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Er hat, was der DFB verzweifelt sucht

Er hat, was der DFB verzweifelt sucht

Amin Younes sorgt mit Eintracht Frankfurt für Begeisterung in der Bundesliga. Seine Vergangenheit als Bolzplatz-Kicker fasziniert. Sein Kumpel Kürsat Ceylan gibt seltene Einblicke.
Nach knapp dreieinhalb Jahren Pause ist Amin Younes wieder für die deutsche Nationalmannschaft nominiert worden. Auf der PK gibt sich der Frankfurter gut gelaunt.
Christopher Michel
von Christopher Michel
27.03.2021 | 15:03 Uhr

Am 20. Februar wäre das Frankfurter Stadion wohl förmlich explodiert. Eintracht-Star Amin Younes kam im Strafraum in halblinker Position an den Ball, bat Niklas Süle ganz kurz zum Tanz und versenkte das Leder an Bayern-Torhüter Manuel Neuer vorbei unhaltbar in den Knick. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Es folgte eine der bemerkenswertesten Gesten des Jahres, Younes hielt das T-Shirt mit den Namen der Opfer des Hanauer Terroranschlags und der Aufschrift "Say their names" in die Höhe.

Der CHECK24 Doppelpass mit Christoph Daum am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1 

Younes hebt die Bolzplatz-Mentalität hervor 

Bundestrainer Joachim Löw saß auf der Tribüne - und plötzlich schauten er und ganz Fußball-Deutschland bei Younes genauer hin. Der "Unterschiedsspieler", wie ihn sein Coach Adi Hütter schon häufiger genannt hat, ist ein in der Bundesliga selten gesehener Spielertyp. Natürlich sei es wichtig, wie Younes stets betont, ein "Komplettpaket" mitzubringen.  

Doch er blickte vor der Partie der deutschen Nationalmannschaft gegen Island auf seine Jugend zurück: "Ich bin ein Fan der Bolzplatz-Mentalität. Wegen dieser ungewöhnlichen, spektakulären Dinge gehen die Leute ins Stadion. Genau das wollen wir ja wieder, dass die Fans im Stadion Spaß haben und sagen: 'Hast du das gesehen?'"

Kein Schiedsrichter, kaum Regeln, 30 Kinder aus allen Altersgruppen und ein Ball. "Da musst du dich durchsetzen und eignest dir die Skills an, wie du andere ausspielst. Auf dem Bolzplatz kannst du viel lernen", ergänzt Younes. Ständige Eins-gegen-Eins-Situationen, den Gegner tunneln, Haken schlagen und beißen - es sind diese Fähigkeiten, die der DFB nun händeringend sucht und stärker ausbilden will. 

So hat Younes' Karriere begonnen 

Der vier Jahre ältere Kürsat Ceylan hat die ersten Schritte von Younes auf dem Bolzplatz miterlebt. Die beiden sind in Düsseldorf-Lichtenbroich in der Nachbarschaft aufgewachsen und Freunde seit ihrer Kindheit. Die Mutter hatte damals bei Kürsat und dessen Zwillingsbruder Alparslan Ceylan angefragt, ob ihre Söhne Amin und Philipp Younes, damals noch drei und vier Jahre alt, mitkicken dürften.  

"Wir haben sofort zugesagt. Damit fing dann alles an. Wir waren den beiden zu Beginn überlegen, was aber vor allem am Alter lag. Aber spätestens als Amin und Philipp sieben oder acht Jahre alt waren, hatten sie das Niveau wie wir als Zwölfjährige", erzählt Kürsat Ceylan bei SPORT1.

Kleine Randnotiz: Philipp Younes sollte es im Gegensatz zu Bruder Amin nicht nach ganz oben schaffen, nach den Jugend-Stationen Gladbach und Düsseldorf spielte er in unteren Ligen weiter.

Younes und Freunde wurden vom Spielplatz verjagt 

Doch zurück zu Amin Younes. Zunächst spielte das Quartett untereinander in Zwei-gegen-Zwei-Duellen den Sieger aus. Im Laufe der Jahre vergrößerte sich die Gruppe und irgendwann spielten die Jungs gegen die Jugendlichen aus anderen Nachbarschaften. Neben dem Vereinsfußball hatte der Bolzplatzkick auch weiterhin seinen festen Platz im Leben von Amin Younes und seinen Kumpels.  

