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Das stete Warten auf den Schmerz

Das stete Warten auf den Schmerz

Toni Kroos gesteht, ein halbes Jahr unter Schmerzmitteln gespielt zu haben. Bei SPORT1 äußert Thomas Helmer Verständnis. Stefan Effenberg zieht einen Vergleich zu Marco Reus.
Toni Kroos steht vor seinem Comeback. Jetzt gab der 31-Jährige zu, schon seit sechs Monaten verletzt gewesen zu sein. Dennoch habe er auf die EM nicht verzichten wollen und griff stattdessen zu Schmerzmitteln.
Maximilian Schwoch
von Maximilian Schwoch
27.09.2021 | 17:31 Uhr

Mit seinem Geständnis sorgte Toni Kroos für Aufsehen.

Der Nationalspieler, der kurz vor seinem Comeback bei Real Madrid steht, verriet, dass er sechs Monate unter Schmerzmitteln spielte. „Ich hatte schon im März Beschwerden und wusste, dass da etwas an meinem Schambein ist“, erklärte er bei Spox und Goal.

Doch der 31-Jährige biss auf die Zähne und spielte weiter. „Es war für mich schwierig, aufzuhören, weil ich das Viertel- und Halbfinale der Champions League spielen musste und danach die Europameisterschaft.“ Sein bisher letztes Spiel war das EM-Achtelfinale, das Deutschland gegen England verlor.

Kroos zieht nach Urlaub die Reißleine

Im anschließenden Urlaub hoffte er, die Verletzung auskurieren zu können. „Als ich dann nach Madrid zurückkehrte, um zu trainieren, bemerkte ich, dass es kein bisschen besser geworden war und dass ich aufhören musste“, erklärte Kroos.

Das Thema Fußballer und Schmerzmittel birgt durchaus Brisanz. Es gibt immer wieder Profis, aber auch Hobbyfußballer, die ihre Beschwerden mit Tabletten betäuben, um leistungsfähig zu bleiben.

„Ich habe das auch schonmal machen müssen“, erklärte Thomas Helmer bei SPORT1. Zu seiner Zeit war es nichts Ungewöhnliches, auch mal mit Beschwerden auf dem Platz zu stehen. „Da gab es aber keine Entschuldigung, wenn man nicht gut gespielt hat“, sagte der 56-Jährige, der am Dienstag den Fantalk zur Champions League aus dem Fußballmuseum in Dortmund moderieren wird (LIVE im TV auf SPORT1 und im STREAM).

Vor allem die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln ist ein großes Problem im Sport. „Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird. Für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen“, hatte Ex-Bundesliga-Profi Neven Subotic in einem Film der ARD-Dopingredaktion im vergangenen Jahr gesagt.

Helmer: „Man hofft, dass es von alleine weggeht“

Auch Helmer hat diese Erfahrungen gemacht. Er selbst habe nie über einen längeren Zeitraum unter Schmerzmittel spielen müssen. „Aber ich kenne einige, die regelmäßig vor dem Spiel prophylaktisch etwas genommen haben“, erklärte der Europameister von 1996.

Kroos berichtete auch von den psychischen Folgen dieser Situation „Es war nicht einfach, denn nach drei oder vier Wochen hatte ich zwei gute Tage und dachte, ich hätte mich von der Verletzung erholt, und dann kamen plötzlich zwei Tage, die genauso schlimm waren wie vor sechs Monaten. Für den Kopf war es nicht einfach“, gestand der Mittelfeldspieler.

Toni Kroos hat sich erneut zur Attacke von Uli Hoeneß im STAHLWERK Doppelpass auf SPORT1 geäußert.
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Kroos wundert sich über Hoeneß

Helmer glaubt, dass die konsequente Einnahme von Schmerzmitteln vor jedem Training und Spiel für die Psyche problematisch sein kann. „Man hofft natürlich schon, dass es von alleine weggeht. Ich glaube schon, dass es einen Einfluss hat.“

Helmer berichtet über Probleme durch Schmerzmittel

Der langjährige Doppelpass-Moderator weiß, wie es ist, sich mit langwierigen Verletzungen herumzuplagen. „Am Ende meiner Karriere bei Hertha BSC hatte ich in jedem Training Achillessehnenprobleme. Ich habe alles versucht, diese wegzubekommen, unter anderem mit Quarkpackungen. Am Ende musste ich Schmerzmittel einnehmen, um die Beschwerden zu lindern“, sagte der SPORT1-Moderator. Das sei auch schwierig für den Kopf gewesen. „Man hat immer darauf gewartet, dass der Schmerz wiederkommt. Das ist keine schöne Situation.“

Zudem plagten ihn auch körperliche Folgen. „Bei mir haben die Schmerztabletten für starke Magenschmerzen gesorgt, gerade bei längerer Einnahme. Das habe ich schon sehr gespürt. Daher war ich nie ein Freund davon und habe es so gut es ging vermieden.“

Auch Stefan Effenberg hält nicht viel davon, Schmerzen bei Verletzungen mit Schmerzmitteln zu betäuben, um weiterspielen zu können. „Man kann es schon einmal für ein Spiel machen, wenn es ein wichtiges ist. Grundsätzlich muss man vernünftig sein und aus dem Spiel- bzw. Trainingsbetrieb herausgehen“, erklärte er bei SPORT1. Er vermutete: „Vielleicht hat Kroos das ein bisschen zu spät erkannt.“

Er selbst habe bei Beschwerden rigoros gehandelt. „Wenn ich Probleme hatte, habe ich auch nicht gespielt.“

Wäre es im Nachhinein nicht besser gewesen für Kroos, auf die EM zu verzichten? „Ich kann Toni verstehen. Ich hätte das Turnier auch noch spielen wollen, gerade mit der Hoffnung, dass die Probleme mit einer Pause danach verschwinden“, sagte Helmer.

Verständnis für Kroos

Er selbst nahm trotz Knieproblemen an der WM 1998 teil. „Ich habe mich dauernd behandeln lassen, bin von einer Verletzung in die andere geraten. Ich wollte aber unbedingt mitmachen.“

Zumal für Kroos wahrscheinlich schon vorher feststand, dass die EM sein letztes Turnier mit der Nationalmannschaft sein würde. „Wie oft kann man das als Fußballer in seiner Karriere genießen, an einem großen Turnier teilnehmen zu können, dazu in einer führenden Rolle? Ich wäre auf jeden Fall auch mitgefahren“, sagte Helmer.

Effenberg wäre da vorsichtiger. „Man muss auf seinen Körper hören. Das Alter ist da gar nicht so entscheidend“, erklärte er und zog einen Vergleich zu Marco Reus. Der BVB-Profi verzichtete freiwillig auf eine EM-Teilnahme, wollte seinem Körper nach der kräftezehrenden Saison nicht zu viel zumuten. „Wenn man eine Geschichte wie Marco Reus hat, war das total vernünftig, auf die EM zu verzichten. Auch wenn das viele nicht verstehen. Für mich ist es zu 100 Prozent nachvollziehbar.“

Reus habe im Anschluss auch eine gute Vorbereitung gespielt und die Saison gut begonnen, betonte der SPORT1-Experte.

Letztendlich läge die Entscheidung aber bei Kroos selbst. „Das Ergebnis ist dann halt, dass sich so etwas länger hinauszieht. Damit muss er leben.“