Anzeige

Das Problem mit dem Eintracht-Umbruch

Das Problem mit dem Eintracht-Umbruch

Der holprige Saisonstart von Eintracht Frankfurt weckt Erinnerungen an 2018, als Niko Kovac und Co. gingen. Diesmal aber sind die Einschnitte noch gravierender.
Filip Kostic sorgt mit seinem Streik für mächtig Wirbel. Für Frankfurt-Trainer Oliver Glasner aber nur die Spitze des Eisbergs nach höchst unruhigen ersten Wochen bei der Eintracht.
Christopher Michel
von Christopher Michel
16.09.2021 | 13:07 Uhr

Aller Anfang ist schwer, wie Trainer Adi Hütter im Sommer 2018 feststellen musste.

Im Finale des Deutschen Supercups setzte es gegen den FC Bayern München ein 0:5, in der ersten DFB-Pokal-Runde flogen die Hessen mit 1:2 beim Viertligisten SSV Ulm 1846 Fußball raus - und das als frischgebackener DFB-Pokal-Sieger.

Die Mannschaft hatte einige Leistungsträger verloren, neben Lukas Hradecky, Marius Wolf und Omar Mascarell verließ auch „Chefkoch“ Kevin-Prince Boateng den Klub.

Mit Niko Kovac war zudem der Erfolgscoach nach München gewechselt, vollzog einen (zu) großen Karrieresprung.

Eintracht-Umbruch 2021 begann schon im Juli 2020

Oliver Glasner wartet nun als neuer Eintracht-Coach schon seit fünf Partien auf seinen ersten Sieg in neuer Umgebung.

Wieder einmal steht bei der Eintracht ein Umbruch an - doch dieser nimmt 2021 andere Formen an, als es vor drei Jahren der Fall war. Begonnen hat alles vor etwas mehr als einem Jahr im Juli 2020.

Philip Holzer übernahm das Amt des Aufsichtsratschef von Wolfgang Steubing.

Es war eine Veränderung, die erst im Frühjahr dieses Jahres sichtbar wurde. Die Arbeit von Steubing, der 2016 mit der Installation von Fredi Bobic als neuem Sportvorstand den Grundstein für eine erfolgreiche Ära gelegt hatte, verlief zumeist im Hintergrund.

Er pflegte wichtige Kontakte in die Wirtschaft, das Eigenkapital wuchs in seiner Amtszeit von anfangs fünf Millionen Euro auf 68 Millionen Euro an. Die Eintracht konnte die Coronakrise daher bislang vergleichsweise gut überstehen.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr bekam die Eintracht das Fehlen Steubings erstmals deutlich zu spüren.

Bobic-Aussagen schockieren Eintracht

Da nämlich setzte sich Bobic in eine Sendung der Sportschau und kündigte seinen Abgang an - obwohl sein Vertrag noch bis 2023 lief. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Nach diesem Schock war alles anders bei den Frankfurtern, es gab erste Risse in der heilen Welt der Hessen. Holzer war gefordert - als Moderator und Recruiter.

Mit Bobic ging das Gesicht des Klubs von Bord. 2018, als Kovac vom FC Bayern abgeworben wurde, war es noch der Europameister von 1996, der die Causa souverän moderierte und Hütter in ein stabiles Gebilde hineingleiten ließ.

Diesmal sorgte seine Ankündigung für Unruhe, ein gewisses Chaos und eine wochenlange Nachfolger-Suche, die ihren negativen Höhepunkt in der Posse um Ralf Rangnick fand.

Das Gespräch mit dem Schwaben eskalierte, es drangen - aus Eintracht-Sicht äußerst schmerzhafte - Details an die Öffentlichkeit.

Hübner-Abgang darf nicht unterschätzt werden

Mit Markus Krösche fand der Klub am Ende zwar eine gute Lösung, der 40-Jährige hat sich in diesem aus wirtschaftlichen und emotionalen Dingen schwierigen Transfersommer sehr ordentlich geschlagen.

Doch mit Bobic gingen auch vertraute Mitarbeiter, die die Prozesse kannten, Krösche brachte wiederum neue Köpfe mit.

