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„Wenn Wirtz dieses Interview liest ...“

„Wenn Wirtz dieses Interview liest ...“

Spielerberaterin Angela Rullo behauptet sich in einer Männerdomäne. Bei SPORT1 spricht sie über ihren Job, Mino Raiola und mögliche Klienten in der Bundesliga.
Jamal Musiala, Florian Wirtz, Jude Bellingham und Co. Die Fülle an Wunderkindern im europäischen Fußball ist wohl so hoch wie nie zuvor. Zahlreiche Shootingstars machen derzeit auf sich aufmerksam.
Reinhard Franke
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Johannes Fischer
Johannes Fischer
von Reinhard Franke, Johannes Fischer

Angela Rullo ist Spielerberaterin. In Zeiten, in denen Frauen wie Chelsea-Sportdirektorin Marina Granovskaia oder Newcastle-Strippenzieherin Amanda Staveley im Fußball an Einfluss gewinnen, will auch sie ihre Fußstapfen in der einstigen Männerdomäne hinterlassen. Die 35-Jährige sorgt in der Branche mächtig für Aufsehen, doch leicht hat sie es nicht. Noch immer muss sie regelmäßig gegen Vorurteile ankämpfen.

Die Italienerin arbeitete für die Sportabteilung einer internationalen Anwaltskanzlei. In dieser Zeit entdeckte sie ihre Leidenschaft für den Fußball. Sie verspürte den Wunsch, die Interessen junger, talentierter Spieler zu schützen und sie auf ihrem Karriereweg zu unterstützen.

In diesem Transfer-Sommer gelang ihr dann Historisches. Darüber und über ihren Job spricht Rullo im SPORT1-Interview.

Angela Rullo (M.) arbeitete als Spielerberaterin
Angela Rullo (M.) arbeitete als Spielerberaterin

SPORT1: Frau Rullo, Sie sind eine exotische Spezie in der Männerdomäne. Wie kam es dazu, dass Sie sich mit der Spielerberatung beschäftigen wollten?

Angela Rullo: Untypisch für eine italienische Familie war ich die Einzige, die sich von Kindesbeinen an für den Fußball begeisterte, aber die Idee, eines Tages Fußball-Agent zu werden, kam mir nie in den Sinn! Ich habe Jura studiert und mich nach meinem Examen in Italien in London niedergelassen, um meine Karriere zu verfolgen. Ich begann, in der Sportabteilung einer internationalen Anwaltskanzlei zu arbeiten, und während meiner Zeit dort stieß ich auf viele Disziplinarfälle, in die Vermittler verwickelt waren. Ich stellte fest, dass sich die Situation nach der Entscheidung der FIFA, die Vermittler-Tätigkeit im Jahr 2015 zu deregulieren, deutlich verschlechterte.

SPORT1: Inwiefern?

Rullo: Das neue System „frei für alle“ ermöglichte es zu vielen Personen, ohne die erforderlichen Kenntnisse und Qualifikationen in die Branche einzusteigen und Spieler auszunutzen. Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich, mich aktiver für den Schutz und die Förderung der Interessen der Spieler einzusetzen, die das Spiel, das ich liebe, erst möglich machen! Um für diese Herausforderung bestens gerüstet zu sein, habe ich mich 2019 für das spezialisierte UEFA-Rechtsprogramm beworben, das ich mit Auszeichnung abgeschlossen habe.

Angela Rullo ist eine Exotin in der Männerdomäne
Angela Rullo ist eine Exotin in der Männerdomäne

SPORT1: Wie sind Sie bei Ihrem ersten Geschäft vorgegangen?

Rullo: Mein erster Deal fand vor 18 Monaten mit einem jungen Spieler statt, der bei einem großen englischen Premier-League-Verein „festsaß“, wie es bei vielen jungen Talenten der Fall ist. Ich traf den Jungen nur zehn Tage vor dem Ende des Transfer-Fensters im Januar. Er war aufgrund negativer Erfahrungen in der Vergangenheit ziemlich skeptisch gegenüber Beratern. Ich habe ihm nicht das Blaue vom Himmel versprochen, aber ich habe ihm die Realität gesagt: Ich würde hart daran arbeiten, einen neuen Verein für ihn zu finden und ihm seine Karriere zurückzugeben. Die Zeit drängte, wir arbeiteten auf der Grundlage von Vertrauen, und ich wusste, dass es andere Vermittler gab, die ihm die Welt versprachen. Der Spieler vertraute mir, ich vermittelte ihm den richtigen Transfer, und heute ist er immer noch mein Klient und seine Karriere schreitet voran.

