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Bundesliga: Als der 1. FC Nürnberg als Meister zum Absteiger wurde

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Bundesliga: Als der 1. FC Nürnberg als Meister zum Absteiger wurde

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Meisterschaft schützt vor Abstieg nicht

Meisterschaft schützt vor Abstieg nicht

Der 1. FC Nürnberg hat eine bewegende Historie vorzuweisen. Europa-Pokal, Meisterschaft und Abstieg erlebte der Club nicht nur im Laufe der Zeit - sondern einst auch innerhalb eines einzigen Jahres. Am 7. Juni jährt sich die sportliche Katastrophe zum 53. Mal.
7. Juni 1969: Der 1. FC Nürnberg steigt aus der Bundesliga ab. Kurios: Damit erwischt es ausgerechnet den amtierenden Meister.
Udo Muras
Udo Muras

1968 tut der 1. FC Nürnberg etwas für seinen Ruf als Rekordmeister und holt sich zum neunten Mal den Titel.

In der Bundesliga ist es das erst Mal, die großen Zeiten der Franken liegen eigentlich weit zurück. Nun aber glauben sie an eine Renaissance der Stuhlfauth-Ära, Trainer Max Merkel, der schon mit Dortmund und 1860 München Meister geworden ist, ist der vermeintliche Erfolgsgarant. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Merkel vergrault Nürnbergs Meister-Offensive

Dass es 1968/69 ganz anders kommt, ahnt wirklich niemand. Erstmals wird ein Deutscher Meister absteigen.

Der Keim des Abstiegs wird in der Sommerpause gelegt, als Merkel fatale Personalentscheidungen trifft.

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Er vertreibt Franz Brungs, Karl-Heinz Ferschl (beide zu Hertha BSC) und Gustl Starek (Bayern). Damit wird der Sturm extrem geschwächt, auf die 25 Brungs-Treffer kommen die verbliebenen Angreifer zusammen nicht.

Inklusive Hinterbänkler werden elf Spieler abgegeben; dafür kommen 13 Neue, von denen nur vier einschlagen. Das Klima im Team ändert sich, es ist im Grunde eine andere Mannschaft. Bis sie sich findet, ist es zu spät. (Service: Hier gehts zu allen Bundesliga-Classics)

Max Merkel sorgte mit seinen Personalentscheidungen nach der Meister-Saison für Verwunderung
Max Merkel sorgte mit seinen Personalentscheidungen nach der Meister-Saison für Verwunderung

Nur Merkel, der im Kleinwalser-Tal eine brutale Vorbereitung durchführt, bleibt der alte Zyniker und drischt weiter auf seine Spieler ein. Über Srdjan Cebinac sagt er, er sei ein Trottel, Simulant, Eselstreiber, Schaschlikbrater und bedauert: „Wenn ich mir vorstelle was er gekostet hat und wieviel Tore Cebinac schießt – da ist Pelé direkt billig.“

Merkel macht sich selbst angreifbar durch allerlei Nebengeschäfte. Nationalspieler Ferdinand Wenauer sagt rückblickend: „Der Max war überall, nur nicht auf dem Trainingsplatz. Als er merkte, dass er den Motor wieder anwerfen musste, war es zu spät. Das war wie bei einem schlecht eingefahrenen Auto.“

Die Krise beginnt früh in der Bundesligasaison 1968/1969

Der Trainer schlägt nach dem 1:1 gegen MSV Duisburg in die gleiche Kerbe: „Das ist der Fluch der Meisterschaft. Meine Spieler haben zu viel Geld verdient und jetzt denken sie mehr an ihre Geschäfte als an Fußball.“

Mit Saisonbeginn (1:4 gegen Aachen) ist man in der unteren Tabellenhälfte, abgesehen von einem Sprung auf den 7. Platz (am 5. Spieltag). Im Europacup ist in der 1. Runde Schluss (1:1 und 0:4 gegen Ajax Amsterdam).

Ab dem 18. Spieltag ist der Club Letzter. Merkel tönt, wenn der Club absteige, würde er gratis arbeiten und ihn wieder hoch bringen, doch dann tritt er nach 27 Spielen zurück – und geht nach Sevilla (für 120.000 DM Jahresgage).

Vom Glanz der Meistersaison war beim Club nichts mehr übrig
Vom Glanz der Meistersaison war beim Club nichts mehr übrig

Für zwei Spiele übernimmt sein Assistent Robert Körner, beide werden verloren – Rauswurf. Erst am 32. Spieltag springt Nürnberg unter dem dritten Trainer des Jahres, Kuno Klötzer, kurz auf den rettenden Platz 16, den man am 33. Im Kellerderby gegen den BVB (2:2) hält.

Die Entscheidung folgt am letzten Spieltag

Vor dem Spiel aber kommt Kapitän Luggi Müller zu Präsident Walter Luther und fordert eine sechsstellige Nicht-Abstiegs-Prämie für die Mannschaft, die er nicht kriegt.

7. Juni 1969: Der 1. FC Nürnberg steigt aus der Bundesliga ab. Kurios: Damit erwischt es ausgerechnet den amtierenden Meister.
01:06
SPORT1 Bundesliga Classics: 1. FC Nürnberg steigt als Meister direkt ab

Luther ahnt: „Nach diesem Gespräch war mir klar, dass die meisten Spieler mit dem Herzen längst nicht mehr beim Club waren.“ Auch Weltmeister Max Morlock hat den Charakter des Teams erkannt. Nach kurzer Zeit als Team-Betreuer sagt er: „Hier sind einige dabei, die wollen nur mit Geldscheinen gestreichelt werden.“

Am letzten Spieltag kommt es zum dramatischen Abstiegsfinale in Köln. Der Verlierer muss absteigen, es erwischt die Gäste, die 0:3 unterliegen. Das unglaubliche ist Fakt: als 17. steigt der Meister unter Tränen ab.

Nürnberg steigt als Meister aus der Bundesliga ab

Bis zu Kaiserslauterns Meisterschaft als Aufsteiger 1998 gilt Nürnbergs Abstieg als Meister als größte Sensation in der Bundesliga – beides ist einmalig.

Generell dominiert Mitleid die Schadenfreude darüber dass der Club erstmals in seiner Historie zweitklassig ist. Bezeichnend die Schlussworte des Kölner Stadionsprechers: „Wir wünschen diesem ruhmreichen Verein einen baldigen Wiederaufstieg.“

Die Entscheidung fiel am letzten Spieltag - Nürnberg unterlag Köln mit 0:3
Die Entscheidung fiel am letzten Spieltag - Nürnberg unterlag Köln mit 0:3

Doch für diesen brauchen sie zehn Jahre. In den folgenden Jahrzehnten wird aus dem längst von den Bayern abgelösten Rekordmeister ein Rekordfahrstuhlfahrer – für die meisten Auf- und Abstiege.

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