Der nächste große Fußballer wird vielleicht nicht mehr von einem Scout entdeckt, der zufällig am richtigen Nebenplatz steht. Künstliche Intelligenz findet den Star – weil sie Dinge erkennt, die selbst dem geschulten Auge entgehen.
Ist diese Revolution das Ende der Scouts?
Das Ende der Scouts?
Genau daran arbeiten Tobias Schweinsteiger und Tobias Haupt mit „GameCode.AI“. Ihr durchaus selbstbewusster Ansatz: „Sportlicher Erfolg wird erklärbar.“
Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische Daten wie Pässe, Zweikämpfe oder Torschüsse. Im Gegenteil: Rund 99 Prozent der Analyse beschäftigen sich nach Angaben der Entwickler mit Dingen, die ohne Ball passieren. Wo bewegt sich ein Spieler? Welche Räume erkennt er? Wohin schaut er?
Die Blickrichtung wird zum Faktor. Trainings können mit normalen Kameras aufgezeichnet und anschließend von der KI analysiert werden. Über mehrere Einheiten entsteht so ein Profil eines Spielers, das weit über Tore, Assists oder gewonnene Zweikämpfe hinausgeht.
„Rasterfahndung“ nach Talenten
Und genau hier wird es für das Scouting spannend. Theoretisch lassen sich Talente herausfiltern, deren Fähigkeiten bei klassischen Sichtungen möglicherweise gar nicht sofort auffallen. Nicht der spektakulärste Spieler landet zwingend oben auf der Liste – sondern derjenige, dessen Bewegungen, Wahrnehmung und Entscheidungen besonders interessant sind.
Schon heute werden dafür Aktionen bewertet, die früher kaum eine Rolle spielten. „Carries into Box“, also erfolgreiche Dribblings in den Strafraum, sind nur ein Beispiel dafür, wie detailliert Spieler inzwischen vermessen werden können.
Noch einen Schritt weiter geht die neueste Entwicklung von „GameCode.AI“: ein Bot, der die komplizierten Daten in einfache Antworten übersetzt.
Trainer können mit „Daten sprechen“
Trainer können ihm sogar per WhatsApp Fragen stellen – zu Spielern, taktischen Problemen oder möglichen Transferzielen. Der Bot wird damit zu einer Art digitalem Co-Trainer.
Interessant: Die KI lässt sich an die Philosophie des jeweiligen Trainers anpassen. Ein Coach, der aggressiv pressen möchte, bekommt auf dieselbe Frage möglicherweise eine andere Antwort als ein Trainer, der auf Ballbesitz setzt. Die KI sucht also nicht den vermeintlich besten Spieler, sondern denjenigen, der zur jeweiligen Idee von Fußball passt.
„Mit Daten sprechen“, nennen es die Entwickler. Davon könnten vor allem Trainer profitieren, die bislang wenig mit riesigen Datensätzen anfangen konnten. Sie müssen die Zahlen nicht mehr selbst interpretieren – sondern können der KI eine Fußballfrage stellen.
Werden Scouts überflüssig?
Die größere Revolution könnte allerdings im Scouting bevorstehen. Wenn eine KI die Spieler innerhalb kürzester Zeit nach einem exakt definierten Profil durchsuchen kann, dürfte ein Teil der bisherigen Arbeit tatsächlich wegfallen. Das bedeutet aber nicht das Ende des Scouts.
Gute Mitarbeiter werden weiterhin gebraucht, gerade wenn es um Persönlichkeit, Charakter und die Bewertung eines Spielers außerhalb nackter Daten geht. Ihre Aufgabe könnte sich jedoch verschieben: Die KI sucht – der Mensch urteilt.
Nach Angaben der Verantwortlichen wird „GameCode.AI“ bereits von Klubs aus der Premier League, der Schweiz und der MLS eingesetzt. Auch ein namhafter Bundesligist soll mit der Technologie arbeiten.
Noch entscheidet kein Algorithmus über einen Millionen-Transfer. Doch die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob künstliche Intelligenz im Profifußball eine Rolle spielen wird – sondern wie groß diese wird.