Rullo: „Sie müssen geschützt werden“

SPORT1: Ihr Wunsch war es, junge, talentierte Spieler zu schützen. Ist Ihnen das gelungen?

Rullo: Meiner Meinung nach ist es heute sehr wichtig, junge Fußballer zu schützen. Der Fußball wird immer komplexer, und die Spieler verlieren sich oft in diesem System. Sie müssen geschützt werden und es ist wichtig, dass sie den richtigen Profi haben, der ihre Karriere fördern kann. Aber natürlich müssen sie auch auf dem Spielfeld ihren Beitrag leisten. Wenn ich auf meine Transfers zurückblicke, haben alle Spieler einen Schritt nach vorne gemacht, darauf bin ich sehr stolz. Außerdem macht die starke Präsenz der sozialen Medien die Spieler zugänglicher und damit anfälliger für skrupellose Absichten. Dank meines juristischen Hintergrunds und meines Finanzwissens bin ich jedoch in der Lage, mich vor solchen Leuten zu schützen.

SPORT1: Natürlich wollen Sie auch gutes Geld mit den Spielern verdienen. Lassen Sie sich von mächtigen männlichen Kollegen inspirieren?

Rullo: Ich habe mich nicht aus finanziellen Gründen für den Beruf des Fußballagenten entschieden. Was mir wirklich Freude bereitet, ist zu sehen, wie sich meine Spieler weiterentwickeln, und wenn sie sich gut entwickeln und dafür belohnt werden, werde ich natürlich auch entsprechend entschädigt. Ich muss mich von niemandem inspirieren lassen, ich habe alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein und an die Spitze zu kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

SPORT1: Was halten Sie von Mino Raiola, einem der mächtigsten Spielerberater im Weltfußball?

Rullo: Wir stammen aus zwei verschiedenen Generationen. Er ist so alt wie mein Vater und Raiola begann zu einer Zeit, als die Fußballbranche noch nicht so komplex war und es noch nicht so viele Agenten gab. Ich respektiere jedoch die Tatsache, dass er eine „Ein-Mann-Show“ ist, die gegen einige der größten Agenturen der Welt antritt, bei denen die Spieler manchmal nur eine Nummer sind.

Mino Raiola vertritt unter anderem Erling Haaland
Mino Raiola vertritt unter anderem Erling Haaland

SPORT1: In diesem Sommer der Transfers haben Sie etwas Historisches erreicht. Sie war die erste Spielerberaterin, die einen Transfer nach Saudi-Arabien abwickelte. Dieser Prozess ging weit über den Fußball hinaus und durchbrach eine kulturelle Barriere. Wie haben Sie das geschafft?

Rullo: Nun, hinter dem lächelnden Foto mit dem Trikot in der Hand auf der Pressekonferenz stecken sechs Monate harte Arbeit und Druck. Ich wurde von nicht weniger als 350 Personen aus 42 verschiedenen Ländern kontaktiert, die sich für seinen Transfer einsetzen wollten.

Rullo schwärmt;: „Das perfekte Profil“

SPORT1: Hat Sie das überrascht?

Rullo: Für einen Stürmer, dessen Vertrag ausläuft und der 18 Tore erzielt hat, wurde das erwartet. Ich wusste, dass Malele (Cephas Malele, der zu Al-Tai wechselte, Anm. d. Red.) - trotz einiger interessanter Angebote aus Europa - das perfekte Profil für die saudische Liga ist, im richtigen Alter, wo ich sein Leben auch wirtschaftlich verändern kann. Der Markt im Nahen Osten ist nicht einfach, vor allem für eine Frau, aber dank meines starken Netzwerks und meiner Kontakte habe ich unser Ziel erreicht. Saudi-Arabien hat sich erst vor kurzem für den Tourismus geöffnet, und obwohl sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft verbessert, gibt es noch viel Raum für Veränderungen, und ich hoffe, dass dies geschehen wird.

