Die Saison 2000/01 zählte gewiss zu den aufregendsten der Bundesligageschichte. Nicht nur wegen eines Meisterkampfes, der in der Nachspielzeit durch ein umstrittenes Freistoßtor entschieden wurde und Schalke 04 viereinhalb Minuten vom Titel träumen ließ, sondern auch wegen eines Duells zweier Schwergewichte der Liga. Keinem sportlichen, allerdings.
Der bizarre Höhepunkt eines beispiellosen deutschen Fußball-Skandals
Bizarrer Höhepunkt eines Skandals
Der Zoff zwischen Ankläger Uli Hoeneß und dem Angeklagten Christoph Daum zog sich über mehrere Wochen, die sogenannte Kokain-Affäre erschütterte auch den DFB bis ins Mark. Heute vor 25 Jahren fand sie ein vorläufiges Ende, als der 2024 verstorbene Trainer seine Beichte ablegte.
Christoph Daums Kokain-Geständnis: Der Widerhall war riesig
Der Konferenzraum im Kölner Hyatt-Hotel platzte aus allen Nähten. Über 200 Journalisten hatten sich eingefunden, für einige gab es nur noch Stehplätze. Der Kicker kommentierte: „Christoph Daum hatte gerufen, und Deutschlands versammelte Medien waren Zeuge der größten Show, die seit Jahren gelaufen ist - was in unserem Zeitalter viel heißen mag.“
2001, das war die Aufbruchszeit ins Internet, Smartphone und soziale Netzwerke spielten noch keine Rolle. Umso angesagter waren Liveticker, mit denen insbesondere Nachrichtensender und –portale, die wie Pilze aus dem Boden sprossen, ihre Kunden aus laufenden Ereignissen mit News versorgten.
Daum war designierter Bundestrainer
In diese aufgeheizte Nachrichtenlage plumpste im Oktober 2000 der „Fall Daum“. Der polarisierende Trainer von Bayer Leverkusen war vom DFB auserkoren worden, die kriselnde Nationalmannschaft ab 1. Juni 2001 aus dem Tief herauszuführen.
Doch es gab Vorbehalte gegen ihn, die mit seiner Lebensführung zu tun hatten. Es ging unter anderem um einen Erpressungsversuch durch eine Prostituierte, die angeblich ein Kind von ihm erwartete. Und um Kokaingenuss.
Darauf angesprochen, hatte der ihm seit den Daum-Tiraden gegen Jupp Heynckes 1989 in herzlicher Abneigung verbundene Bayern-Manager Uli Hoeneß in der Münchner Abendzeitung gesagt: „Wenn das alles Fakt ist, worüber geschrieben wurde, auch unwidersprochen über den verschnupften Daum, dann kann er nicht Bundestrainer werden.“
Es war durch das Gewicht der Person Hoeneß der Moment, mit dem der zuvor medial nur vorsichtig behandelte Fall Daum zur nationalen Angelegenheit wurde.
Uli Hoeneß entfesselte einen Sturm
Ein Sturm der Empörung brach über Hoeneß herein, es gab Morddrohungen, in den Stadien brauchte er Polizeischutz. Daum ging derweil in die Offensive, um seine Unschuld zu beweisen, und ließ - was heute kaum noch jemand weiß - insgesamt drei Haarproben machen. Zwei entlasteten ihn, aber die eine, die einen exorbitanten Messwert wie für einen Dauerkokser ergab, brachte ihn zu Fall.
Man ahnt: Daum war eigentlich überzeugt, dass auch das Kölner Institut für Gerichtsmedizin ihn entlasten würde. Unvergessen ist sein von Leverkusens Presseabteilung vorgeschlagener Satz am 4. Oktober 2000: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ Das sah nun anders aus.
Bayer-Manager Reiner Calmund drückte ihm am Abend des 20. Oktober ein Flugticket nach Miami in die Hand („Ich habe alles organisiert, Freunde warten dort auf dich“) und am nächsten Morgen um 10.05 Uhr trat er seine Flucht an, in der 1. Klasse. Am Abend vertrat ihn bereits Rudi Völler im Spiel gegen Borussia Dortmund. Wochenlang war Daum verschwunden, „um mit mir selbst ins Reine zu kommen“.
Das Geständnis: Kein „reines Gewissen“
Die deutsche Öffentlichkeit war aufgewühlt, der DFB erschüttert und alle hatten sie viele Fragen an Daum. Am 12. Januar 2001 wollte er sie in Köln beantworten, an seiner Seite saß der populäre Fußballkommentator Werner Hansch, doch den Showmaster gab Daum selbst. Er begann seine Ausführungen mit dem Wichtigsten: einem Geständnis.
