Bentaleb rechnet mit Schalke ab

Bentaleb rechnet mit Schalke ab

Nach dem Abstieg mit Schalke 04 spricht Nabil Bentaleb im SPORT1-Interview über sein Image als Skandal-Profi und die härteste Zeit seiner Karriere.
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Klub-Legende Thon: "Man schämt sich für Schalke!"
05:32
Patrick Berger
von Patrick Berger
am 2. Juni

Nabil Bentaleb und Schalke – es ist das Ende eines großen Missverständnisses. 2017 wurde der technisch versierte Mittelfeldspieler für 19 Millionen Euro von Tottenham Hotspur geholt und mehrfach suspendiert. Richtig glücklich wurde der 26 Jahre alte Algerier bei den Königsblauen nie.

Exklusiv bei SPORT1 öffnet sich Bentaleb und spricht über seine Suspendierungen, das Image des Problem-Profis sowie die bittere Zeit auf Schalke und er verrät, was er den Königsblauen jetzt wünscht.

Bentaleb: "Ich muss positiv bleiben"

SPORT1: Wo erwischen wir Sie gerade?

Nabil Bentaleb: Ich bin aktuell in Lille, trainiere zwei Mal täglich mit einem privaten Fitness- und Konditionstrainer und bereite mich so auf einen Neuanfang vor.

SPORT1: Sie sind auf Vereinssuche. Ihr Vertrag bei Schalke läuft zum 30. Juni aus und wurde nicht verlängert. Wie gehen Sie mit Ihrer ungewissen Zukunft um?

Bentaleb: Die Situation ist nun mal, wie sie ist. Ich muss positiv bleiben. Ich möchte die Zeit nutzen, um intensiv an meinen Schwächen zu arbeiten. Ich konzentriere mich voll auf das Einzeltraining und hoffe, dass die Leute demnächst einen besseren Nabil sehen. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

SPORT1: Im März wurden Sie an der Leiste operiert. Was macht die Verletzung?

Bentaleb: Verletzung? Das Wort kenne ich nicht (lacht). Ganz ehrlich: Ich will es auch nicht mehr hören. Zum Glück ist nichts mehr davon zu spüren. Die Verletzung ist schon seit ein paar Monaten verheilt. Ich wollte die letzten fünf Saisonspiele mit Schalke eigentlich noch gerne machen.

"Die letzten zwei Jahre waren die Hölle"

SPORT1: Aber?

Bentaleb: Ich habe die Chance leider nicht bekommen. Ich fühle mich jedenfalls seit längerem gut und habe keinerlei Schmerzen.

SPORT1: Befinden Sie sich aktuell in der härtesten Phase Ihrer Karriere?

Bentaleb: Es war definitiv die härteste Zeit meiner Karriere. Aber jetzt beginnt hoffentlich ein neues Kapitel. Ich schaue nach vorne und habe eine klare Vision. Mich kann nach fünf Jahren auf Schalke nichts mehr schockieren!

Am 34. Spieltag verspielt Holstein Kiel den direkten Aufstieg und muss gegen Köln in der Relegation ran. Bochum & Fürth können sich bereits jetzt auf die 1. Bundesliga freuen.
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SPORT1: Sprechen wir über Schalke. 2016 sind Sie zunächst per Leihe von Tottenham zu S04 gewechselt. 2017 wurden Sie fest verpflichtet. Bereuen Sie den Wechsel?

Bentaleb: Es ist sicherlich leicht, das im Nachhinein zu sagen. Es fing eigentlich gut an auf Schalke. Ich habe die erste Zeit mit den unglaublichen Fans, die im Übrigen bis zum Schluss hinter mir standen, sehr genossen. Die letzten zwei Jahren waren aber die Hölle. Ich war mental an einem schlechten Ort. Leider konnte ich den Fans nie so richtig zeigen, was wirklich in mir steckt. Aber bereuen? Nein! Die Zeit bei Schalke war trotzdem sehr lehrreich. Daraus kann ich für den Rest meines Lebens lernen.

"Fünf Trainer. Das alleine spricht doch schon für sich"

SPORT1: Warum ging es so derart bergab mit Schalke?

