SPORT1 erreicht Rudolf „Rudi“ Kargus im heimischen Wohnzimmer beim Lesen der Zeit, unter anderem die Probleme der SPD nehmen sein Interesse in Anspruch. Nur wer den heute 72-Jährigen nicht kennt, ist darüber verwundert. Kargus galt schon immer als der „etwas andere Profi“, wie es in einer HSV-Chronik heißt.
Er hält einen Bundesliga-Rekord, der wohl nie erreicht wird
Im Schneechaos zum Elfmeter-Helden
Berühmt wurde er zwar durch den Fußball und seine Spezialität, mehr Elfmeter als jeder andere zu halten, aber das war nicht alles in seinem Leben. So betätigte er sich nach der Karriere durchaus mit Erfolg als Kunstmaler. Doch hier sei die Rede von seinen Künsten als Ballfänger und jenem Spiel, das „mein Durchbruch war“, wie er damals sagte und heute immer noch bekräftigt.
Also rein ins Jahr 1973. Es ist das Jahr zwei nach Uwe Seeler und das Jahr eins nach Günter Netzer. Der Hamburger SV, damals eine Mannschaft im Mittelfeld der Bundesliga, und Borussia Mönchengladbach, erster Bayern-Jäger und amtierender Pokalsieger, treffen im Achtelfinale aufeinander. Es ist die erste Saison, in der der Pokal wieder im bewährten Modus ausgetragen wird. Von 1971-73 gab es ein Experiment mit Hin-und Rückspielen, weshalb sich stets die Favoriten durchsetzten.
Aber auch zwischen diesen Mannschaften gibt es zwei Spiele, denn am Bökelberg trennt man sich nach Verlängerung 2:2 und das Elfmeterschießen ist erst als ultima ratio vorgesehen – wenn es auch im Wiederholungsspiel nach 120 Minuten keinen Sieger geben sollte.
Schneeschlacht am Bökelberg
Genau das ist am 21. Dezember 1973, einem bitterkalten Freitagabend, der Fall. Vor 50.000 Zuschauern geht die Borussia von Trainer Hennes Weisweiler nach 25 Minuten durch einen Freistoß von Jung-Nationalspieler Rainer Bonhof in Führung, es ist quasi eine Doublette aus dem Hinspiel und Kargus sieht dabei nicht gut aus. „Kargus hätte das Führungstor des Gegners, dem dann eine Stunde lang nachgelaufen werden musste, nicht zulassen dürfen“, hieß es im Niedersachsen Sport.
Danach verhindert der damals noch nicht unumstrittene Keeper mehrmals das vorentscheidende 0:2 und weil HSV-Joker Horst Heese, später Trainer bei Eintracht Frankfurt, zwei Minuten vor Schluss eine Flanke einköpft, geht es in die Verlängerung. Auf tiefem Schneeboden kostet das die Spieler viel Kraft, nur Kargus fand später: „Das war kein Problem für mich. Ich habe immer gern bei solcher Witterung gespielt. Der Schnee war frisch gefallen, der Boden tief und weich.“
Da wirft er sich nach Herzenslust nach dem roten Ball, rettet spektakulär gegen Berti Vogts und Bernd Rupp. Auch Gegenüber Wolfgang Kleff, Deutschlands Nummer zwei im Tor, hält gewohnt stark. Es fallen jedenfalls keine Tore mehr, unter Flutlicht geht es in das damals noch sehr seltene, erst 1970 eingeführte, Elfmeterschießen.
Bonhof verschießt - Kargus wird zum Helden
Rudi Kargus wird vom neuen Präsidenten des HSV, Dr. Peter Krohn, aufgemuntert: „Sie haben heute schon so gut gehalten. Selbst wenn Sie jetzt keinen Elfmeter parieren, wird Sie niemand verdonnern.“ Dankbar fällt ihm Kargus um den Hals.
Bis zu diesem Tag ist er noch kein Elfmetertöter, alle neun Strafstöße in der Bundesliga waren drin gewesen. Aber dann wird binnen Minuten alles anders, ein Held geboren. Einer, der Elfmeter hält. Kollege Franz Hönig bringt den HSV in Führung, dann holt sich Kargus gleich den ersten Schuss von Horst Köppel.
Georg Volkert erhöht auf 2:0 und nun kommt Rainer Bonhof an die Reihe. Weil der Jungnationalspieler ihm zwei Freistöße in die linke Ecke gezirkelt hat, spekuliert Kargus, er könne diesmal die rechte nehmen – und so kommt es. Ein verschossener Bonhof-Elfmeter – im Nachhinein eine Rarität erster Güte. Kargus hat sie zu Wege gebracht!