„Ich gebe offen zu, dass ich mit Drogen in Kontakt gekommen bin. Ich habe Kokain zu mir genommen. Hier handelt es sich um gelegentliche Einnahmen im privaten Bereich. Von einer Sucht oder Krankheit kann keine Rede sein.“ Er betonte zwar, keine Drogen mehr zu konsumieren, sei sich aber „über die Tragweite dieses Fehlers bewusst. Das was ich getan habe, war nicht richtig.“
Was er damals gesagt hatte, als die Vorwürfe kamen, auch nicht, wie er nun zugab: „Knallhart gesagt: ich habe gelogen.“ Der Einstieg in die Droge sei zur Betäubung der Schmerzen wegen seiner Hüftarthrose erfolgt.
Auch Stefan Raab schaltete sich ein
Alle interessierte natürlich die Frage, wieso er von sich aus eine Haarprobe veranlasst hatte, musste sie ihn doch unweigerlich überführen. Damals blieb er im Vagen: „Sie war ein Fehler. Ich habe mir das auch anders vorgestellt, aber da habe ich mit Zitronen gehandelt.“
Viele Beobachter hielten seine Flapsigkeit, mit der er nicht nur dieses Statement abgab, für unangebracht. Daum schrieb dazu 2020 in seiner Biographie: „Doch so war ich nicht, und das bin ich nicht. Scheiß drauf, dachte ich, was sollte schon passieren? Ich bedauerte mein Verhalten, ich stand zu meinem Fehler…, aber ich hätte ich darum wie ein Häufchen Elend auf dieser Bühne sitzen sollen?“
Für einen skurrilen Moment sorgte übrigens auch TV-Entertainer Stefan Raab, der sich unter die Reporter gemischt hatte, Werner Hansch als „Werner Hanf“ anredete und Daum die Frage stellte, ob er schon von dem Job-Angebot von „Sturm Gras“ gehört hätte. Daum verstand den Wortwitz auf seine Kosten akustisch nicht und verneinte freundlich.
Hoeneß vermisste die Reue
Nein, Christoph Daums Träume waren zerbrochen, aber nicht endgültig. Er wollte es sogar „nicht ausschließen, dass ich es noch einmal werde“ - Bundestrainer nämlich. Er entschuldigte sich öffentlich bei DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und seinem damaligen Intimfeind Uli Hoeneß für das, „was sich für ihn und seine Familie ergeben hat“ und kündigte noch eine persönliche Entschuldigung an. Zu anstehenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Koblenz, die ihn in 63 Fällen wegen Kokainerwerbs (in Mengen von drei bis fünf Gramm) anklagte, wollte er nichts sagen - ein kluger Rat seines Anwaltstrios, nur dass er seine „Mitwirkung und Aufklärung“ angeboten habe.
Nach einer halben Stunde war die Show vorbei. Die Welt schrieb: „Daum beim Wort genommen – viele Fragen bleiben unbeantwortet.“ Hoeneß ließ wissen: „Bei all dem fehlt mir die Reue.“ Erst viele Jahre später legten die beiden ihren Konflikt bei.
Die Folgen - und das vergessene Nachspiel
Die Empörung ebbte allmählich ab, dabei war der Kriminalfall Daum noch lange nicht gelöst. Die Staatsanwaltschaft Koblenz musste die meisten Anklagepunkte, auch wegen unglaubwürdiger Zeugen, fallen lassen. Zwölf waren 2002 noch übrig geblieben. „Auch in diesen Punkten hätte ich auf einen Freispruch drängen können. Ich hätte ihn wohl bekommen. Aber ich hatte keine Kraft mehr“, hieß es in Daums Biographie.
Gegen eine Zahlung von 10.000 Euro wurde das Verfahren eingestellt. Er konnte seine Karriere fortsetzen, bekam sogar in Deutschland wieder Jobs (Köln, Frankfurt) und Nationaltrainer wurde er auch – von Rumänien (2016/17).
In der Biographie enthüllte er übrigens, was er 2001 noch verschwieg: dass er vor der offiziellen Haarprobe in Köln privat von einem befreundeten Arzt im Ausland einen Test hatte machen lassen und der war „komplett negativ! Kein Kokain, kein Opium, keine Amphetamine, gar nichts!“ In diesem Wissen hatte er sich dann nach vorne gewagt - und wurde vom Blitz getroffen. Als die Bombe schon geplatzt war, ließ er eine dritte Haaranalyse machen, nun in Las Vegas. Ein Dr. Russell schrieb ihm am 7. November 2000: „The result is negative for the presence of cocaine.“
Das wertloseste 2:1 im Leben des Christoph Daum, denn es war eine Niederlage. Um ein Haar wäre er Bundestrainer geworden. Was immer an der Kölner Haaranalyse anders als geplant gelaufen war, dazu gibt es viele Theorien: Sie hatte ihn dazu gezwungen, seine Lüge zuzugeben – heute vor 25 Jahren.