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Schiri enthüllt schockierende Chelsea-Story

Schiri enthüllt schockierende Chelsea-Story

Mark Clattenburg berichtet von den dramatischen Wochen, die er in Folge eines letztlich haltlosen Rassismus-Vorwurfs durchmachen musste - und von einem wüst um sich schlagenden Chelsea-Star.
John Obi Mikel ging nach dem Spiel auf Mark Clattenburg los
John Obi Mikel ging nach dem Spiel auf Mark Clattenburg los
© Imago
. SPORT1
von SPORT1
18.09.2021 | 20:35 Uhr

Schiedsrichter gegen Fußballer, Fußballer gegen Schiedsrichter - auf dem Platz fühlt es sich manchmal an, als ob man einem verhassten Erzfeind gegenüber steht.

In den allermeisten Fällen verpufft der Emotions-Überschuss auf dem Rasen aber recht schnell, nach dem Spiel oder spätestens beim nächsten Wiedersehen geben sich die Protagonisten wieder die Hand.

Aber eben nicht in allen Fällen. Wie sehr die Dinge nach Schiedsrichterentscheidungen aus dem Ruder laufen können, zeigt der geradezu unglaubliche Erlebnisbericht von Ex-Schiri Mark Clattenburg, der in England 2012 zwei Chelsea-Spieler vom Platz schickte - und danach erst körperlich attackiert wurde und sich anschließend mit einer weitläufigen Kampagne konfrontiert sah.

In seinem Buch „Whistle Blower“, aus dem die Daily Mail am Samstag zitierte, sprach der ehemalige Unparteiische aus der Premier League über die brutale Auseinandersetzung mit Chelsea, die sein Leben fast zerstört hätte.

Zum Hintergrund: Chelsea hatte das Liga-Duell mit Manchester United mit 2:3 verloren. Wegen des doppelten Platzverweises und eines zu Unrecht gegebenen Abseitstors hatte sich Clattenburg, der zwischen 2004 und 2017 in der Liga pfiff, bereits auf Gegenwind gefasst gemacht.

Auf das, was kam, konnte er sich aber nicht vorbereiten.

Mikel schrie: „Ich brech dir die Beine“

„Ich habe in meiner Umkleide Radau gehört“, schrieb er in seinem Buch. So erlebte er die nächsten Minuten:

„Was zur Hölle geht da draußen vor sich? Bevor ich zur Tür komme, fliegt sie auf und das mit Gewalt. Ich springe instinktiv zurück. Was zur Hölle? John Obi Mikel prescht herein. Ich sehe die Wut in seinen Augen. Chelseas Trainer Roberto Di Matteo und Trainer Eddie Newton versuchen ihn zurückzuhalten. Mikel ist außer Kontrolle, er versucht mich zu kriegen.“

„'Ich brech dir die Beine‘, schreit er. Verdammt nochmal, er schlägt nach mir. Überall Arme. Ich ducke mich, um nicht getroffen zu werden. Ein Sicherheitsbeamter ringt mit Mikel, zieht ihn weg. Das ist nicht einfach, Mikel ist stark. Ich habe meine Fußballschuhe an, rutsche durch die Gegend. Ich werde rückwärts in ein paar Sitze gestoßen. Ich versuche nur, mich zu verteidigen.“

„Er setzt immer noch alles daran, mich zu verletzen. Schafft ihn hier raus! Mikel wird endlich zurück in den Gang gezerrt. Was zur Hölle ist gerade passiert?“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Clattenburg keine Ahnung, warum er attackiert worden war. Erst auf dem Heimweg wird öffentlich, dass Chelsea dem Schiedsrichter vorwirft, dass er ihre Spieler während des Spiels rassistisch beleidigt habe. Der Unparteiische erfuhr davon erst aus der Presse, als er schon am Flughafen war. Er fiel aus allen Wolken.

Clattenburg berichtet von dunklen Momenten

„In diesen ersten Stunden am Sonntag nach dem Spiel habe ich realisiert, welche Macht die Fußball-Klubs über die Medien und welchen Einfluss sie auf die öffentliche Meinung haben, die von der blinden Loyalität der Fangemeinschaft angetrieben wird“, schrieb Clattenburg: „Es war beängstigend. Es war der Champions-League-Sieger gegen einen Schiedsrichter - wem würdest du glauben?“

In der Folge habe er sich wie ein Gefangener in seinem eigenen Haus, in seinem eigenen Kopf gefühlt. Eine Stellungnahme war ihm von seinen Vorgesetzten untersagt worden. An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwohl er sich - wie er später immer wieder beteuerte - keinerlei Vorwürfe machen konnte. Sein Haus wurde von Journalisten und Fotographen belagert.

