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Gehalt vorenthalten! Europas Vorzeigeklub am Pranger - der traurige Fall Gunnarsdottir

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Gehalt vorenthalten! Europas Vorzeigeklub am Pranger - der traurige Fall Gunnarsdottir

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Europas Vorzeigeklub am Pranger

Der Fall Sara Björk Gunnarsdottir sorgt für Aufsehen: Weil Europas Vorzeigeklub Olympique Lyon während ihrer Schwangerschaft kein Gehalt zahlt, klagt die Isländerin. Sie gewinnt - und zeichnet anschließend ein trauriges Bild von den Verhältnissen im professionellen Frauenfußball.
Olympique Lyon setzt sich durch den 3:1-Erfolg über den VfL Wolfsburg zum fünften Mal in Folge die europäische Krone auf. Nach dem Anschlusstreffer von Alexandra Popp sorgt die Ex-Wolfsburgerin Sara Bjork Gunnarsdottir für die Entscheidung zu Gunsten der Französinnen.
Anne Kamphausen
Anne Kamphausen

Sara Björk Gunnarsdottir hatte immer davon geträumt, in den größten Ligen Europas zu spielen.

Ihr Traum ging in Erfüllung: Die Isländerin spielte für den VfL Wolfsburg, holte von 2017 bis 2020 viermal in Folge das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal. Kurz nach ihrem Wechsel zu Olympique Lyon, mit acht Champions-League-Titeln seit 2011 Europas Vorzeigeklub im Frauenfußball, gewann sie mit den Französinnen zum ersten Mal den Titel in der Königsklasse. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der UEFA Women‘s Champions League)

Der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere.

2021 wurde schwanger - und ihr Fußballerinnen-Leben war auf einen Schlag gar nicht mehr so traumhaft.

Olympique Lyon muss Gunnarsdottir Gehalt nachzahlen

Weil Lyon sich weigerte, Gunnarsdottir während ihrer Schwangerschaft das Gehalt weiterzuzahlen, begann ein langer Kampf, den die 32-Jährige in der vergangenen Woche endlich für sich entscheiden konnte.

Das Tribunal des Fußball-Weltverbandes FIFA entschied, dass OL ihr 82.000 Euro Gehalt nachzahlen muss. Ein Erfolg für die Mittelfeldspielerin - aber auch eine Erfahrung, die sie niemandem mehr wünscht.

„In Europa war es lange Zeit einfach nicht normal, dass eine Spielerin schwanger wird. Im Hinterkopf hat man immer noch das Gefühl, dass man sich für etwas schuldig gemacht hat. Als ob man die Leute im Stich lässt“, schreibt sie in einem Beitrag für das Portal The Players‘ Tribune.

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Dort blickt Gunnarsdottir zurück auf das Erlebte - und wie sie 2021 gemeinsam mit dem Mannschaftsarzt entschied, die Schwangerschaft zunächst geheim zu halten. Einen Monat trainierte und spielte sie normal weiter - bis es zu viel wurde.

Gunnarsdottir: Kein Gehalt während Schwangerschaft

Am Tag vor einem Spiel gegen PSG musste sich Gunnarsdottir dreimal übergeben, fühlte sich schlecht, musste eine Einwechslung in der Halbzeit ablehnen.

Eine Woche später brach sie das Schweigen. Gemischte Reaktionen schlugen ihr entgegen, zunächst vorwiegend Freude.

Sie war die erste aktive Spielerin in der Geschichte Lyons, die schwanger wurde - aber für sie war von Anfang an klar, dass sie nach der Entbindung zurückkommen würde.

Den Rest der Schwangerschaft verbrachte sie auf Absprache mit den Ärzten und dem Klub in ihrer Heimat Island.

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„Ich hatte keinen Grund zur Annahme, dass etwas schiefgehen könnte. Bis ich meinen ersten Gehaltsscheck nicht bekam“, erinnert sich Gunnarsdottir. Es sei nur ein kleiner Prozentsatz der Sozialversicherung überwiesen worden. Zunächst habe sie sich nicht viel dabei gedacht, als jedoch auch das zweite Gehalt nicht kam, reagierte sie.

Kein Austausch zwischen Lyon und Gunnarsdottir

Lyon blieb ihren Angaben zufolge zunächst eine Antwort schuldig, berief sich später auf französisches Recht, wonach der Verein ihr ab dem dritten Monat des Fehlens nichts mehr schulde. Die FIFA-Regeln sagen etwas anderes.

Aus Wochen wurden Monate. Auf ein vollständiges Gehalt wartete sie weiter vergeblich. Bis sie beschloss, mit Unterstützung der Spielergewerkschaft FIFPro gegen Lyon vorzugehen.

„Wenn Sara damit zur FIFA geht, hat sie in Lyon keine Zukunft“, hieß es laut Spielerin vonseiten des Klubmanagers Vincent Ponsot. Ihr Vorhaben, nach ihrer Schwangerschaft wieder beim erfolgreichsten Verein der Welt zu spielen, wurde immer unwahrscheinlicher - trotz täglichen Trainings mit einem privat bezahlten Fitnesscoach.