Bentaleb: Mich hat ja damals Christian Heidel geholt. Er hat viel Kritik abbekommen. Man kann über Heidel sagen, was man will, aber unter ihm war Schalke noch stabil. Wir haben ein durchschnittliches erstes Jahr gespielt und sind im zweiten Jahr unter Domenico Tedesco als Vizemeister in die Champions League gekommen. Nachdem Heidel gegangen ist, ging es nur noch bergab. Es kamen neue Leute, die zu viele falsche Entscheidungen getroffen haben. Wir als Spieler haben aber natürlich auch einen Anteil am Misserfolg. Wir müssen jeden Morgen in den Spiegel schauen und uns hinterfragen: Was haben wir falsch gemacht? Der Abstieg ist brutal bitter. Ein so großer Klub wie Schalke gehört einfach nicht in die 2. Liga. Es ist eine Schande, was auf Schalke passiert ist.

SPORT1: Sie hatten mit Markus Weinzierl, Tedesco, Huub Stevens, Manuel Baum, Christian Gross, David Wagner und Dimitrios Grammozis sieben Trainer auf Schalke…

Bentaleb: …fünf davon in dieser Saison. Fünf Trainer. Das alleine spricht doch schon für sich.

SPORT1: Unter wem kamen Sie am besten zurecht?

Bentaleb: Ich mochte die Zeit unter Wagner. Seine Ideen, seine Mentalität und seine Einstellung waren gut. Er war der Mann, mit dem ich mich noch am ehesten identifizieren konnte.

"Ich war sofort das schwarze Schaf"

SPORT1: Hat es Sie unter Druck gesetzt, dass Schalke damals eine Ablöse in Höhe von 19 Millionen Euro für Sie bezahlt hat?

Bentaleb: Überhaupt nicht. Das hat mich zu keiner Zeit beeinflusst. Ob ich fünf Euro oder 50 Millionen gekostet habe – das ist mir egal. Der Verein hat mich aus gutem Grund geholt: Weil ich Fußball spielen kann. Ich bin selbstbewusst und weiß, was ich kann.

SPORT1: In 107 Spielen für Schalke haben Sie allerdings nur 19 Tore und neun Vorlagen erzielt. Sie haben das Image des Problem-Profis. Wie charakterisieren Sie sich selbst?

Bentaleb: Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich sicher nicht diesen Ruf. Das hat sich leider so entwickelt. Ich war sofort das schwarze Schaf. Ich war der, der die Stimmung in der Kabine kaputtmacht. Ich war der, der angeblich alle runterzieht. Aber wissen Sie eigentlich, wie ich in der abgelaufenen Saison nach meiner Suspendierung wieder zurück in die Mannschaft kam?

SPORT1: Wir haben gehört, dass einige Spieler - darunter Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar – Sie zurück haben wollten und das Gespräch mit der sportlichen Leitung gesucht haben.

Bentaleb: Richtig. Die Mannschaft ist auf den Sportvorstand zugegangen und wollte mich wieder im Team haben. Dafür bin ich den Jungs auf ewig dankbar. Es ist nicht schön, wenn man zu unrecht suspendiert wird. Es fühlt sich an, als würde man bestohlen. Bestohlen in seiner wertvollen Zeit als Profi-Fußballer. Ich durfte nie das machen, was ich so sehr liebe: Fußball spielen und zeigen, was ich kann. Ich wurde in all den Jahren leider nicht fair behandelt.

Die Wahrheit hinter Bentalebs Suspendierungen

SPORT1: Sie wurden fünf Mal suspendiert. Es können doch nicht immer die anderen gewesen sein.

Bentaleb: Darf ich Ihnen meine Version erzählen?

SPORT1: Gerne.

Bentaleb: An meinem letzten Geburtstag (24. November, Anm. d. R.) wurde ich ins Trainerbüro zitiert. Ich habe gedacht, dass ich ein Geschenk vom Verein bekomme. Mir wurde dann allerdings gesagt, dass ich suspendiert werde. Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe sofort gefragt warum. Ein paar Tage zuvor habe ich sogar noch einen Streit zwischen einem Spieler und dem Coach in der Kabine geschlichtet und den Spieler dazu gebracht runterzukommen.

