Union Berlin ist kein gutes Pflaster für den FSV Mainz 05. Ein Punkt aus sechs Spielen ist die dürftige Bilanz des aktuellen Bundesliga-Schlusslichts der Bundesliga beim früheren Klub seines Coachs Urs Fischer vor dem Wiedersehen am heutigen Samstagnachmittag.
"Jürgen hat in der Kabine eine Stunde lang geheult"
Die bitteren Tränen des jungen Klopp
Keine der Niederlagen tat jedoch so weh wie die, die sie dort im Mai 2002 erlitten - als die Köpenicker dem FSV den damals schon lange ersehnten Aufstieg in die Bundesliga vermasselten. In hasserfüllter Atmosphäre erlebte der junge Trainer Jürgen Klopp damals die erste große Enttäuschung seiner Karriere.
„Wir verkloppen Klopp“
Nach der Rettung vor dem Abstieg in die Drittklassigkeit 2001 durch den spontan vom Spieler zum Trainer beförderten Klopp starteten die Mainzer im Jahr darauf durch. Zwischenzeitlich hatten sie zehn Punkte Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz, so auch nach dem letzten Hinrundenspiel gegen Union Berlin.
Nach dem mühsamen 1:0-Sieg sagte der damals 34 Jahre alte Klopp, Union sei eine „starke Mannschaft“ mit einer einfachen Spielweise, die den Ball eben nach vorne „kloppe“ auf den zentralen Stürmer.
In der Rückrunde schmolz der Mainzer Vorsprung kontinuierlich zusammen und die Mannschaft vergab drei „Matchbälle“ auf den Aufstieg. Den letzten bei Union - am 5. Mai 2002, als über 2000 Fans die Mannschaft in 30 Sonderbussen begleiteten. Dort hätte schon ein Punkt gereicht, aber Union dachte nicht daran, ihnen etwas zu schenken - Klopps Worte nach dem Hinspiel, die in Berlin als verächtlich ankamen, hatten daran einen Anteil.
Aufgeheizte Stimmung vor Anpfiff
Im Vorfeld des Rückspiels zeigte sich Union-Verteidiger Ronny Nikol verärgert über den gegnerischen Coach und ließ ausrichten: „Wir verkloppen Klopp. Der hat uns mal als Klopper-Truppe bezeichnet.“
Nikol schien mehr in Klopps Äußerungen hineinzulesen, als sie hergaben - zumal es einen Unterschied macht, ob Fußballer Bälle nach vorne schlagen oder auf Knochen eindreschen, wofür die Bezeichnung gemeinhin steht. Die Hauptstadtzeitungen fragten nicht weiter nach und machten damit Stimmung.
Als zusätzliche Provokation Klopps wurde aus Berliner Sicht ein Interview verstanden, in dem dieser sinngemäß sagte, man sei nicht daran interessiert, dem Aufsteiger Union einen schönen Saisonabschied zu bereiten - was in der angespannten Stimmung damals ebenfalls als unfreundlich ankam.
Als der Berliner Kurier dem FSV am 4. Mai 2002 auch noch „Hochmut“ unterstellte, weil am Abend des Spiels in Berlin eine Aufstiegsfeier geplant war, witterten die Mainzer endgültig eine unfreundliche Kampagne.
Sie konnten ja nichts dafür, dass sie von der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz eingeladen worden waren. In Mainz war für den nächsten Tag freilich eine nächtliche Lasershow organisiert - und eine Art Rosenmontagszug im Mai. Aber nur für den Fall der Fälle, wer täte das nicht?
„Uns schlug der blanke Hass entgegen“
Letztlich brodelte die Alte Försterei infolge des Vorgeplänkels vor Antipathie gegen den Gast. „Uns schlug der blanke Hass entgegen“, erinnerte sich der damalige und heutige Mainzer Manager Christian Heidel später an diesen Tag.