Dass sie in Island monatelang nichts vom Verein hörte, sich niemand erkundigte, wie ihre Schwangerschaft verlief, wie es mit dem Training aussah, belastete Gunnarsdottir - und machte sie zugleich wütend.

Nach ihrer Rückkehr nach Lyon mit ihrem Partner Arni Vilhjalmsson und Sohn Ragnar wollte sie zunächst „in den Klub kommen und einfach allen sagen, wie sauer ich auf das war, was sie getan hatten, und gehen. Aber ich sagte mir, ich würde zurückgehen und alles zu 110 Prozent machen. Ich dachte mir, ich zeige euch, wie fit ich sein werde. Ich war bereit, einfach zu spielen.“

Der Verein aber war offensichtlich nicht mehr bereit, sie einfach spielen zu lassen.

Auswärtsspiele? Nur ohne Baby

In Gunnarsdottirs Wahrnehmung hatte sich alles verändert: das Training, der Umgang mit ihr. Sie hatte das Gefühl, dass es als etwas Negatives angesehen wurde, ein Baby zu haben.

Dass ihr verboten wurde, das Kind zu Auswärtsspielen mitzunehmen, bestätigte dieses Gefühl: „Sie sagten, dass es die Spielerinnen im Bus oder im Flugzeug stören könnte, wenn es die ganze Zeit weint.“

Die 32-Jährige wehrte sich. „Das war, als ich noch gestillt habe, und er war so klein und so abhängig von mir“, erklärt Gunnarsdottir. Immerhin: Der Verein bot an, die Sache bei zwei Auswärtsfahrten zu testen. Gunnarsdottir lehnte ab. Sie fühlte sich nicht wohl damit, dass ihr Sohn „getestet“ werden sollte.

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In der Zwischenzeit versuchte die FIFPro weiterhin, das volle Gehalt für die Zeit der Schwangerschaft zu erstreiten. Der Fall belastete ihr Verhältnis zum Klub noch weiter. Der Präsident grüßte sie nicht einmal mehr, würdigte ihr Kind keines Blickes. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Serie A)

Gunnarsdottir sagte in einem Gespräch mit dem Sportdirektor von Lyon: „Ich habe jedes Recht, mich zu verteidigen, denn es gibt einen Vertrag, der mir das Recht gibt, und es gibt ein Gesetz, das mir das Recht gibt.“ Er widersprach. Sie hielten sich an das französische Gesetz. Es sei nichts Persönliches, sondern nur geschäftlich.

Als sie ihn darauf ansprach, warum er zu ihrem Agenten gesagt habe, dass sie keine Zukunft in Lyon habe, wenn sie zur FIFA gehe, stritt er seine Worte ab. Vielmehr sehe Trainerin Sonia Bompastor einfach keine Zukunft mehr für sie als Spielerin in ihrer Mannschaft.

Voss-Tecklenburg stärkt Gunnarsdottir

Seit Sommer 2022 spielt Gunnarsdottir in Italien bei Juventus Turin. Als Familie gehe es ihnen sehr gut, schreibt die Mittelfeldspielerin bei The Players‘ Tribune, sie sei sehr glücklich.

Ihr Erfolg gegen Lyon vor dem FIFA-Tribunal fühlte sich für sie „größer an als ich. Er fühlte sich an wie eine Garantie für die finanzielle Sicherheit aller Spielerinnen, die während ihrer Karriere ein Kind haben wollen.“

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die selbst während ihrer aktiven Karriere Mutter geworden war, betonte zuletzt, Gunnarsdottir habe „zu Recht den Finger in die Wunde gelegt“, da sie „den jungen Fußballerinnen, der nächsten Generation die Möglichkeit geben möchte, dass man Mutter werden kann, ohne dass es in irgendeiner Form nachteilig ist“.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat für gleiche Titelprämien für Frauen- und Männer-Nationalmannschaften plädiert.
00:49
DFB-Frauen: Martina Voss-Tecklenburg für gleiche Titelprämien

Voss-Tecklenburg forderte: „Wir müssen Verträge anpassen, wir müssen zum Teil auch Gesetze verändern, dass wir einen sicheren Raum haben, dass es keine Benachteiligung gibt.“

Ähnlich hatte sich zuvor auch Gunnarsdottir geäußert: „Wir haben etwas Besseres verdient. Es geht um meine Rechte als Arbeitnehmerin, als Frau und als Mensch.“

Gunnarsdottir: „Es gibt noch viel zu tun“

Seit 2020 gelten bei der FIFA weltweit Mutterschutzregeln für Spielerinnen. Profisportlerinnen haben demnach den Anspruch auf einen Mutterschaftsurlaub von mindestens 14 Wochen. In diesem Zeitraum stehen ihnen mindestens zwei Drittel des vertraglich vereinbarten Gehalts zu.

Eigentlich.

Dass sich daran längst nicht alle Beteiligten halten, hat Gunnarsdottirs Beispiel eindrucksvoll gezeigt. „Es gibt noch viel zu tun“, schreibt sie am Ende ihres Beitrags.

Aber dass selbst der wohl erfolgreichste Verein der Welt mit einem solchen Verhalten nicht davonkommt, ist zumindest ein gutes Zeichen.