Manfred Kaltz trifft zum 3:0, nun darf kein Gladbacher mehr verschießen und Jupp Heynckes hält sich daran – 3:1. Caspar Memering hat die Entscheidung auf dem Fuß, scheitert aber an Kleff und seinen Nerven. Es kommt der junge Dietmar Danner, dessen Schuss Kargus geradezu adelt: „Sein Strafstoß war am schwersten zu halten, er war sehr gut platziert und scharf geschossen.“
Er hält ihn trotzdem und das bringt seinen HSV ins Viertelfinale. Spontan rennen die Mitspieler auf ihn zu und tragen ihn auf Schultern vom Platz. „Das ist der schönste Tag in meinem Leben“, sagt er damals. „Das habe ich aus der Emotion gesagt. Heute würde ich das sicher etwas anders formulieren“, schmunzelt Kargus und weist darauf hin, dass in seinem Leben noch einiges kam. „Ich habe diesen Tag als meinen Durchbruch in der Öffentlichkeit abgespeichert, danach haben sie mich geliebt. Und es war der Startpunkt für meine Klassifizierung als Elfmetertöter. Es ist natürlich schön, dass mich bis heute keiner übertroffen hat, aber ich weiß es einzuordnen. Viel stolzer bin ich darauf, 408 Bundesligaspiele gemacht und einige Titel mit dem HSV gewonnen zu haben.“
Bundesliga-Rekord für die Ewigkeit
Der altgediente Hamburger Sportjournalist Ernst Werner sollte recht bekommen, als er seinen Spielbericht 1973 geradezu pathetisch beendete: „Eine neue Epoche, eine Epoche des Erfolgs scheint begonnen!“. Mit Kargus im Tor wurde der HSV Pokalsieger 1976, Europapokalsieger 1977, Meister 1979. Nationalspieler wurde er auch, 1976 war er bei der EM, 1978 bei der WM dabei, jeweils als letztlich untätiger Vertreter des ewigen Sepp Maier.
An ihm konnte er nicht vorbei, aber keiner übertraf Kargus bei seiner im Dezember 1973 entdeckten Spezialität. Von 76 Elfmetern gegen ihn wurden nur 47 verwandelt. Mit 23 gehaltenen Elfmetern hält er seit über 40 Jahren den Bundesliga-Rekord, auch noch auf späteren Stationen in Nürnberg, Karlsruhe und Düsseldorf. Weit vor dem Zweiten, Toni Schumacher (18), und dem besten Aktiven, Nationalkeeper Oliver Baumann (16). Sein Rekord dürfte noch ein paar Jährchen sicher sein. Die drei Paraden aus dem Pokal zählen natürlich nicht dazu und waren doch ein Faktor für den Rekord.
Denn das Erlebnis jenes Dezemberabends habe ihn angetrieben, sich darum zu kümmern, wie und wohin die Schützen so schießen. Kargus führte fortan Buch, war abhängig von den wenigen Schnipseln, die in Sportschau und Sportstudio zu sehen waren. „Von manchen Spielen gab es ja gar keine Berichte“, meint er sich zu erinnern, „an Videorecorder war auch nicht zu denken.“
Kargus Geheimnis beim Elfmeter
Aber selbst wenn er nicht wusste, was der Schütze vorhatte, hatte er doch immer einen Plan. Kargus über sein Geheimnis: „Ein Torwart versucht, durch Bewegungen den Schützen dazu zu verleiten, dass der macht, was er will. Die meisten haben eine Ecke angetäuscht und warfen sich dann in die andere – ich nahm meist die, die ich auch antäuschte.“ Wodurch es streng genommen keine Täuschung war – jedenfalls aber ein wirksamer Trick.
Als er zum Phänomen wurde, bat ihn übrigens die Uni Hamburg zu einem Reaktionstest. Das Ergebnis war enttäuschend. Kargus sagt heute: „Meine Reaktionswerte waren eigentlich ganz normal. Aber Elfmeter halten hat ja auch weniger mit Reaktionsvermögen zu tun, sondern mehr mit Antizipation.“ Sein Wissen gab er ab 1990 als Torwarttrainer und Jugendleiter noch vielen HSV-Talenten weiter, aber sein Nachfolger als Elfmetertöter wird immer noch gesucht.