„Es gab viele Tränen. Es könnte meine Karriere ruinieren. Es könnte mein Leben ruinieren. Ich werde als Rassist bezeichnet. Das ist ein lebenslanges Urteil, das wird man nicht mehr los. Schuldig, bis man seine Unschuld bewiesen hat, das ist der englische Weg“, schilderte der heute 46-Jährige.

Schnell wurde bekannt, dass in den Tonaufnahmen zum Spiel (die Schiedsrichter waren auch damals bereits verkabelt) keine Auffälligkeiten zu finden waren. Chelsea habe trotzdem jeden Tag neue Informationen an die Presse geleakt, um die Geschichte zu kontrollieren, sagt Clattenburg.

„Halt die Klappe, du Affe“

Chelsea-Spieler Oriol Romeu gab öffentlich zu, dass Mata keine rassistischen Äußerungen vernommen habe. Auch Mikel soll die angeblichen Beleidigungen nicht gehört haben. An Clattenburgs Situation änderte sich wenig, Chelsea legte beim englischen Verband FA sogar eine offizielle Beschwerde ein. Immerhin erfuhr Clattenburg so , was er genau gesagt haben soll: „Halt die Klappe, du Affe“, sagte er angeblich.

„Ich weine. Ich fühle mich krank. Warum? Wo kommt das her? Meine Freunde und Familie haben mich so noch nie gesehen, ich bin geschlagen. Chelsea ist hinter mir her und sie ziehen es durch, und die Leute scheinen ihnen zu glauben“: Diese Gedanken gingen ihm nun durch den Kopf.

Rückendeckung bekam Clattenburg letztlich von unerwarteter Stelle. Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, meldete sich telefonisch beim Schiedsrichter. Dieser habe mit seinen Spielern gesprochen und keiner habe die vermeintlichen Vorfälle bestätigen können.

Ferguson verteidigte Clattenburg später auch öffentlich. „Mir wurde später gesagt, dass Chelsea ihm mit einer Klage gedroht haben soll, weil er damit unterstellte, dass sie lügen. Aber er ist bei seinem Standpunkt geblieben“, schreibt Clattenburg. Dem legendären United-Trainer sei es weniger um die Person als die Wahrheit gegangen.

Erstaunlich kurze Sperre für Mikel

Letztlich wurde Clattenburg von der FA nach Ansicht der Video- und Audioaufnahmen für unschuldig befunden. Weder Chelsea noch Mikel entschuldigten sich jemals ausdrücklich bei dem Referee. In einem Statement nach einem Treffen zwischen Bruce Buck (Vorstandsvorsitzender der Blues, Anm.) und Clattenburg, das der Referee in seinem Buch als lächerlich bezeichnete, hieß es leidglich, dass man vor Erhebung der Anschuldigungen „mehr Rücksicht“ hätte nehmen müssen.

Brisant war auch: Mikel wurde für nur drei Spiele gesperrt. Um andere Spieler nicht davor abzuschrecken, sich bei Rassismus-Vorfällen zu Wort zu melden, hieß es laut Clattenburg in der FA.

Vergeben könne er dem Spieler nicht. Mehr noch als die erstaunlich kurze Sperre ärgerte er sich über Chelsea selbst: „Der Klub hat mein Leben unerträglich gemacht. Sie haben die Medien gefüttert und mich dem Hass und dem Misstrauen preisgegeben. Ihnen war egal, welche Folgen das für meine Frau oder unser Baby oder unseren Sohn in der Schule haben könnte.“

Was steckte hinter Chelseas Vorgehen?

Auf rechtliche Schritte gegen die Blues verzichtete er nur, weil sie ihn wohl seinen Job gekostet hätten. Wie es zu dem ganzen Drama kommen konnte, ohne jegliche Beweise? Clattenburg vermutet, dass Chelseas Vorgehen mit einer Sperre für John Terry zu tun hatte. Dieser wurde wegen angeblichen Rassismus-Beleidigungen gegen Anton Ferdinand gesperrt - auch hier hatte es aber keine schlüssigen Beweise gegeben.

Chelsea habe also die Urteilssprechung des englischen Verbandes in einem solchen Fall auf den Prüfstein stellen wollen.

Heute sagt Clattenburg: „Ich habe es in meiner Karriere hinter mir gelassen, das musste ich auch. Als ich als Schiedsrichter das Finale der Champions League 2016 erreicht hatte, fühlte es sich wie ein ‚F***t euch‘ an alle jene an, die versucht haben, mich zu zerstören. Sie sind gescheitert.“