Die nächsten schwierigen Aufgaben stehen bereits vor der Tür. In den kommenden zwei Jahren laufen die Verträge von einigen Topstars wie Daichi Kamada, Filip Kostic und Evan N‘Dicka aus. Knifflig! (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Für Krösche gilt zudem: Er befindet sich noch in der Findungsphase.

Nicht zu vergessen in diesem Zusammenhang ist Ex-Sportdirektor Bruno Hübner.

Er war am Ende seiner zehnjährigen Amtszeit nicht mehr tagtäglich im Fokus, doch er kannte das Umfeld ganz genau, wusste auch heiße Phasen mit seinem Humor und Charme zu überstehen.

Mit Ben Manga hat die Eintracht in der Position als Direktor Profifußball einen kompetenten Nachfolger, der den Klub nach fünf Jahren als Chefscout aus dem Effeff kennt, selbst aufgebaut. Allerdings hat sich der Posten komplett verändert, der Verein eine neue interne Struktur.

Seit dem Hütter-Wechsel Dauerunruhe im Klub

Und zwar auch auf dem Trainerposten. „Ich bleibe“, hatte Hütter im Februar noch gesagt. Einen Monat später stand der Abschied nach Gladbach fest.

Davon erholte sich das Team nicht mehr. Die Eintracht rutschte in eine Krise, die sie bis heute nicht bewältigt hat.

Die Champions League wurde verspielt, neben Filip Kostic träumte etwa auch Daichi Kamada vom Sprung zu einem größeren Klub.

André Silva zog es nach Leipzig, Amin Younes überwarf sich mit dem gesamten Verein und wird nicht mehr für die Eintracht auflaufen. Der Stachel saß tief bei allen Beteiligten, die emotionale Komponente ist ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Hütter hatte gegenüber Glasner daher zwei Vorteile: Erstens war der ganze Klub nach dem Pokalsieg berauscht, zudem erlebte der damalige Superstar Ante Rebic als Vize-Weltmeister eine tolle WM und verlängerte als Stimmungsaufheller noch seinen Vertrag. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Zweitens blieb mit Bobic ein Architekt des Erfolgs da, alle Rädchen griffen zu diesem Zeitpunkt wie automatisch ineinander.

Eintracht Frankfurt erwischte in Mannheim keinen guten Tag
Eintracht Frankfurt erwischte in Mannheim keinen guten Tag

Ein Umbruch auf fünf Ebenen

2021 hingegen erlebt die Eintracht einen Umbruch auf insgesamt fünf Ebenen.

Aufsichtsrat, Sportvorstand, Sportdirektor, Coach und wichtige Teile der Mannschaft wurden ausgetauscht, vor drei Jahren betrafen die Umbaumaßnahmen nur den Trainer-Stuhl und das Team.

Die schwachen Ergebnisse zu Saisonbeginn lassen daher die Unruhe im Umfeld wachsen, es läuft weiterhin nicht rund. Aus im DFB-Pokal und nur drei Punkte aus vier Partien - darunter gegen schwächer einzuschätzende Kontrahenten wie Stuttgart, Bielefeld und Augsburg - schmerzen.

Doch auch die Stadt Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Der Schritt aus einer sechs Monate andauernden Unruhephase zurück in die Erfolgsspur ist zwar kein leichter, die Eintracht droht schnell in den „Diva-Modus“ abzurutschen. (SERVICE: Bundesliga-Spielplan zum Ausdrucken)

Umbrüche 2018 und 2021 lassen sich nicht vergleichen

Andererseits haben Glasner und Krösche mit Vorstandssprecher Axel Hellmann und Finanzvorstand Oliver Frankenbach zwei erfahrene Kräfte um sich, die dem Klub trotz aller Hektik einen gewissen Halt geben.

Und möglicherweise gibt die Europa League einen Boost, der auch schon vor drei Spielzeiten geholfen hat - auch wenn sich die Umbrüche 2018 und 2021 in ihrer Gesamtheit nicht vergleichen lassen.

Alles zur Bundesliga bei SPORT1: