Caio César Alves dos Santos. Ein klangvoller Name. Und bei Eintracht Frankfurt einst Verheißung auf eine Rückkehr zu furiosem Ballzauber. Nichts weniger als das Erbe von kreativen Spielgestaltern wie Bernd Schneider, Jay-Jay Okocha, Uwe Bein und Jürgen Grabowski sollte der Brasilianer antreten.
Der Laktattest war sein Erzfeind - doch er war Bundesliga-Kult
Ein Flop, der zur Kultfigur wurde
Dafür gab die SGE am 14. Januar 2008 - heute vor 17 Jahren - eine Rekordsumme aus. Durchaus für einen „der Spieler, die fußballerisch am meisten anzubieten hatten“, wie es sein früherer Mitspieler Maik Franz (2009 bis 2011 bei Eintracht Frankfurt) im SPORT1-Gespräch formulierte.
Letztlich blieb sein Angebot aber meist aus. Stattdessen fiel Caio mit wenig Einsatzzeiten, manchmal auch wenig Einsatz und mangelnder Fitness auf. Ein umgedichteter Fangesang aus dieser Zeit: „Salat für Caio, Schnitzel für uns - wir sind alle Frankfurter Jungs.“
Und doch blieb der heute 39 Jahre alte Brasilianer bei großen Teilen des Eintracht-Publikums ein Liebling und ist bis heute mehr in guter als schlechter Erinnerung. Retrospektiv herrscht mehr Bedauern denn Schuldzuweisung vor, dass er den Adlern nicht verhalf, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen.
Sein Wechsel an den Main blieb ein nicht eingelöstes Versprechen - und steht symbolisch für eine Frankfurter Aufbruchsstimmung, die auch durch abenteuerliches Scouting nur von kurzer Dauer war.
Caio-Transfer schürte bei Eintracht Frankfurt Euphorie
Winter 2008. Die Eintracht hatte zu diesem Zeitpunkt ihre ersten drei Abstiege aus der Bundesliga hinter sich (1996, 2001 und 2004). Zur Winterpause lag man auf dem 9. Tabellenrang. Aber die Erinnerung an die Hochzeit Anfang der 1990er Jahre, mit der Beinahe-Meisterschaft 1992, war noch frisch. Und in diesem Winter 2008 wollte die SGE angreifen. Nachdem im Januar Albert Streit den Klub im Negativen in Richtung Schalke 04 verlassen hatte, brauchte es im Mittelfeld Ersatz mit Standardqualitäten. Auftritt: Caio.
Der Brasilianer kam vom Klub Grêmio Barueri, der ihn unmittelbar zuvor an Palmeiras Sao Paulo ausgeliehen hatte - für 3,8 Millionen Euro. Eine Summe, die den Spieler neuneinhalb Jahre lang zum Rekordzugang der Adler machte.
Mit dieser Summe als Rucksack verließ Caio also im Alter von 21 Jahren sein Heimatland und unterschrieb in Frankfurt einen Viereinhalbjahresvertrag bis 2012.
Maik Franz: „… umso größer ist das Enttäuschungspotenzial“
Der Deal schürte im Klubumfeld Euphorie - zumal die SGE doppelt zuschlug und ein dickes Winterpaket schnürte: Für ebenfalls stolze 3,5 Millionen Euro wechselte der tschechische Stürmer Martin Fenin vom FK Teplice an den Main.
Die damaligen Verantwortlichen schwärmten. Trainer Funkel nannte beide Transfers eine „Investition für die Zukunft“, Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen bezeichnete insbesondere Caio als „Wunschspieler“.
„Es ist immer schwierig, wenn riesige Erwartungen an Personen gestellt werden“, sagte Caios späterer Mitspieler Franz zu SPORT1: „Umso größer ist auch das Enttäuschungspotenzial.“
Der umjubelte Neuzugang selbst ließ schon zu Beginn durchblicken, welch großer Schritt der Abschied aus Brasilien für ihn war. „Ich bin ein bisschen traurig, weil ich hier viele Freunde gefunden hatte. Aber der neue Vertrag ist gut für mich, weil ich damit auch meiner Familie helfen kann“, sagte Caio.
Eineinhalb Jahre lang kein Spiel über 90 Minuten
Mit ihm erhielt die Eintracht einen „vom ersten Moment an offenen Typen, einen fröhlichen Typen, der immer für einen Spaß zu haben war“, beschrieb Franz den Brasilianer: „Er war und ist einfach ein positiver Mensch.“ Was er nicht war: unmittelbar Stammspieler und Leistungsträger.
Sein Bundesligadebüt feierte Caio am 16. Februar 2008, als er gegen Hansa Rostock in der 83. Spielminute eingewechselt wurde. Im dritten Auftritt dann sein erstes Liga-Tor: Gegen Energie Cottbus traf er am 20. März 2008 in der 59. Spielminute.
Bis zu seinem ersten Spiel über die vollen 90 Minuten sollten aber Monate vergehen. Besser gesagt: eineinhalb Jahre! Erst am 34. Spieltag der folgenden Saison 2008/2009 spielte Caio endlich mal durch, erzielte beim 2:3 gegen den HSV auch ein Tor.
