Eine Ära steuert auf ihr Ende zu: Nach mehr als 20 Jahren an der Pfeife im Profi-Fußball naht für Deniz Aytekin der Abschied.
Deniz Aytekin vor Abschied: "Solche Worte berühren immer"
„Solche Worte berühren immer“
Der Bundesliga-Schiedsrichter beendet nach der Saison seine aktive Karriere – und blickt im Interview mit SPORT1 auf besondere Momente, emotionale Begegnungen und die Herausforderungen des modernen Fußballs.
So blickt Aytekin auf das Ende seiner Schiedsrichter-Karriere
SPORT1: Herr Aytekin, fühlt sich dieses Trainingslager anders an, weil es das letzte ist?
Aytekin: Ja. Ich gehe schon jetzt bewusst mit einem anderen Gefühl in die Rückrunde, weil man weiß, dass es nur noch wenige Monate sind. Ich versuche natürlich, noch so viele besondere Momente wie möglich zu erleben. Egal ob das Spiele sind oder Begegnungen mit anderen Menschen und den Kollegen hier, insbesondere mit denen, mit denen man so einen Lehrgang absolviert. Das ist das, was immer große Freude macht, weil es neben harter Arbeit eben auch viel Spaß gibt. Das werde ich in Zukunft in sehr positiver Erinnerung behalten.
Abschied rückt näher: „Was mich schon traurig macht ...“
SPORT1: Vermeiden Sie bewusst zu sagen, dass Ihnen das fehlen wird?
Aytekin: Es war eine bewusste Entscheidung, und wenn ich etwas bewusst entscheide, kenne ich die Konsequenzen. Deswegen habe ich ein sehr zufriedenes Gefühl und versuche, mit diesem Gefühl die letzten Spiele noch zu genießen. Was mich schon traurig macht, sind die ganzen Leute, mit denen man über Jahre zusammen war - die wird man halt nicht mehr so regelmäßig sehen. Aber das Schöne ist, man kann ja ganz einfach mal hinfahren und die Leute treffen. Das habe ich mir vorgenommen: Die Verbindung zu den Menschen, die man über Jahre hatte, soll nicht verloren gehen.
SPORT1: Selbstbestimmt aufzuhören ist ein Privileg. Fällt es auch schwer?
Aytekin: Aufhören ist immer schwer. Als die Pressemeldung rauskam, war es schon sehr emotional, weil die Reaktionen der Menschen besonders waren. Die Wertschätzung war groß, und dann beginnt man, über die Dinge nachzudenken, die man in der Vergangenheit erlebt hat. Aber nach vorne gerichtet war es die richtige Entscheidung, zu sagen: „Ich höre jetzt auf, Ende der Saison.“ Wir haben tolle junge Schiedsrichter, die in der 2. Liga und Bundesliga eine Zukunft vor sich haben. Ob ich noch 10, 20 Spiele mehr oder weniger habe, ändert nichts. Es gibt eben auch andere Dinge im Leben neben dem Thema, das man jahrelang leidenschaftlich gemacht hat. Deswegen ist es für mich jetzt gut.
So geht es mit Aytekin weiter
SPORT1: Was werden Sie künftig an einem typischen Samstag machen? Beispielsweise C-Klassen pfeifen?
Aytekin: Nein, das mache ich nicht unmittelbar. Ich liebe den Fußball, ich liebe das Schiedsrichter-Sein. Aber nachdem ich aufgehört habe, werde ich mich mit Sicherheit nicht wieder jeden Samstag und Sonntag irgendwo hinstellen. Das ist ja auch einer der Gründe, ein selbstbestimmtes Wochenende zu haben. Ich werde die Zeit mit Menschen verbringen, die mir sehr viel bedeuten und die natürlich auch sehr viel mitmachen mussten im Sinne von wenig Zeit für die Familie. Das versuche ich aufzuholen.
SPORT1: Sie werden schon jetzt vermisst – von Kollegen, die Ihr menschliches und emotionales Lob schätzen, aber auch Ihre fachliche Art, von der man viel lernen konnte. Aus der Bundesliga hört man: „Es ist schade, wenn der Beste geht.“
Aytekin: Die Wertschätzung ist natürlich sehr groß, und solche Worte berühren mich immer. Es geht nicht darum, Freundschaften zu schließen. Wir haben eine Rolle als Schiedsrichter, aber ich kann klar sein und dennoch die Menschen respektvoll und wertschätzend behandeln. Das ist mein Credo, wie ich die Spiele geleitet habe. Ich hoffe, dass die letzten Spiele noch genauso positiv verlaufen, sodass man die Karriere mit einem guten Gefühl beenden kann.