Dabei war aller Anfang noch schwer, wie Ceylan verriet: "Wir haben zunächst auf dem Spielplatz gekickt, aber das wurde den Leuten dann zu laut. Die haben sich beschwert und dann wurden Hindernisse aufgestellt. Auf dem Spielplatz gab es plötzlich riesige Steine und wir konnten hier nicht mehr kicken." Er fügt lachend an: "Das darf man heutzutage eigentlich niemandem erzählen. Aber wir sind dann auf den Platz in der Nähe ausgewichen."

Amin Younes spielt sich mit seiner Galavorstellung gegen die Bayern immer mehr in den Fokus der Nationalmannschaft.
04:01
Überragender Younes! Darum kommt Löw nicht an ihm vorbei

Der Käfigkicker wird zum Profi 

Ein asphaltierter Platz, umzäunt, wie im Käfig, mit Eisentoren ohne Netz. Dort entwickelte Younes sein Profil, der Käfigkicker war geboren. "Er wollte die Niederlage immer mit allen Mitteln verhindern und hat dafür alles gegeben. Diese Sieger-Mentalität ist auch die Bolzplatz-Mentalität", sagt Ceylan. Neben allem Talent habe bei Younes die harte Arbeit im Vordergrund gestanden.  

Auch andere Jungs, sagt der heutige Realschullehrer (Geschichte und Sport) Ceylan, hätten die Gabe gehabt, den Sprung in den Profibereich zu schaffen. Doch der ehrgeizige Younes stach heraus und landete bereits im Jahr 2000 - fernab von Jugendleistungszentren zu diesem Zeitpunkt - mit sieben in der Jugendabteilung von Borussia Mönchengladbach, wo er dann am 1. April 2012 sein Bundesligadebüt feierte. 

Es war der erste große Schritt, den sich Younes erarbeitet hatte. Ceylan denkt dabei auch an einen ganz besonderen Moment auf dem Bolzplatz zurück: "Dort mussten wir uns das Recht für das Spielen hart erarbeitet. Der Platz hat ja nicht uns alleine gehört, wir mussten gegen fremde Jungs spielen. Das Alter hat dabei keine Rolle gespielt."

Einmal seien 18- bis 20-Jährige dort gewesen: "Wir wollten dort auch spielen und haben sie herausgefordert. Da waren mein Bruder und ich so 13 Jahre alt und Amin vielleicht neun oder zehn."

Gänsehaut-Moment für Kürsat Ceylan, als Younes für Deutschland aufläuft 

Die Kontrahenten? Sie lachten zunächst auf. Doch während des Spiels verstummten sie schnell: "Wir waren eine eingeschworene Gruppe. Der Ärger war groß bei den Jungs, aber die Überraschung in den Gesichtern würde ich gerne noch einmal sehen. Die hatten wohl gedacht: 'Die sind so jung und schon so gut.' Das war schon ein tolles Erlebnis."

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Der Kontakt zu Younes und der damaligen Gruppe ist bis heute nicht abgerissen. Als der Offensivmann von Löw fünf Minuten vor dem Ende gegen Island eingewechselt wurde, bekam Ceylan bei dessen sechsten Länderspieleinsatz Gänsehaut: "Wir sind ja alle noch miteinander befreundet. Da freut sich wirklich jeder, wenn Amin aufläuft. Wir haben ja auch fast vier Jahre auf dieses nächste Länderspiel gewartet." Letztmals war Younes in der WM-Qualifikation im Oktober 2017 für Deutschland am Ball gewesen. (Spielplan und Ergebnisse der WM-Quali)

Löw schwärmt schon von Younes 

Und wer Löw zuvor gehört hat, der kann sich nicht vorstellen, dass er den 27-Jährigen so schnell noch einmal gehen lässt: "Er braucht ein Umfeld, in dem er sich wohlfühlt. Das hat er bei der Eintracht gefunden. Ich sehe ihm gerne zu und mag diesen Spielertypen. Amin ist ein positiver Charakter und hat sofort Anschluss in der Mannschaft gefunden."

Schon jetzt lässt sich über Younes sagen: Der Bolzplatz-Kicker hat mit seinem Wechsel von Neapel nach Frankfurt alles richtig gemacht und darf wirklich von der Europameisterschaft träumen. Bei seinen alten Kumpels wäre der Jubel wohl bis an den Main zu hören. (Tabelle der Bundesliga)