SPORT1: Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis und welche Taktiken wenden Sie an?

Rullo: Trotz all der Bücher und Kurse, die es darüber gibt, wie man Fußballberater wird, glaube ich nicht, dass man es lernen kann, ein erfolgreicher Agent zu sein. Das Geheimnis meines Erfolges? Ich bin einfach ich selbst; ich stelle mich (noch) nicht als die größte Agentin dar oder verkaufe falsche Träume. Was ich verspreche, ist Leidenschaft, harte Arbeit und Hingabe, und ich schätze und respektiere das Vertrauen, das mir meine Kunden entgegenbringen. Das ist etwas, das meiner Meinung nach in der heutigen Branche verloren gegangen ist.

SPORT1: Wie gehen Sie bei der Spieler-Akquise vor?

Rullo: Ich hoffe, dass ich nicht eingebildet klinge, aber ich wähle die Spieler, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, sorgfältig aus. Denn von dem Moment an, in dem wir den Vertretungsvertrag unterzeichnen, widme ich dem Spieler meine ganze Zeit, Energie und Ressourcen, denn ich möchte sicherstellen, dass ich für ihn auf und neben dem Platz etwas erreiche.

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SPORT1: Was war Ihr schwierigster Fall, oder an welchem Geschäft mussten Sie lange arbeiten?

Rullo: Jedes Geschäft ist anders und hat seine eigene Komplexität. Manchmal arbeite ich auch als Vermittler für Vereine und Spieler, die nicht meine Kunden sind. Das sind in der Tat die schwierigsten Transfers, weil man im Namen mehrerer Parteien mit unterschiedlichen Zielen vermittelt. Leider wurde ich bei einem solchen Transfer in eine sehr unangenehme Lage gebracht, als ein Spieler am Stichtag aufgrund einer bestehenden Verletzung, über die mich weder der Spieler noch sein Berater informierte, die medizinische Untersuchung nicht bestand. Ich war wütend, weil dieser Mangel an Transparenz meine Beziehung zum kaufenden Verein zu beschädigen drohte, aber ich habe das Geschäft schnell umstrukturiert, um es für den kaufenden Verein weniger riskant und finanziell komfortabler zu machen.

SPORT1: Als Cephas Malele vorgestellt wurde, saßen Sie neben ihm und trugen eine Abaya, die traditionelle Frauenkleidung in Saudi-Arabien, als Zeichen des Respekts für die Sitten des Landes. Warum haben Sie das getan?

Rullo: Ich wusste, dass die Abaya das traditionelle Kleid ist, das die Frauen in Saudi-Arabien tragen, also beschloss ich, sie auch als Zeichen des Respekts für ihre Kultur zu tragen. Das war alles.

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Rullo. „Wenn Florian Wirtz dieses Interview liest...“

SPORT1: Welchen deutschen Starspieler würden Sie gerne vertreten?

Rullo: Wenn der Leverkusener Florian Wirtz dieses Interview liest, dann wird er wissen, dass ich sein Talent schätze.

SPORT1: Beraten Sie auch Fußballerinnen?

Rullo: Nein.

SPORT1: Glauben Sie, dass Sie ein Vorbild für andere Frauen sein können, die auch ins Geschäft einsteigen wollen?

Rullo: Ich bin kein fanatischer Feminist, aber wenn ich durch meine Erfahrung andere Frauen ermutigen kann, einen ähnlichen Weg in der Fußballbranche oder einer anderen Männer dominierten Branche einzuschlagen, dann bin ich voll dafür.

SPORT1: Was war der schlimmste Macho-Spruch, die Sie von einem Kollegen gehört haben?

Rullo: Die Liste ist sehr lang. Aber ich ziehe es vor, es nicht zu sagen, weil ich ihnen keine Bedeutung beimessen möchte.



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