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„Schalkes Abstieg hätte nicht passieren dürfen“

„Schalkes Abstieg hätte nicht passieren dürfen“

Jens Keller hat einst als Spieler und Trainer für Furore gesorgt - als Abräumer in Frankfurt und Köln, später an der Seitenlinie u.a. für Schalke 04. Der Bundesliga ist er bis heute treu.
In der Montagsausgabe von Bundesliga Pur dreht sich alles um die Gala-Vorstellung des FC Bayern, Erling Haalands Show gegen Union Berlin und Paderborns Triumphzug in Liga 2.
Christopher Michel
von Christopher Michel
am 24. Sept

Jens Keller hat beim 1. FC Köln (2000 bis 2002) und als Aufstiegskapitän bei Eintracht Frankfurt (2002 – 2005) Spuren hinterlassen.

Der 50-Jährige wird sich die Partie seiner früheren Klubs am Samstag (15.30 Uhr im LIVETICKER) live im Stadion anschauen.

Auch die Entwicklung seines Ex-Vereins Schalke 04 hat der aktuell arbeitslose Trainer im Blick, wie er im SPORT1-Interview verrät. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

SPORT1: Herr Keller, am Samstagnachmittag treffen mit Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln zwei Ihrer Ex-Klubs aufeinander. Was erwarten Sie für ein Match?

Jens Keller: Es ist vor allem für Eintracht Frankfurt ein sehr wichtiges Spiel. Sie sind nicht so gut aus den Startlöchern gekommen und ein Heimspiel gegen Köln sollten sie gewinnen. Ich glaube aber, dass die Eintracht jetzt schon enorm unter Druck steht.

SPORT1: Die Vorzeichen sind dabei umgekehrt. Der 1. FC Köln grüßt von Platz 8, die Eintracht belegt Rang 15. Was hat Köln bislang so gut gemacht?

Keller: Trainer Steffen Baumgart und Mannschaften wirken im Umgang miteinander sehr harmonisch, als wären sie eine Einheit. Köln ist ein Team geworden und sie haben eine gewisse Ruhe im Klub. Es ist schon sehr beeindruckend, wie die Mannschaft auftritt und spielt. Die Saison ist zwar noch jung, aber im Moment machen es die Kölner sehr gut.

Baumgart tut der Mannschaft gut

SPORT1: Sie haben zu ihren Profizeiten einige Saisons gegen Steffen Baumgart gespielt. Was hat ihn damals auf dem Feld ausgezeichnet?

Keller: Das ist natürlich lange her (lacht). Steffen Baumgart war immer ein Spieler mit starkem Willen. Er hat nie aufgegeben, ist vorangegangen und hat Vollgas gegeben. Baumgart hat immer probiert, die Mannschaftskollegen mitzureißen und zu pushen. Er war ein echter Leadertyp. (DATEN: die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Sehen Sie diese Qualitäten nun auch am Seitenrand? Er coacht sehr intensiv...

Keller: Das ist sein Naturell, er sollte sich treu bleiben. Steffen lebt die Emotionen an der Bank vielleicht anders aus als manche seiner Kollegen. Das tut der Mannschaft derzeit aber gut und daher macht er alles richtig.

Steffen Baumgart ist bei seinem neuen Verein 1.FC Köln mit zwei Siegen aus drei Spielen gestartet. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über seinen neuen Job beim Effzeh.
04:18
Baumgart emotional: "Was hat das mit Fußball zu tun?"

SPORT1: Hätten Sie noch einmal gedacht, dass er Anthony Modeste so zum Laufen bringst? (SERVICE: alle News zur Bundesliga)

Keller: Nein, aber das hat wohl keiner geglaubt. Anthony Modeste hat die Leistung nach seiner Rückkehr aus China nicht mehr abgerufen. Da gab es dann die Kritik, dass er satt sei und nicht mehr alles gebe. Und natürlich kommt auch Modeste in die Jahre. Aber man sollte einen Stürmer, der schon häufig getroffen hat, nicht abschreiben. Er trifft wieder, setzt sich für das Team ein und hat ein wahnsinniges Selbstvertrauen. Daran hat Baumgart sicherlich einen großen Anteil.

SPORT1: Ein anderer Typ ist Oliver Glasner. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Keller: Oliver Glasner ist sehr sachlich, fokussiert und rational. Wenn man sieht, was er in Wolfsburg rausgeholt hat, dann muss er eine gute Ansprache und ein gutes Gefühl für die Mannschaft haben. Taktisch hat mir der VfL auch sehr gut gefallen. Glasner ist ein anderer Typ als Baumgart. Er arbeitet etwas ruhiger und sachlicher. Das heißt aber nicht, dass der eine Trainer mehr oder weniger Qualität hat als der andere.

