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HSV vs. St. Pauli: Dieser Derby-Sieg war der Anfang vom Ende

Ein Derby mit zwei Verlierern

Hamburger Stadtderbys in der Bundesliga sind selten, Siege des FC St. Pauli noch seltener. Umso größer war die Freude über den bis dato letzten Triumph vor 15 Jahren im Volksparkstadion. Doch der Prestigeerfolg war auch der Anfang vom Ende.
St. Paulis Präsident Oke Göttlich erklärt im SPORT1 Doppelpass das Phänomen des Kiez-Klubs. Für seine politische Haltung erntet er Applaus.
Hamburger Stadtderbys in der Bundesliga sind selten, Siege des FC St. Pauli noch seltener. Umso größer war die Freude über den bis dato letzten Triumph vor 15 Jahren im Volksparkstadion. Doch der Prestigeerfolg war auch der Anfang vom Ende.

Petrus meinte es nicht gut mit Hamburgs Fußballfans. Regen sind sie in der Elbmetropole seit jeher gewohnt, doch diesmal war es zu viel. Das für Sonntag, den 6. Februar 2011 angesetzte Derby im Volksparkstadion zwischen dem Hamburger SV und dem FC St. Pauli musste wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt werden.

Dabei hatten sich die Kontrahenten doch schon so schön heiß gelaufen. „Dem HSV gehören die Schlagzeilen, St. Pauli die Punkte“, sagte der Keeper des Aufsteigers vom Kiez, Thomas Kessler (heute Sportvorstand des 1. FC Köln; Anm. d. Red.).

HSV-Trainer Armin Veh betonte: „Wer da nicht heiß ist, hat den Beruf verfehlt.“

Sticheleien vor dem Hamburger Derby

Aber dann kam, wie erwähnt, erst mal die kalte Dusche von oben. Die Absage empörte St. Pauli. Trainer Holger Stanislawski ließ auf der Vereinshomepage verkünden: „Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass dieses Spiel nach zwei Tagen Regen in Hamburg nicht stattfinden kann.“ Subtext: Wie kann man so doof sein, bei der Witterung drei Tage vor dem Spiel einen neuen Rollrasen zu verlegen?

Veh konterte: „St. Pauli soll auf dem Teppich bleiben. Die kriegen es ja selbst nicht hin, einen ordentlichen Rasen zu präsentieren.“

St. Paulis Manager Helmut Schulte versuchte zu deeskalieren: „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.“ In der Tat regnete es binnen zwei Tagen in Hamburg mehr als doppelt so viel wie sonst im gesamten Februar.

Das Spiel wurde also neu angesetzt, zehn Tage mussten sich alle Seiten gedulden. Als man sich am Mittwoch, den 16. Februar im Volkspark dann doch endlich traf, schrieb der kicker von einem „Gipfeltreffen der beiden Top-Teams im Jahr 2011“.

Tatsächlich winkte dem Sieger Platz eins in der Rückrundentabelle. Trotzdem ging es für St. Pauli, damals Zwölfter, nur um den Klassenerhalt, der HSV (Siebter) träumte noch von der Champions League. Dafür gab es nach der Partie aber keinerlei Anlass mehr.

Stanislawski sorgt für Überraschung

Sie begann für nahezu alle Beobachter beim Blick auf die Aufstellungen mit einer faustdicken Überraschung, denn im Tor von St. Pauli stand der zweite Ersatzkeeper. Benedikt Pliquett gab mit 26 Jahren sein Bundesliga-Debüt, sieben Jahre nachdem er beim HSV nach eigenen Worten „vom Hof gejagt worden“ war.

Nun war Pliquett offenbar besonders motiviert. Schon vor Monaten versprach ihm Trainer Stanislawski, ihn im Derby einzusetzen, woraufhin der etwas schräge Typ ihm gesagt haben soll: „Ist das dein Ernst? Dann musst du Wort halten, sonst reiße ich dir den Kopf ab.“

Der antiautoritär regierende Stanislawski rettete da lieber seinen Hals und begründete die Personalie so: „Wir können bei den Jungs nicht immer nur von Vertrauen sprechen, sondern müssen auch Taten folgen lassen.“ Die Mitspieler waren nicht weniger verblüfft als die Fans, „uns stand allen der Mund offen“, sagte Ralph Gunesch.

