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Verhandeln bis das Display schmilzt

Verhandeln bis das Display schmilzt

Am Dienstag, 19 Uhr schließt in England der Transfermarkt. Bis dahin sind vor allem die Spielerberater in ständiger Alarmbereitschaft, wie einer von ihnen bei SPORT1 schildert.
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© SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images

Landet Kevin De Bruyne noch bei City, folgen Paul Pogba und Neymar doch noch dem Ruf des Pfunds, stürzt sich Julian Draxler in ein italienisches oder wenigstens niedersächsisches Abenteuer? Brauchen andere Spieler im letzten Moment doch noch einen neuen Klub? Oder ruft am Samstag noch ein Manager an und bittet um schnelle Hilfe?

Wenn diese letzten Tage des Transferfensters für Fans, Spieler und die Verantwortlichen der Klubs schon eine Nervenprobe sind, wie sollen sich da erst die Berater fühlen?

Transferliste hat ausgedient

Am Dienstag um 19 Uhr schließt in England der Transfermarkt (Rest Europas: Montag, 18 Uhr). Bis dahin müssen alle Spieler bei ihrem neuen Verein einen Vertrag unterschrieben und von den Klubs in das neue Transfer-Online-Registrierungssystem, kurz: TOR, eingetragen worden sein. Die altbekannte Transferliste hat ausgedient.

Vorteil für Klubs, Spieler und Berater: Sie haben vier Stunden mehr Zeit, die Spieler müssen nicht mehr bis 12 Uhr auf der Transferliste erscheinen. Auch defekte Faxgeräte können Wechsel nicht mehr verhindern.

Nachteil für Klubs, Spieler, Berater: Sie haben vier Stunden länger Zeit.  Vier Stunden mehr zum Telefonieren, vier Stunden mehr zum Verhandeln, vier Stunden mehr Nervenkrieg.

Alle Termine abgesagt

Stressig war das Ende der Transferzeit für Spielerberater, und noch mehr -vermittler, immer schon. Doch zuletzt hat der Kauf- und Verkaufswahn der Branche nochmal eine neue Eskalationsstufe erreicht. Einem der bekanntesten deutschen Spielerberater schmolz schon letzten Winter in den letzten Stunden des Transferfensters wegen der vielen Anrufe das Display seines Smartphones.

Jürgen Kohler, Rainer Bonhof, Jörg Neblung
Jürgen Kohler, Rainer Bonhof, Jörg Neblung

Jörg Neblung hat solche Probleme nicht. Der frühere Berater des verstorbenen Nationaltorhüters Robert Enke betreut momentan vor allem Spieler, die glücklich in ihren Vereinen sind, schon gewechselt haben oder arbeitslos sind. Spieler ohne Verein können sich auch nach dem Ende der Transferfrist einem Klub anschließen. Neblung beziffert die Chancen, dass er in dieser Transferperiode noch aktiv werden muss bei "unter 50 Prozent".

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Doch auch er hat sich die gesamte letzte Woche des Transferfensters freigeschaufelt und alle nicht aktuellen Termine abgesagt. Man kann ja nie wissen, ob nicht doch der Manager eines Klubs anruft und auf die Schnelle einen neuen Spieler braucht. "Wenn am letzten Tag noch keine Verhandlungen zwischen den Vereinen und dem Spieler stattgefunden haben, passiert in der Regel nichts mehr. Zwei Tage vorher muss man schon im Thema sein", sagt Neblung zu SPORT1.

Doch verhandelt werden kann bis zum bitteren Ende.

Transfers immer später

Galt es früher an den letzten Tagen noch vor allem schwer Vermittelbare zu transferieren oder Problemklubs beim Nachrüsten zu helfen, wechseln nun auch die Superstars immer später ihre Klubs.

"Die Bundesliga hat sich da an die internationalen Gepflogenheiten angepasst. Die Transfers werden immer später realisiert. Generell gilt der Grundsatz 'schnell frisst langsam und reich frisst arm'. Doch neben den Megatransfers werden mittlerweile zum Ende der Transferperiode auch immer wieder Schnäppchen auf den Markt gespült, auf die die finanzschwächeren Vereine bewusst warten", sagt Neblung .

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Dass Last-Minute-Geschäfte mittlerweile die Regel sind, liegt - wie so vieles im modernen Fußball - an England.  Oder besser: Am englischen Geld. Neblung: "In England fahren die Verantwortlichen nach der Saison erst mal in Urlaub, schauen sich dann den Markt an und handeln erst sehr spät. Die deutschen Vereine müssen sich darauf einstellen."

Klubs müssen Plan B haben

Das - und am besten auch Vorsorgen. Wenn ein Spieler spät nach England wechselt, müssen die deutschen Klubs einen Plan B in der Hinterhand haben. Das ist die Basis", sagt Neblung . Damit die Klub-Manager nicht überrascht werden vom plötzlichen Wechselwunsch eines Spielers und dann ohne Alternative dastehen. So, wie es offenbar gerade Bayer Leverkusen mit Heung-Min Son passiert ist, der überraschend für 30 Millionen Euro zu Tottenham wechselte und Mitspieler und Trainer einigermaßen verwirrt zurückließ.

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Seriöse Berater wie Neblung versuchen solche Verwirrspiele zu verhindern. "Wenn es für einen Spieler, den ich betreue, etwa drei Anfragen aus der Championship gibt, sage ich den Leuten bei seinem aktuellen Verein: 'Sorgt bitte vor!' Wenn ich einen Stammspieler aus seinem Verein herausziehen möchte, muss ich dafür sorgen, dass adäquater Ersatz gefunden werden kann. Wenn es dann zum Transfer kommt, sollte der Klub schon die Angelschnur ausgeworfen haben."

Einen Tag zu früh in den Urlaub

Neblung wird am Mittwoch übrigens ganz normal ins Büro gehen. Seit er Familienvater ist, kann er nicht einfach so in Urlaub fahren, wann es ihm gerade so passt - oder das Transferfenster schließt. Außerdem ist er, was Urlaub angeht, ein gebranntes Kind.  "2002, in meinem ersten Jahr der Selbstständigkeit habe ich den Fehler begangen, zu früh in den Urlaub zu fahren", sagt er.

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Wie bitte? Neblung erklärt: "Zwischen Benjamin Auer und dem damaligen Gladbach-Trainer Hans Meyer passte es nicht mehr, Benny wollte nach Mainz, allerdings spielte auch Leverkusen eine Rolle. Der Plan war: Leverkusen kauft ihn und verleiht ihn weiter nach Mainz. Wir waren uns mit den aufnehmenden Vereinen einig, ab dem Moment war ich raus aus den Verhandlungen, es war eine Sache zwischen den Klubs."

Trotzdem hätte er natürlich da sein müssen. Aber: "Das Transferfenster war damals wegen des Wochenendes um zwei Tage auf den 2. September verlängert worden. Ich hatte aber schon Monate vorher meinen Urlaub für den 1.09. gebucht und stieg notgedrungen am Sonntagnachmittag in den Flieger nach Bali - ohne zu wissen, ob das Geschäft klappen würde. Das habe ich dann erst nach der Landung erfahren. Damals habe ich Lehrgeld bezahlt."