SPORT1: Glauben Sie, dass Oliver Glasner zur Eintracht passt?

Keller: Glasner und die Eintracht können zusammenpassen. Sein Vorgänger Adi Hütter war ja auch nicht der große Zampano an der Linie, sondern ein ruhigerer Vertreter. Ich glaube nicht, dass sie sich dabei großartig voneinander unterscheiden. Es braucht aber eine gewisse Zeit, bis ein Trainer seine Philosophie und Gedanken in die Mannschaft bekommt. Die Eintracht hatte dazu noch einen großen Umbruch in der Führungsetage. Da benötigen alle Beteiligten Geduld.

SPORT1: Sie sprechen den Umbruch an. Es gab die Unruhen um Fredi Bobic, Adi Hütter, Filip Kostic oder Amin Younes. Mit André Silva ging der Topstürmer. Ist das alles zu viel für die Eintracht gewesen?

Cheftrainer der Eintracht Frankfurt, Oliver Glasner, witzelt bei der Pressekonferenz darüber, wie viele Liegestütze er am Tag schafft und was er im Bundesliga-Heimspiel gegen den VfB Stuttgart von Spieler Filip Kostic erwartet.
01:42
Glasner überrascht Journalisten: "Will da mal was klarstellen"

Keller: Solch ein Umbruch ist nicht optimal, aber so läuft das Geschäft. Es gibt ständig Veränderungen. Trainer, Manager, Spieler kommen und gehen – da muss sich alles wieder zusammenfinden. Mit André Silva hat die Mannschaft ihren Toptorjäger verloren, das lässt sich nicht von heute auf morgen kompensieren. Ich glaube aber nicht, dass die Eintracht auseinanderbrechen wird.

SPORT1: Also glauben Sie, dass es auch dann ruhig bleibt, wenn Glasner sein achtes Spiel als Eintracht-Trainer nicht gewinnt oder erwacht die Diva vom Main?

Keller: Man kann solche negativen Strömungen auch herbeirufen. Die Diva vom Main gibt es allerdings schon seit Jahren nicht mehr. Ich hoffe nur, dass es nicht sofort unruhig wird. Oliver Glasner und die sportlichen Verantwortlichen sollten die nötige Zeit erhalten. Natürlich sind Ergebnisse immer wichtig. Aber unter dem Strich zählt, wie der Trainer arbeitet. Das können nur die Verantwortlichen sagen. Ich glaube, dass Glasner sehr akribisch und detailverliebt arbeitet.

Darum ging Keller den Weg zur Eintracht

SPORT1: Sie haben die Eintracht 2003 als Kapitän zum Aufstieg geführt. Es war eine ganz andere Zeit. Der Klub stand vor dem Lizenzentzug, die Infrastruktur war – wenn überhaupt - zweitligareif. Hätten Sie der Eintracht eine solche Entwicklung zugetraut?

Keller: Die Eintracht ist ein großer Verein mit enormem Potenzial. Das Rhein-Main-Gebiet ist auch ein sehr guter Standort. Obwohl der Klub zu diesem Zeitpunkt 2003 keine Lizenz hatte und es unsicher war, ob Frankfurt im Profibereich bleibt, bin ich gewechselt. Die Eintracht hat Tradition, ein tolles Fanlager und es gibt viele Unternehmen, die den Verein finanziell unterstützen. Deshalb war mir klar, dass der Verein sich entwickeln und im oberen Bereich der Bundesliga anklopfen kann.

In Frankfurt wurde Keller zur Ikone
In Frankfurt wurde Keller zur Ikone

SPORT1: Sie waren als Trainer und Spieler schon bei einigen Traditionsvereinen unterwegs. Mit dem FC Schalke 04 ist der Klub, wo sie durchaus erfolgreich als Trainer gearbeitet haben, abgestiegen. War der Gang in die 2. Liga folgerichtig?

Keller: Die Entwicklung des FC Schalke 04 hat darauf hingedeutet, aber der Abstieg hätte nicht passieren dürfen. Auch im vergangenen Jahr waren die Einzelspieler stark genug für den Klassenerhalt. Dass im Verein und in der Mannschaft etwas nicht stimmt, war aber schon zwei Jahre sichtbar. Die benötigen Korrekturen waren damals einfach nicht groß genug. Wo die Fehler genau lagen, lässt sich aus der Ferne jedoch nur schwer beurteilen.

SPORT1: Der von Ihnen angesprochene Umbruch erfolgte nach dem Abstieg zwangsläufig. Wie bewerten Sie die Arbeit von Rouven Schröder, der auf dem Transfermarkt einen Kraftakt vollziehen musste?

