Bundestrainer Christian Wück oder Bundestrainer Julian Nagelsmann sind im Fußball bestens bekannt. Aber wie ist das mit Bundestrainer Johan Graßhoff? Der muss selbst ein bisschen lachen, wenn er mit dieser Begrifflichkeit hantiert, korrekt ist sie aber: Graßhoff ist seit 2018 Bundestrainer der Obdachlosen-Nationalmannschaft.
Wichtiger Job: Diesen Bundestrainer kennen nur wenige
Diesen Bundestrainer kennen nur wenige
Aber der Reihe nach. Weil Graßhoff ausgemustert wird, zerschlagen sich seine Pläne für den Zivildienst. Stattdessen macht er seinerzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland, genauer: Russland. Die Thematik Wohnungs- und Obdachlosigkeit, obgleich auch hierzulande präsent und mit steigenden Zahlen, wird ihm dort bei der Arbeit im Kältebus erst richtig bewusst.
Im Nachhinein, erzählt Graßhoff, wirke sein Lebenslauf wie entlang einer roten Linie gemalt. Doch tatsächlich führt ihn das Studium zunächst noch einmal weg vom Thema. Anschließend fängt er aber 2014 als Straßensozialarbeiter an. Und startet dabei bald ein Trainingsangebot im Fußball – das Hamburger Diakoniezentrum liegt schließlich direkt neben einem Platz.
Straßenfußball der Wohnungslosen
Schnell kommt eins zum anderen. Graßhoff erfährt von „Anstoß! – Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport e. V.“, einem Verein, der Zugang zum Sport schaffen möchte. Und zwar gezielt für Menschen, die nicht so einfach den Weg in Vereine finden.
Die Schwerpunkte? Straßenfußball, Training, die Deutsche Meisterschaft sowie der Homeless World Cup, nach dessen Vorbild auch die Meisterschaft gespielt wird: Auf einem Kleinfeld und, wie Graßhoff lachend erklärt, in einem Regelmix aus Fußball, Handball, Basketball und Eishockey.
Mit dem Team aus Hamburg nimmt Graßhoff an der Deutschen Meisterschaft teil, wird bald Mitglied im Vorstand von Anstoß! – und schließlich eben Nationaltrainer.
Die Meisterschaft ist jedes Jahr ein Höhepunkt. Nicht nur, weil die Spieler*innen – der Anteil an Frauen ist überschaubar, soll aber gesteigert werden – diese Begegnungen schätzen, nicht nur, weil Titel ausgespielt werden. Daneben beruft der Bundestrainer an diesem Wochenende außerdem sein Team für die Weltmeisterschaft. Das sei ein großer Anreiz.
Team ist dabei für Graßhoff ein, wenn nicht der entscheidende Gedanke, erklärt er: Um den Titel mitzuspielen sei einerseits nicht realistisch, weil andere Länder bessere Strukturen hätten und insofern ein anderes spielerisches Niveau. Gleichzeitig sei es gar nicht sein Ansatz.
„Der Gewinn kann nicht in Toren gezählt werden“
„Letztendlich geht es darum, diesen Alltag, der ja sehr negativ belastet ist, auch mal einen Moment abzuschütteln“, verdeutlicht er sein Ziel. „Sport ist ein gutes Handwerkszeug dafür.“
Deswegen sieht der Sozialarbeiter es durchaus kritisch, dass neuerdings die FIFA ihre Finger beim Homeless Worldcup im Spiel hat: Er befürchtet Kommerzialisierung, den Fokus auf schöne Spiele statt des Wertes des Turniers für die Teilnehmenden. Denn Graßhoff ist überzeugt: „Der Gewinn kann nicht in Toren gezählt werden.“
Das möchte er nicht als Verniedlichung des Sports verstanden wissen. Aber die Spieler*innen, viele mit komplizierten Lebensgeschichten, Suchthintergrund, mit Fluchterfahrungen und psychischen Krankheiten, nehmen aus seiner Sicht ganz andere Dinge mit beim Sport, ob im Training oder bei der Weltmeisterschaft, die 2026 in Mexico-City stattfindet.
Fußball sei für sie ein Motor gegen die Einsamkeit. Eine Quelle für Selbstbewusstsein, gerade, weil ihnen oft gespiegelt werde, sie seien für die Gesellschaft ein Problem. Damit wirke der Sport bei ihnen auch wohltuend gegen soziale Erschöpfung. Und nicht zuletzt biete er eine Form der gesundheitlichen Prävention. All das wiege so viel mehr als ein Titel.