat.
Hohes Pressing und neu gewonnene Standard-Stärke
Die verbesserte Trefferquote kommt auch deshalb zustande, weil die Bremer nun höher pressen, den Gegner früh unter Stress setzen und so zu Fehlern zwingen. Durch solche Ballgewinne entstehen reihenweise Torchancen.
Abzulesen ist dies nicht nur an den 343 Torschüssen der Werderaner, sondern auch an den 135 Ecken, die meist aus abgewehrten Abschlüssen entstehen - beides Liga-Bestwerte!
Nach diesen Ecken traf Bremen zwar nur drei Mal in direkter Folge, trotzdem behauptet Werner: „Nach Toren pro Ecke gehören wir zu den besten Mannschaften der Liga.“ Das klingt erstmal kurios, doch damit meint der Werder-Coach auch Situationen über den zweiten oder dritten Ball.
In den ersten fünf Spielen unter seiner Ägide haben die Bremer im Nachsetzen nach Standard-Situationen fünf Mal getroffen. Großen Anteil daran hat kurioserweise Torwarttrainer Christian Vander.
„Er ist in der Vorbereitung der Standards bei uns federführend. Dass wir in den vergangenen Wochen damit sehr gefährlich waren, ist in erster Linie sein Verdienst“, hebt Werner den Verdienst von Vander hervor.
Füllkrug/Ducksch stellen Egoismus hinten an
Bremen war meist dann erfolgreich, wenn ein Sturm-Duo in der Liga Angst und Schrecken verbreitete: Klaus Allofs und Wynton Rufer, Ailton und Ivan Klasnic, Miroslav Klose und Claudio Pizarro und eben nun die „hässlichen Vögel“ Füllkrug/Ducksch.
„Sie haben super eingeschlagen und tragen einen immensen Anteil am momentanen Erfolg, der in dieser Form doch ein wenig überrascht“, sagte Karl-Heinz Riedle in der Deichstube, der anfangs skeptisch war, dass die beiden so gut harmonieren würden.
Ähnlich sah es Frings: „Beide sind eigentlich Alpha-Tiere, Torjäger mit der natürlichen Portion Egoismus. Aber sie schaffen es, diesen Egoismus und auch die Rivalität, die vielleicht mal unter ihnen geherrscht hat, zum Wohl der Mannschaft zurückzustellen - und das hat aus meiner Sicht eine Signalwirkung für das ganze Team. Die Kollegen sehen doch: Wenn die Leader da vorne mit Uneigennützigkeit und Zusammenarbeit erfolgreich sind, dann müssen wir es genauso machen.“
Zusammenhalt und wiedergefundenes Selbstbewusstsein
„Wir haben eine Super-Moral in der Mannschaft, sind voll und ganz zusammengewachsen. Es liegt nicht nur an den Ergebnissen, die natürlich die Laune heben“, so Marco Friedl. „Der Trainer lässt uns vor dem Training unsere Ruhe, unseren Raum. Auf dem Platz ist dann volle Konzentration. Da müssen wir Gas geben.“
Werders Erfolgscoach weiß ganz genau, wann er die Zügel lockerer lässt, und wann er sie anziehen muss. Nach den Spielen nämlich, damit kein Schlendrian einzieht. „Seine Ansprachen nach den Spielen sind deutlich. Er spricht klar an, dass wir uns auch noch verbessern müssen“, lobt der österreichische Verteidiger Werner.
Dieser Zusammenhalt wurde am deutlichsten, als Werder am 20. Spieltag in Paderborn 1:3 hinten lag und am Ende doch noch 4:3 gewann. Dabei zeigte sich aber auch ein neues Selbstverständnis.
Seitdem Werner an der Weser das Ruder übernommen hat, ist die Spielweise nicht nur offensiver ausgerichtet, sondern es fällt immer wieder ein vielsagender Satz: „Wir sind Werder Bremen!“ Im Klartext: Werder darf und will sich nicht verstecken. Und mit diesem wiedergefundenen Selbstbewusstsein treten die Bremer inzwischen auch auf.
So wurden unter anderem die Düsseldorfer sofort attackiert - bis zur Grundlinie. Werder wollte den Ball haben. Aber nicht, um ihn zu verwalten und hin- und herzuschieben, sondern um Tore zu erzielen. Mit Erfolg - am Ende stand ein 3:0-Sieg für Werder.
Werner erklärt seine Spielidee und sein Erfolgsrezept wie folgt: „Ich versuche, die Stärken der Spieler bestmöglich einzusetzen.“
Und dies gelingt ihm beeindruckend gut. Fehlt nur noch DER Zweitliga-Rekord mit zwei Siegen gegen die abstiegsgefährdeten Rostocker und Ingolstädter, ehe Werner sich auf sein erstes Nord-Derby beim HSV freuen kann.