Keller: Ich glaube, dass Rouven Schröder in diesem Sommer sehr gut gearbeitet hat. Er hat eine schwierige Aufgabe auf Schalke übernommen. Es gab viele Spieler mit gut dotierten Verträgen, die auch für die zweite Liga galten. Inzwischen hat Schalke 04 die Lizenz für die zweite Liga ohne Auflagen erhalten. Rouven hat viele Spieler abgegeben und trotzdem Qualität geholt. Wichtig war, dass er zweitligaerfahrene Profis geholt hat. Jetzt muss die Mannschaft zusammenwachsen. Schalke hat diese Zeit eigentlich nicht, aber trotzdem sollten die Verantwortlichen in Ruhe weiterarbeiten, auch wenn die Maschine im ersten halben Jahr etwas stottert. Sollte das gelingen, dann bin ich davon überzeugt, dass Schalke im zweiten Halbjahr richtig angreifen kann.

Keller traut Grammozis bei Schalke Großes zu

SPORT1: Trainer Dimitrios Grammozis steht bereits bei Fans stark in der Kritik. Haben Sie das Gefühl, dass er der richtige Mann für die schwierige Mission Wiederaufstieg ist?

Keller: Dimitrios Grammozis kann diese Aufgabe bewältigen. Aber es war unglücklich, dass er schon die letzten Spiele in der Bundesliga betreut hat. Es deutete sich frühzeitig an, dass Schalke 04 letzte Saison nicht mehr aus dem Abstiegskampf herauskommt. Ich weiß nicht, ob die Entscheidung glücklich war, einen Trainer zu holen, der sich zu diesem Zeitpunkt aufopfert und alles reinwirft, um die Liga zu halten. Mit dem, was in der Bundesliga verbockt wurde, hatte er aber nichts zu tun. Deshalb sollten die Verantwortlichen Grammozis in der zweiten Liga eine faire Chance geben.

SPORT1: Sie waren zuletzt beim 1. FC Nürnberg tätig, sind nun seit über einem Jahr ohne Job. Das Trainerkarussell in der 2. Liga fängt nun aber langsam an sich zu drehen. Sehen wir sie bald wieder am Seitenrand stehen?

Keller: Ich weiß noch nicht, wann ich wieder einen Job annehme. Die Rahmenbedingungen müssen passen. Ich hatte die Aufgaben in Ingolstadt und Nürnberg angenommen, obwohl es dafür wohl nicht der richtige Zeitpunkt war. Die Auszeit hat mir deshalb gutgetan. Wir werden sehen, was sich in den nächsten Wochen so ergibt. Auch ein Job im Ausland würde mich reizen. Aber ich mache mir keinen Druck und genieße die Zeit.

In Bayern bei Nürnberg und Ingolstadt hatte Keller einen schweren Stand.
In Bayern bei Nürnberg und Ingolstadt hatte Keller einen schweren Stand.

SPORT1: Was lief denn, im Gegensatz zu den guten Stationen Schalke und Union Berlin, in Ingolstadt und Nürnberg schief?

Keller: Meine Mannschaften hatten nicht die nötigen Punkte geholt. Wenn du ein Team übernimmst, das sich in einem Negativstrudel befindet, dann gehört bei einer Aufholjagd das nötige Quäntchen Glück dazu. Ich glaube, dass wir sehr gute Spiele absolviert haben. Aber bei mir hat sich auch ein Schiedsrichter gemeldet und geschrieben: ‚Jens, ich hoffe, dass du bei deiner nächsten Station mehr Glück hast mit unserer Zunft.‘ Dieses Quäntchen Glück und die nötige Ruhe im Verein gehören in einer schwierigen Phase dazu.

SPORT1: Gibt es Befürchtungen, dass Sie in diesem Business etwas im Abseits stehen?

Keller: Ich hatte erst zwei sehr gute und dann zwei weniger gute Stationen. Das ist dann fifty-fifty. Ich sollte daher noch eine Chance erhalten. Die Entscheidung hängt aber auch davon ab, was ich gerne angehen möchte. Ich mache mich da nicht verrückt. Ich bin überzeugt davon, dass ich noch eine Chance erhalte. Auch bei den Vereinen, wo die Punkte ausblieben, waren wir fußballerisch gut unterwegs.

SPORT1: Wenn Sie ins Ausland wechseln würden: Ist dann auch ein Abenteuer außerhalb des deutsch- oder englischsprachigen Raumes möglich?

Keller: Ich möchte mich da nicht festlegen. Eine solche Aufgabe im Ausland wäre aber nicht nur rein sportlich, sondern auch für die eigene Persönlichkeit, sehr spannend. Ich war als Spieler und Trainer nicht im Ausland. Mit der englischen Sprache könnte ich problemlos arbeiten, ansonsten gibt es zur Unterstützung auch Dolmetscher. Deshalb bin ich nicht festgelegt, wo meine nächste Station ist.