Axel Bellinghausen verteidigt Fortuna Düsseldorf
Fortuna-Legende Bellinghausen spricht Klartext
Axel Bellinghausen blickt im SPORT1-Interview auf seine besondere Verbindung zu Fortuna Düsseldorf. Der ehemalige Publikumsliebling spricht über Werte, Vereinstreue und erklärt, warum die heutige Spielergeneration oft zu vorschnell beurteilt wird.
Der Flinger Broich ist für Axel Bellinghausen mehr als nur ein Fußballplatz. Hier begann vor fast drei Jahrzehnten seine Geschichte mit Fortuna Düsseldorf, hier erlebte er Aufstiege, Abstiege und jene wilden Jahre, in denen Spieler und Fans noch deutlich näher beieinander waren.
Im SPORT1-Interview spricht der 43-Jährige, der für die Fortuna 225-mal auf dem Feld stand, über Haltung und Vereinstreue, seine Suspendierungen, fehlende Nähe im modernen Profifußball – und darüber, warum man der heutigen Spielergeneration Unrecht tut. Außerdem fordert er Zeit für die Fortuna nach dem unruhigen Start in die Saison der 3. Liga.
SPORT1: Hallo, Herr Bellinghausen, wir sitzen hier am Flinger Broich, dort, wo Fortuna Düsseldorf seine Wurzeln hat. Sie kamen mit 15 Jahren zu diesem Verein, sind heute 43. Wenn Sie das hier so sehen: Wie viel von Ihrem eigenen Leben sehen Sie eigentlich in Fortuna Düsseldorf?
Axel Bellinghausen: Eine ganze Menge. Ich habe den Großteil meines Lebens hier in Düsseldorf und bei der Fortuna verbracht. Und gerade in einem Alter, das für die Entwicklung wichtig ist. Wenn du als 15-Jähriger zu Fortuna kommst, bist du mitten im Teenageralter. Ich habe gehört, die Stadt soll auch ganz cool sein, da kann man schon das ein oder andere erleben. Fußballerisch liegen meine Wurzeln natürlich noch mal woanders. Aber hier wurde das Ganze dann so gedüngt, dass es weiterging. Und das war natürlich überragend. Deswegen ist Fortuna Düsseldorf der Hauptbestandteil meines Lebens.
SPORT1: Wenn jemand sagt: „Axel Bellinghausen ist Fortuna Düsseldorf“ – macht Sie das stolz oder ist Ihnen das schon eine Nummer zu groß?
Bellinghausen: Ein Plädoyer für mehr Haltung
Bellinghausen: Das ist eine Nummer zu groß. Ich bin glücklich und auch stolz darauf, mit diesem Verein immer wieder in Verbindung gebracht zu werden – und größtenteils ja auch positiv. Ich liebe es, für diesen Verein wirklich den Schädel hinzuhalten. Aber ich bin weit davon entfernt, Fortuna Düsseldorf zu sein. Es gibt ganz andere Größen in diesem Klub, die deutlich mehr Reputation haben, deutlich mehr für diesen Verein getan und vor allen Dingen sportlich natürlich auch viel mehr erreicht haben.
SPORT1: Sie haben den Verein in völlig unterschiedlichen Zeiten erlebt, auch in ganz schweren. Emotional scheint Ihnen dabei die kämpferische, manchmal chaotische Fortuna von früher bis heute besonders nah zu sein.
Bellinghausen: Es ist tatsächlich die Mischung aus beidem. Von der kompletten Emotionalität und diesem Nah-dran-Sein ist es unsere chaotische Oberliga-Zeit, weil es einfach so ein enger Zusammenhalt war. Aber die Zeit macht keinen Halt. Deswegen bin ich sehr froh, dass wir uns so professionell entwickelt haben – auch durch die Hilfe der ganzen Menschen, die nach wie vor zu diesem Verein stehen. Ich würde mir trotzdem wünschen, dass wir weiterhin ein bisschen mehr Nähe haben. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich über eine Zeit spreche, in der es keine Fotohandys gab. Du hast mit den Jungs auch mal anderweitig abgehangen und Dinge erlebt, die heute einfach gar nicht mehr möglich sind.
SPORT1: Sie waren nie der schillernde Superstar. Gerade für Ihren Einsatz und Ihre Bodenständigkeit wurden Sie von den Fans geliebt. In Kaiserslautern hatten Sie den Spitznamen Forrest Gump, weil Sie die Seite hoch und runter gelaufen sind. Ist Ihre Karriere deshalb vielleicht auch die typische Bellinghausen-Geschichte – eine Geschichte darüber, wie weit man mit Haltung kommen kann?
Bellinghausen: Ich weiß nicht, ob es die typische Bellinghausen-Fortuna-Geschichte ist. Vielleicht ist es – wenn man den Fußball mal ein Stück weit ausklammert – einfach die typische Bellinghausen-Geschichte. Jetzt mit 43 kann ich sagen, dass man im Leben mit Haltung weiterkommt. Mit Werten, die man von zu Hause mitbekommen hat, und mit weiteren Werten, die man durch den Fußball gelernt hat. Mit einer gesunden Selbsteinschätzung und damit, authentisch zu sein. Das ist ein sehr guter Mix, der einen weiterbringt. In meinem Fall war es im Fußball natürlich auch das Glück, für drei Vereine spielen zu dürfen, die genau das von mir wollten, was ich bringen konnte. Ich musste mich nicht verbiegen. Allerdings mit der Konsequenz, auch mal suspendiert zu werden, weil man so war, wie man war, und nicht klein beigegeben hat.