Franz über Caio: „Laktat schießt keine Tore“
Dabei pochte der Aufsichtsrat schon im Sommer 2008 auf Einsätze des Rekordeinkaufs. „Spielerisch hat der Junge doch alles drauf. Die Trainer müssen Caio fit machen“, sagte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Becker der Frankfurter Rundschau: „3,8 Millionen Euro für Caio sind eine ganz schöne Investition. Die schreibt man nicht so einfach ab.“
Nur scheiterte Caio zu diesem Zeitpunkt nicht nur an den Spieltagen, sondern auch im Training. Zum Start der Saison 2008/09 musste er, sichtbar über einem Idealgewicht, den Laktattest vorzeitig abbrechen. „Ich bin total unzufrieden“, zürnte damals Coach Funkel und nannte Caios Fitnessstand „besorgniserregend“: „Caio hat bei einer Stufe aufgegeben, bei der noch nie ein Spieler ausgestiegen ist. Nicht einmal die Torleute.“ Beim Laktattest im Winter 2009 dasselbe.
Ex-Teamkollege Franz nahm Caio und dessen Fitness rückblickend in Schutz. „Es gibt solche und solche Typen. Manche können acht Stunden rennen, aber können den Ball nicht fünf Mal hochhalten“, sagte der Ex-Profi (u.a. VfL Wolfsburg, Karlsruher SC, Hertha BSC): „Wenn er wie gegen Leverkusen aus 40 Metern einen in den Knick knallt, bestätigt er das alte Sprichwort: Laktat schießt keine Tore.“
„Weiß nicht, ob er vorher jemals Schnee gesehen hatte“
Doch es war nicht nur Caios Kondition, die seinen Durchbruch in Deutschland verhinderte. Vielmehr misslang die gesamte Integration.
Franz gesteht dem Verein rückblickend zu, „dass alles probiert wurde, ihn bestmöglich zu integrieren“. Gleichzeitig erkannte auch Franz an, dass Caio erhebliche Anpassungsprobleme hatte.
„Ich glaube, dass die Bundesliga für den ersten Schritt die falsche Liga war“, sagte Franz: „Er kam aus Brasilien direkt in die Bundesliga, obendrein im Winter. Ich weiß nicht, ob er vorher jemals Schnee gesehen hatte.“ In Spanien oder Portugal wäre Caio eventuell besser aufgehoben gewesen, fand Franz.
Nicht nur Land und Liga, sondern auch die damalige Frankfurter Mannschaft sei laut Franz nicht die optimale Heimat gewesen: „Unser Spielstil hat nicht ideal zu Caio gepasst. Vielleicht hätte er bei einer Ballbesitzmannschaft mehr Aktionen gehabt. Aber wir waren damals nicht die Mannschaft, die den Gegner beherrscht und an die Wand gespielt hat.“
„Caio war einer unserer besten Fußballer“
Der sportliche Ertrag, den Caio abwarf: 88 Liga-Spiele in viereinhalb Jahren. Dabei erzielte Caio acht Tore, bereite lediglich zwei Treffer vor. Dazu sieben DFB-Pokal-Partien (3 Tore, 1 Assist). So der nüchterne und ernüchternde Blick auf die Zahlen.
Trotzdem ist Caios Fußballkunst bei all seinen Problemen in Erinnerung geblieben. „Wenn er den Ball hatte, bist du selten an den Ball gekommen“, blickte Franz zurück: „Er konnte immer einen ausspielen, er hatte immer einen guten Move auf Lager, mit dem er eine 1:1-Situation auflösen konnte. Seine Schüsse waren eine absolute Waffe von ihm.“
Auch Funkels Nachfolger ab dem Sommer 2009 sah Caios Potenzial. „Michael Skibbe hat ihm viel Vertrauen gegeben und ihn auch oft gebracht“, erzählte Franz: „Aber leider ist der Knoten nie richtig geplatzt.“
„Caio! Caio!“ – die Hoffnung blieb
Im Januar 2011, nach drei Jahren am Main, sollte Caio verkauft werden. Ein Abnehmer war mit dem russischen Klub Dynamo Moskau gefunden, ein Transfervertrag bereits abgeschlossen. Doch dann: kein Laktattest, sondern eine ärztliche Untersuchung. Knorpelproblematik im linken Knie. Der Wechsel platzte.
Trotz all dieser negativen Umstände (mangelnde Fitness, schwierige Integration, magere Bilanz, nicht erfüllte Erwartungen) - Caio war beliebt.
„Er hatte eine hohe Akzeptanz in der Mannschaft, weil alle wussten, was er kann, und weil er als Typ total angenehm war. Ich habe ihn immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht gesehen“, beschrieb Franz das Standing des Brasilianers im Team: „Caios Qualität ist immer wieder aufgeblitzt. Deshalb waren die Erwartungen im Verein auch immer da. Die Hoffnung, dass er jetzt doch noch durchstartet.“
Gute Zeit in Zürich
Letztlich erfüllte Caio seinen Eintracht-Vertrag, ohne jemals durchzustarten. Er erlebte noch den Abstieg 2011, den direkten Wiederaufstieg und verließ die SGE im Sommer 2012 ablösefrei. Er ging zurück nach Brasilien, zum damals abstiegsbedrohten Serie-A-Team EC Bahia.
Nach einem Jahr Heimataufenthalt kam er nach Europa zurück und schloss sich dem Grasshopper Club Zürich an. Dort lief es besser: 76 Scorerpunkte in 145 Partien. Vier Jahren in der Schweiz folgten zwei weitere in Israel, ehe Caio 2019 zum Karriereausklang nach Brasilien zurückkehrte.
In Frankfurt gilt der Transferwinter 2008 vielen Fans heute als misslungenes Fanal großer Ambitionen der Diva vom Main. Die Spieler selbst sind aber in guter Erinnerung.
Und so gilt sein Transfer zwar als Enttäuschung, sein Name ist in Frankfurt aber nach wie vor ein klangvoller: Caio César Alves dos Santos.