In der 2. Liga spielen der FC Schalke 04 und der FC St. Pauli in dieser Saison erstmals gemeinsam. Etwas umfangreicher ist ihre gemeinsame Bundesligageschichte, auch wenn es nie ein solches Spitzenspiel gab wie heute Abend (20.30 Uhr, live auf SPORT1).
Zweite Liga, FC Schalke 04 - FC St. Pauli: Wie S04 den Weltpokalsieger-Besieger stoppte
Als sogar Oliver Reck für Schalke traf
Vor 20 Jahren etwa trennten sie 13 Plätze, aber St. Pauli kam am 9. Februar 2002 mit dem frischen Ruhm des Weltpokalsiegerbesiegers in die Veltins Arena, in die der „Meister der Herzen“ gerade erst eingezogen war. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)
Auch Schalke hatte die Bayern zwei Wochen zuvor geschlagen, mit 5:1 sogar etwas höher als die Kiez-Kicker (2:1). Sensationell waren beide Resultate und so war es gewissermaßen ein Treffen auf Augenhöhe – unter Bayern-Bezwingern.
Für einen wurde es dann doch eine Demütigung.
St. Pauli wollte gegen Schalke nachlegen
Nach dem 2:1-Heimsieg am Mittwoch hatte sich die Stimmung bei St. Pauli um 180 Grad gedreht. Der Aufsteiger war vom letzten auf den vorletzten Platz geklettert und immer noch fünf Punkte vom rettenden Ufer entfernt, aber plötzlich in aller Munde und voller Zuversicht. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)
„Wenn wir nicht absteigen wollen, müssen wir jetzt auch gegen solche Gegner gewinnen“, sagte Manager Stephan Beutel und meinte damit die kommenden: Vizemeister Schalke 04 und den Tabellenzweiten Bayer Leverkusen. Mittelfeldspieler Thomas Meggle tönte: „Von den Teams, die unten drin stehen, sind wir im Augenblick die Stärksten.“
Auf dem Kiez herrschte überbordende Euphorie, die noch heute zu erwerbenden Weltpokalsiegerbesieger-Shirts – eine Schnapsidee aus Fankreisen – fanden reißenden Absatz. Der Außenseiter machte das Optimum aus einem Sieg, mit dem keiner gerechnet hatte.
Wenn das also gegen den Weltpokalsieger ging, warum dann nicht auch gegen die Schalker (Platz vier), die allerdings am Wochenspieltag 1:0 in Leverkusen gewonnen hatten?
Bei Königsblau herrschte auch gute Stimmung, kurz vor dem Spiel wurden die Bezüge von Manager Rudi Assauer, seinem Assistenten Andreas Müller und Geschäftsführer Peter Peters erhöht. Auch weil der Rubel im neuen Stadion rollte – selbst gegen St. Pauli kamen an diesem Februar-Samstag wieder über 60.000.
Schalke-Profi verpasst Abfahrt
Huub Stevens änderte die Schalker Siegerelf von Leverkusen auf drei Positionen, St. Pauli hielt sich an die eherne Regel aus dem Mutterland des Fußballs: never change a winning team!
Ein Reservist nahm sich allerdings selbst aus der Verlosung, der Brasilianer Marcao, schon durch Fitnessprobleme unangenehm aufgefallen, verpasste am Freitagmorgen um neun die Busabfahrt.
Trainer Dietmar Demuth gestand ihm zwar noch das „akademische Viertel“ zu, aber nach 15 Minuten fuhren sie ohne ihn. Er erschien dann um zehn und hatte ein freies Wochenende, aber gewiss kein sorgenfreies.
Schalke mit starkem Start gegen St. Pauli
Auf den Spielverlauf und die Kräfteverhältnisse hatte diese Posse keinerlei Einfluss. Schalke zog den zunächst forschen Hamburgern früh den Stecker, Ebbe Sand köpfte eine Böhme-Flanke nach neun Minuten ein.
Der Kicker lobte insbesondere den Vorbereiter: „Böhme brannte bis zur Halbzeit ein Feuerwerk auf dem linken Flügel ab.“ Demuth wechselte Jörg Böhmes Gegenspieler Kovalenko schon nach 30 Minuten aus, denn da hatte der Schalker schon das 2:0 aufgelegt – nun profitierte Weltmeister Andy Möller (24.).
Zur Pause ahnten alle, dass St. Pauli wieder „normal“ geworden war und mit keinen weiteren T-Shirts a la „Meister der Herzen-Besieger“ zu rechnen wäre.
Nach 53 Minuten fiel die endgültige Entscheidung: Paulis Zlatan Bajramovic boxte in bester Torwartmanier den von Marc Wilmots abgefeuerten Ball von der Linie, bloß dass der Torwart eigentlich Simon Henzler war. Schiedsrichter Dr. Fleischer schickte ihn vom Platz, der Bosnier sprach von einem Reflex und hoffte auf „maximal zwei Spiele Sperre“.
Seinem Ansehen auf Schalke schadete es offenbar nicht nachhaltig, dort spielte er noch von 2005 bis 2007.
Schalke-Keeper trifft per Elfmeter gegen St. Pauli
Elfmeter gab es natürlich auch für diese Aktion und es trat an der Mann, dem alles gelang an diesem Tag. Also warum nicht mal einen Panenka-Elfmeter probieren, dachte sich Jörg Böhme. Im Stile des Tschechen Antonin Panenka, der einst Sepp Maier düpierte und damit das EM-Finale 1976 gegen Deutschland entschied, lupfte er den Ball einfach in die Tormitte. Sein Plan ging auf – wie einst Maier wich auch Henzler aus…
3:0, das Spiel war entschieden – Stevens wechselte seine erste Garde aus: erst Möller, dann Emile Mpenza, nach 73 Minuten auch Böhme. Nach 80 hätten sie ihn wieder gebraucht, Dr. Fleischer zeigte wieder auf den Punkt, weil Henzler den durchgebrochenen Gerald Asamoah zu Fall gebracht hatte.
Wer soll schießen, wer darf? Beim Stand von 3:0 war alles erlaubt und so eilte plötzlich der 36jährige Torwart Oliver Reck nach vorne. „Ich hatte mir vorgenommen, in meiner wahrscheinlich letzten Saison endlich mal ein Tor zu machen“, erklärte er hinterher. Es klappte – in Bundesligaspiel Nummer 457.
Dass damit eine Demütigung des Gegners einherging, war den Schalkern an diesem Tag egal. Und St. Pauli suchte die Fehler bei sich selbst: „Wir hätten noch höher verlieren können. Wir haben schön und sorglos nach vorne gespielt. Gegen die Bayern hat es geklappt, heute haben wir unsere Taktik nicht so umgesetzt. Wir können nicht so sorglos auftreten und mit fünf oder sechs Mittelfeldspielern nach vorne laufen. Da ist es doch klar dass es irgendwann klingelt“, monierte Verteidiger Holger Stanislawski, der bei der Rückkehr der Hamburger acht Jahre nach dem Abstieg schon auf der Trainerbank saß.
Auch 2010 erlebte er eine Niederlage (0:3), überhaupt gab es für Pauli auf Schalke erst einen Punkt in fünf Gastspielpartien. Aber so hoch wie vor 20 Jahren, als sie sich doch eigentlich kurz auf Augenhöhe wähnten, ging es nie aus. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)