Im Gespräch mit SPORT1 erinnert er sich, wie emotionalisiert auch die Berliner Mannschaft war: „Die haben gespielt, als wenn es für sie um die Champions League gegangen wäre.“
Der damalige Union-Trainer Georgi Vasiliev - viermaliger Meistercoach in seiner Heimat Bulgarien - hatte die missverstandenen Klopp-Zitate an die Kabinentür geklebt und seine Mannschaft war hochgradig motiviert, obwohl es für sie um nichts mehr ging. „Der Gegner ist heute Motivation genug für uns“, tönte Kapitän Nikol.
Vor der Pause fielen keine Tore, bis zur 58. Minute wähnte sich Mainz in der Bundesliga. Dann bekam Union einen lächerlichen Elfmeter, den kein VAR der Welt hätte durchgehen lassen, und Cristiano Fiel traf zum 1:0. Schon gab es Häme von den Rängen und man sah Klopp sich mit Zuschauern anlegen. Dann stach sein Joker Blaise N’Kufo (70.) und der Gästeblock eskalierte, auch in Mainz herrschte großer Jubel vor einer Großleinwand.
Ein Gruß an „Großmaul“ Klopp
Union gab sich mit dem Punkt nicht zufrieden und der Bulgare Kostadin Vidolov schoss die Gastgeber wieder in Führung - mit einem Außenristschuss aus 22 Metern (82.). Noch stärker in Erinnerung blieb sein Jubel. Er rutschte vor die Mainzer Bank und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Ein Gruß an „Großmaul“ Klopp.
Im Mainzer Block liefen schon die ersten Tränen, ehe Harun Isa das entscheidende 3:1 (90.) erzielt hatte. Das war es mit dem Aufstieg, Bochum und Bielefeld zogen an Mainz 05 noch vorbei. Im Regen von Köpenick sah man dann auch den jungen Jürgen Klopp weinen über das Ende einer eigentlich grandiosen Saison – bis heute ist das Mainz von 2001/02 mit 64 Punkten der beste Nichtaufsteiger aller Zeiten.
„Ich wusste gleich nach dem Spiel: jetzt muss ich Spieler verkaufen, bei den Punktprämien, die wir bezahlen mussten“, erinnert sich Heidel bei SPORT1. Er glaubt auch, dass es für Klopp „die bitterste Niederlage seiner Karriere“ war: „Er hat in der Kabine sicher eine Stunde lang geheult, weil er dachte, er sei daran schuld, obwohl er doch eigentlich nicht schuld war.“
Nass wurden „Kloppo“ und seine Spieler auch durch die Bierduschen von den Rängen, die keine Sympathiebekundungen waren. Hässliche Szenen gab es auch am Mannschaftsbus, an dem mehrere Scheiben zu Bruch gingen.
Klopps Ärger über Union Berlin hielt lange an
Klopp war verärgert, rechnete auf der Pressekonferenz nach dem Spiel namentlich mit einem Redakteur des Berliner Kurier ab, den er als Hauptschuldigen für die Hassstimmung ausgemacht hatte. Der besagte Journalist hatte tatsächlich Gewissensbisse, schrieb Klopp einen langen Brief und räumte Fehler ein. Union-Präsident Heiner Bertram entschuldigte sich ebenfalls.
Klopp blieb trotz allem nachhaltig vergrätzt. Noch 2019 sagte er in der Bild, auf die Frage, welche Vereine er nie trainieren würde: „Union Berlin und Eintracht Braunschweig. Sollte ich nicht gerade am Hungertuch nagen, werde ich diese beiden Vereine niemals trainieren. Weil ich dort absolut unsportliche Schadenfreude erlebt habe.“
Auch in Braunschweig war Klopp 2003 am letzten Spieltag dramatisch am Aufstieg gescheitert. 2004 wurde Klopp mit Mainz endlich erstklassig - und die Weltkarriere des späteren BVB- und Liverpool-Coachs nahm ihren Lauf.