Das war Aytekins Karriere-Highlight
SPORT1: Was war das Highlight Ihrer Karriere?
Aytekin: Das Pokalfinale ist etwas ganz Besonderes (Aytekin pfiff 2017 das Endspiel Borussia Dortmund vs. Eintracht Frankfurt, der BVB siegte 2:1, Anm. d. Red.). Gemeinsam mit der Familie ein Spiel erleben zu dürfen, war für mich außergewöhnlich. Diese besonderen, emotionalen Momente werden für immer bleiben – unvergesslich.
SPORT1: Ist die Arbeit der Schiedsrichter in dieser Rückrunde durch den VAR schwieriger denn je?
Aytekin: Die Komplexität und die Herausforderungen sind enorm, seitdem auch Knut Kircher (Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH, Anm. d. Red.) bei uns ist. Das Spiel ist schneller geworden, die Medientechnik umfangreicher, es gibt deutlich mehr Kameras. Wir schleppen eine enorme Technologie mit uns herum. All diese Faktoren im Spiel in Verbindung mit dem Videoassistenten zu managen, ist schon eine große Herausforderung.
SPORT1: 80.000 Menschen im Stadion kennen Ihren Namen. Werden Ihnen das Rampenlicht und die emotionale Wucht der Spiele fehlen?
Aytekin: Mir wird die Atmosphäre im Stadion auf dem Rasen fehlen. Das wird fehlen, aber ich habe die Entscheidung bewusst getroffen und weiß, dass es im Leben noch andere Dinge gibt. Manchmal muss man Dinge loslassen, um neue Energie für andere Aufgaben zu gewinnen.
Aytekin: „Ich habe mich nie verstellt“
SPORT1: Sie gehen als sehr respektierter und beim Publikum beliebter Schiedsrichter. Warum tun sich andere Kollegen schwerer, Akzeptanz zu finden?
Aytekin: Ich weiß nicht, ob andere es wirklich schwerer haben. Ich habe mich nie verstellt, weder auf noch neben dem Platz. Ich versuche, mit den Menschen respektvoll und vernünftig umzugehen. In den Anfängen war es schwierig, aber ich habe viel gelernt. Wer spürt, dass jemand ehrlich ist und Fehler offen zugibt, wird eher nachsichtig sein, als wenn man permanent alles rechtfertigt.
SPORT1: Warum hatten Sie eigentlich nie Lust, sich in den Kölner Keller zu setzen?
Aytekin: Das hat nichts mit Lust zu tun. Vor fünf Jahren habe ich das ein Jahr gemacht, als Videoassistent, und festgestellt, dass ich dort nicht so gut bin. Ich bin eher ein Bauch-Schiedsrichter. Auf dem Feld kann ich meine Stärken besser einbringen. Deswegen habe ich mich entschieden, mich auf die Spielleitung zu konzentrieren, und das auch offen kommuniziert.
VAR? „Ich bin dankbar, dass es ihn gibt“
SPORT1: Macht der VAR das Leben der Schiedsrichter einfacher – oder eher schwieriger, weil man von einem Kollegen abhängig ist und trotzdem die Verantwortung auf dem Platz trägt?
Aytekin: Der Videoassistent ist aus dem modernen Fußball nicht mehr wegzudenken, angesichts der Dynamik und Entwicklung des Spiels. Ich bin dankbar, dass es ihn gibt. Grauzonen wird es immer geben, aber die ganz großen Fehler lassen sich vermeiden. Aus meiner Sicht ist der Videoassistent ein Erfolg.
SPORT1: Markus Merk hat in seinem letzten Spiel mit Oliver Kahn das Trikot getauscht. Was machen Sie bei Ihrem letzten Spiel?
Aytekin: Ich habe keinen Plan. Ich versuche, die Momente im letzten Spiel zu genießen. Was danach passiert, ergibt sich intuitiv. Besondere Momente entstehen ohnehin spontan.