Nabil Bentaleb und Amine Harit (r.) diskutieren über die Ausführung eines Elfmeters
Nabil Bentaleb und Amine Harit (r.) diskutieren über die Ausführung eines Elfmeters

SPORT1: Wie lautete die Begründung von Vereinsseite?

Bentaleb: Ich war wirklich überrascht. Ich werde nie vergessen, was Jochen Schneider zu mir gesagt hat: "Ich weiß, dass wir dich nicht fair behandeln, Nabil. Aber du musst unsere Entscheidung akzeptieren." Der Verein sei in einer schwierigen Lage. Ich war verwundert und habe nur gesagt: "Danke, das ist aber ein nettes Geburtstagsgeschenk." Das hat schon wehgetan. Ich wurde zwei Jahre lang von vielen Leuten im Verein attackiert. Aber wenn ich so schlimm bin, wie ich immer dargestellt wurde, würden mich die Spieler doch nicht zurückhaben wollen. Es haben ja auch einige Ihrer Kollegen nach der Suspendierung geschrieben, dass ich der Mannschaft noch helfen kann.

"Sicherlich habe ich auch Fehler gemacht"

SPORT1: Und was ist mit den anderen Suspendierungen?

Bentaleb: Als ich das erste Mal suspendiert wurde, war meine Frau schwanger. Die Situation war sehr kompliziert. Die Ärzte haben uns gesagt, dass unsere Zwillinge nur eine Überlebenschance von 50 Prozent hätten. Das war eine schlimme Zeit. Ich habe drei Monate im Krankenhaus bei meiner Frau geschlafen. Ich konnte aus diesem Grund leider nicht immer zum Training kommen. Am Tag der Geburt meiner Kinder, Gott sei Dank geht es ihnen und auch meiner Frau heute gut, spielten wir gegen Leipzig.

SPORT1: Das Heimspiel hat Schalke am 19. März 2019 mit 0:1 verloren.

Bentaleb: Von mir wurde erwartet, dass ich trotzdem komme und auf der Tribüne im Stadion das Spiel verfolge. Huub Stevens hat mich daraufhin am nächsten Tag in die U23 versetzt. Ich habe danach neun Monate lang bei der zweiten Mannschaft trainiert. Ein anderes Mal wurde ich suspendiert, weil ich und ein anderer Spieler den Deutsch-Unterricht verpasst haben. Der Spieler hat eine Strafe bekommen und ich wurde mal wieder suspendiert. Sicherlich habe auch ich Fehler gemacht. Es war nicht immer alles korrekt. Aber wenn man nach Fehlern sucht, dann findet man auch welche. Wenn ich 24 Stunden am Tag bei SPORT1 nach Fehlern schaue, werde ich sicher auch welche finden.

Am 19. Mai 2001 wähnten sich die Königsblauen für vier Minuten als Deutscher Meister. Was dann geschah, ist Fußballgeschichte.
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Vor 20 Jahren: Als Schalke für vier Minuten Meister war

Deutschland hat "immer ein Platz in meinem Herzen"

SPORT1: Sie sind mit Schalke abgestiegen. Wo sehen Sie die Zukunft des Klubs?

Bentaleb: Ich drücke Schalke die Daumen und hoffe für meine langjährigen Mitspieler und die Fans, dass es mit dem Wiederaufstieg klappt. Ich hoffe, dass wir das schaffen. Wir haben viele junge Spieler.

SPORT1: Sie sprechen noch von "wir".

Bentaleb: Ja. Fünf Jahre bei einem Verein, das ist eine lange Zeit. Meine Kinder sind in der Uniklinik Düsseldorf zur Welt gekommen. Deutschland wird immer ein Platz in meinem Herzen haben.

SPORT1: Bei welchem Verein spielen Sie zur neuen Saison?

Bentaleb: Ich weiß es selbst noch nicht, bin aber offen für alles. Es gibt ein paar Anfragen von Vereinen. Ich schließe nichts aus. An sich würde ich aber sehr gerne weiterhin in Europa spielen. Ich möchte den Leuten in Europa zeigen, was ich draufhabe. Ich trainiere jeden Tag hart dafür. Es ist nicht einfach, morgens aufzustehen ohne Verein und für sich allein Gas zu geben. Aber ich will es den Leuten da draußen unbedingt zeigen!