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Meyer: System kann ins Wanken geraten

Meyer: System kann ins Wanken geraten

Tim Meyer ist Leiter der "Task Force Sportmedizin" der DFL. Im Interview spricht er über die Folgen der positiven Coronatests in Köln und stellt sich der Kritik.
DFB-Arzt Prof. Dr. Tim Meyer hat das Gesundheitskonzept der DFL mitzuverantworten. Im SPORT1-Interview erklärt er, wie sicher das System ist.
Martin Quast
von Martin Quast
03.05.2020 | 11:06 Uhr

Drei positive Coronatests beim 1. FC Köln haben die Debatte über einen möglichen Re-Start der Bundesliga angeheizt.

Im SPORT1-Interview erklärt Prof. Dr. Tim Meyer, Nationalmannschaftsarzt und Leiter der "Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" der DFL, das Testverfahren und bezieht Stellung zu kritischen Stimmen.

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SPORT1: Herr Meyer, erster Test und gleich jemanden gefunden. Wie beurteilen Sie das?

Tim Meyer: Wir haben zwischen 1500 und 2000 Personen getestet. Die Erwartungshaltung ist keinesfalls, dass davon keiner positiv ist. Das wäre zwar schön, aber das ist nicht realistisch. Wir haben sicherlich einige positive Fälle erwartet, ich möchte nicht ausschließen, dass es noch weitere positive Fälle gibt, weil es eine so große Zahl von getesteten Personen ist. Insofern ist es richtig zu sagen: Wir schließen diejenigen aus, die ansteckend sind. Und die versuchen wir zu finden. Dies war die erste Testrunde, es gibt noch eine zweite Testrunde. Erst dann geht es ins Mannschaftstraining. Damit haben wir eine noch höhere Sicherheit als nach der ersten Runde.

Tim Meyer: "Es gibt kein einhundertprozentiges System"

SPORT1: Zwei Mal wöchentlich werden die Mannschaften getestet, das heißt alle drei, vier Tage. Wie dicht ist das System und wie gut ist es damit aufgestellt?

Meyer: Es gibt kein einhundertprozentiges System, das war auch kein realistisches Ziel. Wir haben immer das Ziel verfolgt, ein medizinisch vertretbares Risiko zu erreichen und dafür testen wir schon sehr eng. Es sind nicht nur die Testungen, die die Sicherheit ausmachen, sondern auch verschiedene andere Regelungen, beispielsweise Verhaltensregeln für den Alltag, Abstandsregeln außerhalb des Platzes, Mundschutz für Betreuer usw. Es ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen, das wir ergreifen, was über die Tests hinausgeht. Das heißt aber nicht, dass die Tests nicht ein wichtiger Pfeiler sind. Alles zusammen macht die Sicherheit aus.

SPORT1: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich via Twitter geäußert und geschrieben: Dieses System floppt und ist kein Vorbild. Hat er Recht?

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Meyer: Ich denke nicht, dass man dieses System zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt schon beurteilen kann. Wir setzen auf wiederholte Testung. Dies war der allererste Test. Wir haben jemanden gefunden, diese Personen werden ausgeschlossen. Soweit funktioniert das Ganze also zunächst einmal. Wir können vielleicht erstmals in vier, fünf Wochen sagen, ob das wirklich gut funktioniert oder ob es nicht klappt, wenn diese wiederholten Testungen dauerhaft immer wieder größere Zahlen von Positiven hervorbringen. Ich hoffe nicht, dass das der Fall ist. Die entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen sind getroffen. Ich habe sie aufgezählt, sie liegen auch außerhalb der Tests. Meines Erachtens ist das ein System, wie man es derzeit kaum sicherer auf die Beine stellen kann.

Darum darf auch der 1. FC Köln weitertrainieren

SPORT1: Warum dürfen die übrigen Spieler weitertrainieren, obwohl sie potenzielle Virenträger sein könnten?