Asamoah köpft zum Sieg ein

Kapitän Gerald Asamoah, der einzige Star im Team des Aufsteigers, kommentierte: „So ist er, so zeigt er, was er von uns hält.“ Der Vizeweltmeister von 2002 war es dann, der in dieser vor der Pause zähen und torlosen Partie als Erster aus Pliquetts Schatten trat.

Nach 59 Minuten köpfte Asamoah nach einer gelungenen Eckballvariante das Tor des Tages, das St. Pauli zum ersten Derbysieg nach 33 Jahren verhalf.

„Das war mein schönster Fußball-Hamburg-Tag“, drückte sich Manager Schulte etwas schräg aus, aber jeder mit Pauli-Herz verstand ihn. Das Spiel hätte angesichts von 6:3 Chancen und 11:5 Ecken, jeweils für den HSV, auch anders ausgehen können, aber der speziell motivierte Pauli-Keeper ließ keinen rein.

Pliquett flippt aus

Der extrovertierte Pliquett ließ seinen Emotionen freien Lauf. Nach jeder Parade brüllte er wie ein Gorilla und peitschte sich und die Seinen auf.

Nach Abpfiff rannte er auf HSV-Star Mladen Petric zu, zog einen imaginären Pfeil aus einem imaginären Köcher, lachte hämisch und verhöhnte auf diese Weise den Kroaten, der in Robin-Hood-Manier seine Tore zu zelebrieren pflegte.

Dann rannte der Keeper noch einen HSV-Betreuer über den Haufen, ehe er selbst im Kabinengang ausrutschte. Vom eigenen Adrenalin zu Fall gebracht! Kaum wieder auf den Beinen, hörte man ihn höhnen: „Und ihr habt mich vom Hof gejagt, ihr Lutscher!“

Der andere Held des Tages, Asamoah, lieferte den Medien auch reichlich Stoff. Ob es der schönste Tag in seinem Leben gewesen sei, wurde er ernstlich gefragt.

„Die Geburt meiner beiden Kinder war auch sehr schön … Wir wussten, dass wir Geschichte schreiben können, aber ich habe es trotzdem nicht für möglich gehalten. Dass wir es als Klein-St. Pauli hier in diesem Stadion wirklich schaffen können. Nur zehn Prozent der Menschen hier in Hamburg haben das doch geglaubt!“

Darunter offenbar jene St.-Pauli-Mitarbeiter, die vorsorglich das T-Shirt drucken ließen, das Pliquett vor dem Fanblock trug. Aufschrift: „Derby Sieg!!!“.

Riesenfrust dagegen beim HSV. Sportchef Bastian Reinhardt jammerte: „Wenn ich sehe, wie St. Pauli in unserem Stadion feiert, könnte ich abkotzen.“

St. Pauli: Abstieg nach Derby-Sieg

Doch genau genommen hatte das Derby zwei Verlierer. Der HSV sowieso, der am Ende mit Platz acht auch seine internationalen Ziele verfehlte.

Aber auch St. Pauli, denn von diesem euphorisch gefeierten Sieg erholten sie sich nicht mehr. Es folgte ein beispielloser Absturz. Aus den verbleibenden zwölf Spielen holte St. Pauli nur noch einen Punkt.

Schulte sagte: „Wir hatten nach 22 Spielen 28 Punkte. Keiner hätte es zu diesem Zeitpunkt für möglich gehalten, dass wir am Ende zu den Absteigern gehören würden.“

Schon zwei Spiele und Niederlagen später hatte er gewarnt: „Die größten Fehler macht man im Erfolg. Vielleicht schätzt der eine oder andere den Sieg nicht richtig ein. Das ist menschlich, aber wir werden uns keinen Sand in die Augen streuen.“

Doch bei den nächsten Heimspielen hingen noch Plakate mit der Aufschrift „Stadtmeister“ am Millerntor - und so schwelgten sie noch eine Weile im Hochgefühl eines Prestigesiegs, der der Anfang vom Ende war.

Erst 13 Jahre später kehrte St. Pauli in die Bundesliga zurück.

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