Bellinghausen zeigt Verständnis für Olise
SPORT1: An Michael Olise scheiden sich mitunter die Geister. Er schoss zuletzt ein wunderbares Tor für Bayern und wird danach gefragt, wie sich das anfühlt. Seine Antwort: „Das war gut.“ Auf die Nachfrage des Kollegen kam nur: „Pff, ich weiß es nicht.“ Können Sie das erklären?
Bellinghausen: Man muss bei Olise fairerweise sagen: Das ist für mich ein absoluter Weltklassespieler. Für ihn ist so ein Tor geilerweise keine Eintagsfliege. Der hat es drauf, solche Dinger acht-, neun-, zehnmal in der Saison zu schießen. Wenn du mich damals nach so einem Tor gefragt hättest, wäre das alles andere als alltäglich gewesen. Ich glaube, ich hätte vor der Kamera blank gezogen. (lacht) Ich kann Olise irgendwo verstehen. Der schießt die Dinger genauso im Training, bei dem sind die gewollt. Bei mir wären sie abgerutscht und deswegen sensationell gewesen. (lacht)
Bellinghausen erinnert an einen Rat von Friedhelm Funkel
SPORT1: Sie haben eben gesagt, dass Sie auch mal suspendiert wurden. Wofür?
Bellinghausen: Das Obligatorische halt. (lacht) Das erste Mal hier als ganz junger Spieler. Da war ich, glaube ich, 19 oder 20. Wir waren eine Gruppe von fünf Spielern bei Fortuna, die suspendiert wurden, weil wir quasi für die Mannschaft den Kopf hingehalten haben. Wir sind meinungsstark aufgetreten. Ohne jemandem etwas Böses zu wollen, aber das gehörte bei mir eben dazu. In Kaiserslautern wurde ich unter Kjetil Rekdal auch mal für zwei Wochen zum Frischluftschnuppern zu Kosta Runjaic und Hans-Werner Moser in die zweite Mannschaft geschickt. Es waren Dinge, bei denen ich der Meinung war: Die laufen nicht so, wie sie laufen sollten. Und es ging nicht nur um mich, sondern um die Gruppe. Vielleicht bin ich aufgrund meiner Naivität ein bisschen über die Stränge geschlagen und habe mich zu intensiv für die Gruppe eingesetzt. Ich dachte, ich wäre jetzt alleine schlau. Das war halt doof.
SPORT1: Fehlen solche Typen heute dem Fußball?
Bellinghausen: Da müssen wir unterscheiden. Da sind wir wieder beim Zeitenwandel. Friedhelm Funkel hat mir in meiner Zeit als Co-Trainer, als ich mit Thomas Kleine unter ihm arbeiten durfte, einen der schlauesten Sätze gesagt, die ich je von einem Trainer gehört habe. Eigentlich schade, dass meine Karriere da schon vorbei war. Friedhelm sagte: „Axel, die werden nicht mehr wie wir. Aber wir müssen ein Stück werden wie die, damit wir zusammenkommen.“
SPORT1: Heißt das: Wir Älteren beurteilen die heutige Generation manchmal zu schnell?
Bellinghausen: Genau. Wenn wir heute in irgendeine Profimannschaft gehen und die ganz jungen Spieler, 18 oder 19 Jahre alt, fragen würden: „Habt ihr Typen in der Mannschaft?“, dann würden die das sofort bejahen. Für die gibt es Typen. Dann kommt eine andere Generation – und da nehme ich mich mit rein – und wir sagen: „Boah, krass, ganz andere Definition.“ Aber wir tun den Jungs Unrecht. Und das ist für mich das Schlimmste. Wir tun den heutigen Führungsspielern Unrecht, wenn wir ihnen absprechen, Typen zu sein. Die sind auf ihre Weise Typen innerhalb der Mannschaft. Da müssen wir auch mal einen Schritt zurückgehen und sagen: Die machen das auf ihre Art.
Bellinghausen: Jeder Spieler hat zwei Verpflichtungen
SPORT1: Wenn Sie heutige Profis erleben: Ist echte Identifikation mit einem Verein überhaupt noch realistisch – oder verlangen Fans inzwischen etwas von Spielern, das der moderne Fußball selbst immer schwieriger macht?
Bellinghausen: Die Antwort steckt schon in der Frage drin. Der moderne Fußball macht es tatsächlich immer schwieriger. Trotzdem bin ich der Meinung: Wenn du dich auf einen Verein einlässt – und das ist völlig egal, ob wir über Fortuna oder den 1. FC Kaiserslautern oder sonst wen reden –, hast du als Spieler zwei Verpflichtungen. Die erste ist, das zu verkörpern, weswegen du geholt worden bist. Wenn du ein Torjäger bist, dann hast du Bock, für diesen Verein auf Torjagd zu gehen. Das ist deine Hauptaufgabe, und dafür stellst du dich komplett in den Dienst der Mannschaft. Keiner steht über der Mannschaft.