Meyer: Diese Entscheidungen trifft ausschließlich das zuständige Gesundheitsamt. Das ist auch hier beim 1. FC Köln der Fall gewesen, natürlich nach Rücksprache mit den Betroffenen. Das Gesundheitsamt wird in solchen Fällen in der Regel die betroffene Person isolieren, so ist das auch hier, die drei Personen sind isoliert. Darüber hinaus ermittelt das Gesundheitsamt die Personen, mit denen diese Betroffenen an den Vortagen Kontakt hatten. Diese Kontakte werden dann klassifiziert, entweder als Hochrisiko-Kontakte oder weniger risikoreiche Kontakte. Da sich beim Training und bei allen Kontakten im Rahmen des Vereins die Aktiven des 1. FC Köln an die behördlichen Vorgaben zu halten haben – Abstandregeln und andere Vorgaben -, ist gar keine Situation gegeben, in denen solche Hochrisiko-Kontakte auftreten. Ich unterstelle, dass sich jeder daran gehalten hat, dementsprechend kann ich die Entscheidung des Gesundheitsamtes, dass dies keine Hochrisiko-Kontakte sind, voll nachvollziehen.

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SPORT1: Wie schnell sind die Testergebnisse da? Kann man wirklich sicher sagen, dass die, die jetzt negativ getestet wurden, sich nicht in diesem Training X angesteckt haben, was dann erst zwei Tage später festzustellen wäre?

Meyer: Grundsätzlich sind Testergebnisse spätestens nach 24 Stunden da, meistens schon eher. Das ist vertraglich so geregelt worden. Natürlich ist es möglich, dass Spieler nachträglich positiv werden. Das ist auch einer der Gründe, warum wir wiederholt testen, um dann mit dem nächsten Test diese Spieler aufzufangen. Sie können jetzt natürlich immer Szenarien konstruieren, wo dann doch noch ein kleines Restrisiko ist. Das will ich auch gar nicht in Abrede stellen. Es geht eben nicht um einhundertprozentige Sicherheit, sondern um eine medizinisch vertretbare und sehr hohe Sicherheit. Die erreichen wir damit. Und eben nicht nur mit den Testungen, sondern auch mit den anderen Maßnahmen.

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"Überhaupt keine Sonderregelungen für den Fußball"

SPORT1: Der Vorwurf, nur im Fußball müssten nicht alle in Quarantäne, ist also falsch?

Meyer: Auch in anderen Zusammenhängen, wenn irgendwelche Gruppen beieinander sind und die Abstandsregeln einhalten, müssen diese Kontaktpersonen nicht in Quarantäne. Hier sind überhaupt keine Sonderregelungen für den Fußball getroffen worden. Sondern die Kontaktpersonen wurden ermittelt, die Kontakte wurden nach ihrem Risikograd klassifiziert und dementsprechend erfolgte die Einordnung. Das wäre in jeder Schule, in jeder Firma und in jedem anderen Betrieb so.

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SPORT1: Welches Problem könnte auf die Liga zukommen, wenn während des Spielbetriebs jemand positiv getestet werden würde?

Meyer: Immer wenn jemand positiv getestet wird in diesem System, wird das vermutlich öffentlich und es wird darüber debattiert werden, weil der Fußball sehr wichtig genommen wird an vielen Ecken und Enden. Dennoch muss man sich klarmachen, dass die Abläufe genau die gleichen sind wie jetzt. Das Gesundheitsamt ist zuständig und entscheidet. Und die Kriterien sind genau die gleichen. Es werden die Kontaktpersonen ermittelt und das Ausmaß des Kontaktes klassifiziert. Dann trifft das Gesundheitsamt eine Entscheidung über die Kontaktpersonen, genau wie jetzt.

"Dieses System kann ins Wanken geraten"

SPORT1: Könnte das System ins Wanken geraten, wenn an mehreren Orten mehrere Spieler positiv getestet werden würden, während die Saison läuft?

Meyer: Wenn es zu viele positive Fälle gibt, kann dieses System sicherlich ins Wanken geraten. Das ist gar keine Frage. Deswegen ist es umso wichtiger, dass alle extreme Disziplin wahren. Das gilt nicht nur auf dem Platz, sondern vor allen Dingen daneben und zuhause. Dass alle Spieler, Trainer und Betreuer wirklich darauf achten, dass sie sich nicht anstecken können und die ganzen Maßnahmen, die empfohlen sind, einhalten. Denn sie sind im Kern des Konzepts. Wenn diese Disziplin nicht eingehalten wird, dann kann das beste Konzept ins Wanken geraten.

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SPORT1: Glauben Sie die Spieler werden sich daran halten?

