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Der Absturz eines früheren Weltstars

Der Absturz eines früheren Weltstars

Höhepunkt eines Abstiegs: James Rodríguez spielt in der kommenden Saison in Katar. Die Chronologie des Niedergangs eines einst gefeierten Superstars.
Zwei Jahre lang spielte James für den FC Bayern. Offenbar keine besonders schöne Zeit für ihn.
. SPORT1
von Moritz Thienen
23.09.2021 | 19:56 Uhr

Seine Tränen gingen um die Welt.

Es ist der 4. Juli im Jahr 2014. Kolumbien hat gerade im Viertelfinale der WM mit 1:2 gegen Gastgeber Brasilien verloren. Am Boden, im roten Trikot mit der Nummer 10, kniet James Rodríguez und weint bitterlich. Brasiliens David Luiz und Dani Alves kommen zu ihm und versuchen James zu trösten.

David Luiz zeigt sogar demonstrativ auf den Kontrahenten und fordert das brasilianische Heimpublikum auf, James zu feiern. Viele tun es und klatschen Beifall für den Shootingstar der WM. James wird gefeiert.

Die WM in Brasilien war seine Bühne. Der junge Kolumbianer gewann den Goldenen Schuh mit fünf Toren, begeistert mit seiner spektakulären Spielweise, wie im Achtelfinale gegen Uruguay, wo James aus 30 Metern sehenswert per Volley trifft. Ein Weltstar ist geboren.

Von diesem Weltruhm sind knapp sieben Jahre später nur noch seine knapp 48 Millionen Follower auf Instagram übrig. Mit gerade einmal 30 Jahren spielt er nun in Katar. Doch wie konnte es zu diesem Absturz kommen?

James stürzt nach vielversprechenden Start ab

Nach der WM ging der steile Aufstieg von James zunächst ungebremst weiter. Real Madrid sicherte sich die Dienste des Kolumbianers für 75 Millionen Euro. Die Königlichen und der junge Weltstar: Das klang nach einer perfekten Verbindung.

Und zunächst ging der Plan auf. James glänzte unter Trainer Ancelotti mit überragenden 35 Scorerpunkten. Nur mit großen Titeln wollte es nicht funktionieren und so musste James‘ großer Förderer Ancelotti gehen. (SERVICE: Tabelle von La Liga)

Nach James Wechsel zu Real Madrid kamen zahlreiche Fans ins Stadion
Nach James Wechsel zu Real Madrid kamen zahlreiche Fans ins Stadion

Es begann ein schleichender Abstieg. Bei Real rutschte er unter den Trainern Rafael Benitez und Zinedine Zidane in der Hierarchie deutlich nach unten. Beide Trainer setzten in ihrem 4-3-3 auf ein System ohne Zehner. Mit seiner neuen Rolle als einer von vielen kam James nicht zurecht.

„Er ist ein Spieler, der eine gewisse Sonderbehandlung braucht“, sagt Madrid-Experte Nils Kern von realtotal im Kicker über James Absturz bei Real. Im ersten Jahr in Spanien habe James noch einen eigenen Assistenten aus Kolumbien gehabt, „der alles für ihn erledigte“.

Plötzlich hätte er komplett auf eigenen Füßen stehen müssen und sei daran zerbrochen. „Seine Ehe ging langsam in die Brüche, hier und da genoss er das Madrider Nachtleben“, sagte Kern. James sei darüber hinaus kein Kämpfer. Auf dem Trainingsplatz habe ihm die „Leidensbereitschaft“ gefehlt, um sich wieder in die Startelf zu kämpfen. (SERVICE: Ergebnisse und Spielplan La Liga)

Auch Zeit in München endet unglücklich

James will raus aus Madrid und neu anfangen. Zu seinem Glück hat sein Förderer Ancelotti gerade bei den Bayern angeheuert. Und so wechselt James für zwei Jahre auf Leihbasis zum deutschen-Rekordmeister. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

James begann in München vielversprechend und brachte es in der ersten Saison immerhin auf 22 Scorerpunkte. Der Kolumbianer war aber auch in München nur einer von vielen. Er konnte sich nie als unangefochtener Stammspieler etablieren. Nach nur 13 Scorerpunkten im zweiten Jahr entschied sich Bayern gegen eine feste Verpflichtung.

James wurde auch in München nie richtig glücklich. „Es gab Tage an denen ich um 9 Uhr mit dem Auto in einer Eiseskälte zum Training gefahren bin. Da habe ich mich gefragt: ‚Was mache ich eigentlich hier?‘“, sagte er im Interview mit Comutricolor. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Zurück in Madrid, verschlechterte sich die Situation von James noch mehr. Hatte er in München zumindest ab und an gespielt, war er in Madrid nahezu komplett außen vor. „Er hat im Training fast nichts mehr gemacht. Er wirkte wie ein Fremdkörper, der nicht nur Einsatz, sondern auch Torgefahr vermissen ließ.“, erklärte Kern.

Erneuter Neustart unter Ancelotti

Und so musste ein Jahr später wieder sein Förderer Ancelotti herhalten. Dieser trainierte mittlerweile den englischen Mittelklasseklub Everton.

In England läuft es für den zuneigungsbedürftigen James zunächst super. Gemeinsam mit Richarlison und Dominic Calvert-Lewin zaubert er in den ersten Spielen auf der Insel. Everton grüßt kurzzeitig sogar von der Tabellenspitze. James ist in seinen ersten fünf Spielen an fünf Toren beteiligt. (NEWS: Alles zur Premier League)

Da schien die Welt noch in Ordnung: James legte bei Everton einen vielversprechenden Start hin
Da schien die Welt noch in Ordnung: James legte bei Everton einen vielversprechenden Start hin

Doch dann wiederholte sich James‘ Geschichte der letzten Jahre. Er bekam kleine körperliche Probleme, hatte Fitness-Defizite, war kein unangefochtener Stammspieler mehr und fiel schließlich eher durch Geschichten abseits des Platzes auf, als auf dem Grün zu glänzen.

Nachdem Ancelotti nach einem Jahr Everton den Rücken kehrte und ausgerechnet Rafa Benitez, unter dem James schon bei Real in Ungnade gefallen war, als neuer Trainer anheuerte, war es klar, dass die Zeit des Kolumbianers auch hier nach einem Jahr endet. (DATEN: Tabelle der Premier League)

James fällt nur noch abseits des Platzes auf

James selbst machte im Sommer auch keinerlei Anzeichen einem Verbleib in England positiv gegenüberzustehen. Als seine Teamkollegen in England in die Saison starteten, feierte James lieber auf einer Yacht vor Ibiza.

Damit aber nicht genug: In einem Livestream auf der Plattform Twitch, zeigte er nochmal ganz genau, wie wenig ihn sein aktuelles Team interessiert. „Ich weiß gar nicht gegen wen Everton demnächst spielt. Könnt ihr mir das mal erzählen?“, fragte James einen User.

Nun, sieben Jahren nach seiner Gala bei der WM, standen keine Interessenten mehr Schlange. Es blieb nur noch ein Wechsel nach Qatar zu Al-Rayyan SC.

Vom Glanz des einstigen Golden Boy und Weltstars ist nicht mehr viel übergeblieben. Ob James schlechte Einstellung, Pech oder einer Mischung aus beidem, der Grund für seinen Absturz sind, bleibt unbeantwortet. Das Potential, dass er bei der WM in Brasilien aufblitzen ließ, konnte er konstant jedenfalls nie abrufen.