SPORT1: Und was ist die zweite Verpflichtung?
Bellinghausen: Sich mit dem Verein auseinanderzusetzen. Mir braucht kein Mensch die komplette Historie von der Gründung bis heute herunterzubeten. Aber zu wissen, was diesen Verein für die Menschen drumherum besonders macht, ist für mich eigentlich eine Pflichtaufgabe. Es gibt immer Spieler, die dir das erklären können. Es gibt Menschen im Dunstkreis und öffentliche Termine, auf die du dich einlassen kannst. Da wünsche ich mir manchmal einfach ein bisschen mehr Offenheit und mehr Zugang. Dass die Leute sagen: „Ey, ich verstehe, dass da einer in der Kurve steht, der sich die Kohle vom Mund abspart. Und genauso, wie ich für die Jungs, mit denen ich auf dem Platz stehe, alles gebe, gebe ich auch für den oder diejenige alles.“
„Fortuna gehört für mich zu den Top 25 in Deutschland“
SPORT1: Kommen wir zur Aktualität: Fortuna hatte gemessen an den Erwartungen einen schwierigen Saisonstart und steht aktuell nur auf Rang acht der 3. Liga. Wie ordnen Sie die Entwicklung dieser neu zusammengestellten Mannschaft ein?
Bellinghausen: Im Moment prasselt wahnsinnig viel von außen auf die Mannschaft ein. Der Wind hat sich sehr schnell gedreht, und das finde ich ein bisschen schade. Wir haben 19 neue Spieler. Jeder, der mal hinter der Kugel hergelaufen ist, weiß, dass das eine schwierige Situation ist. Natürlich kann man sagen: Du hattest eine Vorbereitung. Aber ein Pflichtspiel ist ein Pflichtspiel. Da entstehen Momente, die du teilweise gar nicht trainieren kannst. Bis eine hundertprozentige Abstimmung da ist, dauert es. Mit dem einen klappt es schneller, mit dem anderen dauert es ein bisschen. Ich glaube, dass diese Mannschaft Automatismen entwickeln wird, die irgendwann einfach kommen, weil es dann Klick macht. Davon bin ich überzeugt.
SPORT1: Die Sehnsucht nach der Bundesliga gehört bei Fortuna fast zum Lebensgefühl. Gleichzeitig hat der Verein seit dem Abstieg 2020 sechs Jahre nur in der 2. Bundesliga gespielt – und ist letztes Jahr sogar noch katastrophal eine Liga weiter nach unten gerutscht. Anspruch und Wirklichkeit scheinen da zunehmend auseinanderzugehen.
Bellinghausen: Die Realität hat uns sehr schnell eingeholt. Ich glaube, dass die Menschen hier drumherum, gerade das Umfeld und die Fans, sehr realistisch sind. Natürlich hört man seit Jahren, dass es schön wäre, in die Bundesliga aufzusteigen. Überraschenderweise haben ganz viele Mannschaften diesen Anspruch. Ich persönlich sage ganz ehrlich: Ja, das wäre schön. Ich sehe Fortuna aber nicht als die Mannschaft, der man den Stempel aufdrücken muss und sagt: „Die gehört zurück in die Bundesliga.“ Da gibt es vielleicht auch ganz andere. Ich habe immer mit Stolz gesagt: Fortuna gehört für mich zu den Top 25 in Deutschland. Das beinhaltet eben auch die Top Sieben der Zweiten Liga. Ich glaube, das ist ein Stück weit unsere Wahrheit. Die Menschen hier verbindet die Sehnsucht, und das ist völlig nachvollziehbar. Aber sie sind auch realistisch genug, um zu sagen: Das ist vielleicht eher unser Anspruch – wieder dahin zu kommen.
Eine Botschaft an sein jüngeres Ich
SPORT1: Wer ist Axel Bellinghausen eigentlich, wenn Fußball und Fortuna einmal gar keine Rolle spielen?
Bellinghausen: Ich bin ein sehr glücklicher und erfahrungsreicher Mensch, der wahnsinnig viel Glück hat. Ich bin glücklich verheiratet und habe meine Familie um mich herum.
SPORT1: Wenn der 15-jährige Axel genau hier am Flinger Broich neben Ihnen sitzen würde – was würden Sie ihm über die nächsten 28 Jahre erzählen?
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Bellinghausen: Tu dir und mir einen Riesengefallen und bleib bei dir. Nimm den Rat deiner Trainer, deiner Eltern und deines engsten Umfeldes immer an. Ich habe irgendwann mal zu meinem Papa gesagt: „Ich habe dir immer zugehört. Aber heute verstehe ich erst, was du damit meintest.“ Ich glaube, so geht es nicht nur mir, sondern ganz vielen Menschen. Aber verbieg dich nicht. Versuch nicht, Everybody’s Darling zu sein. Das wirst du nie schaffen.