Meyer: Ich glaube nicht, dass es eine einfache Aufgabe ist. Aber es ist auch ihr Beruf. Die Vereine werden sicherlich auch darauf hinwirken, dass Disziplin herrscht. Wir haben mit Corona jetzt schon eine Weile zu tun. Alle haben gemerkt: Das ist kein Spaß. Da muss man sich wirklich zusammenreißen und an ein paar Vorgaben halten. In diesem Fall muss man sich als Berufsfußballspieler eben an noch mehr Vorgaben halten. Man hat in dem Beruf Vorteile, dies ist jetzt vorübergehend ein Nachteil. Aber wenn alle diszipliniert sind, gewährt man auch die Möglichkeit, den Beruf auszuüben, also Fußball zu spielen.

Mehrwöchige Team-Quarantäne "bringt einige Probleme mit sich"

SPORT1: Würden Sie zur Risikominimierung eine Team-Quarantäne empfehlen?

Meyer: So eine kurzfristige komplette Quarantäne ist in der Tat auch vorgesehen, nämlich kurz vor Saisonbeginn. Wenn man das über sieben oder acht Wochen durchhalten würde, bringt das einige Probleme mit sich – nicht nur was Disziplin angeht, sondern auch was das Miteinander angeht, weil der Austausch nach draußen doch sehr begrenzt ist. Darüber hinaus ist es eine extrem anspruchsvolle und teure Maßnahme.

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"Es gibt keine perfekten Tests"

SPORT1: Wenn jemand negativ getestet wird, heißt das dann definitiv, dass er in dem Moment noch kein Virus in sich hat oder kann er schon ein Virus in sich tragen, das später erst zum Ausbruch kommt?

Meyer: Es gibt keine perfekten Tests. Es gibt auch eine Entwicklung einer Krankheit über mehrere Tage. Um dem vorzubeugen, dass ein einziger Test entscheidet, testen wir ja wiederholt. Mit der wiederholten Testung über mehrere Wochen und sogar zwei Mal vor Beginn des Mannschaftstrainings gewinnt man an Sicherheit. Diese Tests machen das Ganze von Mal zu Mal sicherer. Man muss aber auch sehen, dass die Tests nicht alleine stehen. Das ist nicht die einzige Sicherungsmaßnahme. Darüber hinaus gibt es viele Aspekte im Umfeld der Spieler, die Umkleidekabine, im Verein und zuhause Abstandsregeln. Das ist ein Bündel an Maßnahmen, das zusammengenommen erst die Sicherheit des Konzepts ausmacht.

SPORT1: Wenn gespielt wird, sind also alle in der Kabine virenfrei und damit auch nicht ansteckend?

Meyer: Definitiv 100 Prozent gibt es bei Corona nicht. Wir versuchen die Sicherheit so hoch wie möglich zu schieben. Dazu gehören diese Testungen. Bis das erste Spiel stattfindet, sind einige Testungen ins Land gegangen. Die Spieler haben sich an viele Einschränkungen des täglichen Lebens gewöhnt. Insgesamt ist dann also eine sehr hohe Sicherheit gegeben. Aber 100 Prozent gibt es im Rahmen dieser Erkrankung nicht, es sei denn, man schließt sich über mehrere Wochen in einem geschlossenen Raum ein.

"Es gibt kein Jubel-Verbot"

SPORT1: Demnach dürfte auch zusammen gejubelt werden?

Meyer: Es gibt kein Jubel-Verbot. Aber ich glaube, es ist vielleicht realistisch anzunehmen, dass etwas anders gejubelt wird in diesen Zeiten, in denen wir uns alle damit angefreundet haben, dass man nicht so eng beieinander steht. Aber wir fangen jetzt nicht an und machen Regeln fürs Jubeln.

SPORT1: Glauben Sie, dass wenn es irgendwann einen Impfstoff geben sollte, es den Fußball, den wir immer hatten und den wir lieben, wieder geben wird - oder wird sich da nachhaltig etwas verändern?

Meyer: Ich glaube, dass ein Impfstoff, der auch wirklich funktioniert, in der Tat den alten Fußball wiederherstellen würde. Ich glaube, dass es ein bisschen dauert, bis man sich die ganzen Maßnahmen und Verhaltensweisen wieder abgewöhnt. Wenn wir einen wirklich guten Impfstoff hätten – ich hoffe, dass das zum Jahresende oder kurz danach der Fall ist -, dann würde ich auch den richtigen, normalen Fußball wieder erwarten.