Der Video-Assistent und seine Auswüchse bleibt eines der meistdiskutierten Themen im deutschen Profifußball. Zwischen dem Anspruch auf gerechte, millimetergenaue Entscheidungen und der allgemeinen Sehnsucht nach unverfälschten Emotionen scheint der Job des Schiris aktuell undankbarer denn je.
Schiri-Boss: "Das nervt uns besonders"
Schiri-Boss: „Das nervt besonders“
Knut Kircher, Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH, spricht im Interview mit SPORT1 über Kritik am VAR, was auch die Unparteiischen bei dem Thema besonders frustriert - und den Verlust von Top-Schiedsrichter Deniz Aytekin.
SPORT1: In einer Saison mit vielen aufreibenden Szenen: Wie zufrieden sind Sie mit dem, was in den ersten 15 Spieltagen der Bundesliga und 17 Spieltagen der 2. Liga bisher gelaufen ist?
Kircher: Wir sind gut unterwegs. Wir haben uns etwas vorgenommen – und wenn man sich etwas vornimmt, dann geht es meistens nicht digital von null auf eins, sondern man begibt sich auf einen Weg. Und das ist ein guter Weg. Das verhindert nicht, dass wir am Ende des Tages Szenen haben, über die wir diskutieren, auch in der Vorrunde. Diese arbeiten wir hier auf und nach, um eine klare Orientierung zu geben. Von daher bin ich mit dem Weg, den wir bis dato gegangen sind, zufrieden.
„Mehr Emotionen, weniger VAR“
SPORT1: Die Essenz aus vielen Interviews mit Trainern, Spielern und Fans, die wir führen, ist: Acht von zehn sagen, weniger VAR, mehr Emotionen. Können Sie das nachvollziehen?
Kircher: Immer. Ich bin da völlig auf dieser Linie: mehr Emotionen, weniger VAR. Genau das sind wir auch angegangen. Wenn wir die Zahl der Interventionen nehmen und sie mit dem gleichen Zeitpunkt der Vorsaison vergleichen, dann sind wir auf einem gleichen Level - bezogen auf die nichtfaktischen Eingriffe. Das heißt: Es geht nicht um Abseits, nicht um innerhalb oder außerhalb des Strafraums, sondern rein um Feldentscheidungen. Wir haben damals gesagt, wir wollen eine höhere Eingriffsschwelle. Geht die noch höher? Ja, die geht noch höher, behaupte ich. Aber das kann man nicht auf einmal machen, sondern nur sukzessive. Und am Ende - das ist auch klar - ist Fußball nicht nur schwarz-weiß.
SPORT1: Täuscht der Eindruck oder sind mehr Leute unzufrieden mit dem Status Quo? Trainer wie Steffen Baumgart oder Dino Toppmöller stellen sich sehr klar dagegen. Und selbst Schiri-Legende Markus Merk sagt, es gebe auf vielen Ebenen einen Kompetenzmangel. Trifft Sie das?
Kircher: Es beschäftigt uns grundsätzlich - und das ist auch unser Job. Wir fragen uns: Wie bringen wir den Schiedsrichter als Teil der Fußballfamilie weiter? Indem wir mit dem Thema VAR Menschen abholen, uns mit ihnen zusammensetzen, auch mit Regisseuren und fragen: Wo können wir uns noch verbessern? Und das sei auch gesagt: Beim Thema, ehemalige Spieler ins VAR-Zentrum zu setzen, sind wir völlig offen. Fakt ist allerdings: Es gibt derzeit keine ehemaligen Spieler, die dafür zur Verfügung stehen oder sich bewerben. Selbst auf Angebote, die wir aussprechen, kommt nichts zurück. Das gehört auch zur Wahrheit dazu. Es wird immer Menschen geben, die sagen: Das finde ich nicht gut. Das ist okay. Man wird im Fußball nie mit allem eins zu eins zufrieden sein - auch nicht mit Schiedsrichterentscheidungen.
SPORT1: Können Schiedsrichter im Zeitalter des Video-Referees überhaupt noch etwas richtig machen?
Kircher: Eine gewisse Unzufriedenheit wird man immer spüren, aus irgendeiner Ecke. Fußball ist ein Feld, in dem sich Menschen emotionaler und auch lauter äußern. Nichtsdestotrotz sind wir bestrebt, prozessual und leistungsmäßig immer das Optimum herauszuholen. Wir reden aber auch von engen Abseitsentscheidungen, bei denen man sagen muss: Das kann man mit dem menschlichen Auge heute nahezu nicht mehr auflösen. Und dafür braucht man diese technischen Hilfsmittel, damit zumindest faktisch Gerechtigkeit hergestellt wird.
VAR? „Beim Abseits muss es schneller gehen“
SPORT1: Minutenlanges Suchen nach Millimeter-Entscheidungen – können Sie verstehen, dass das für Zuschauer komplett frustrierend ist?
Kircher: Das ist nicht nur frustrierend für die Zuschauer, sondern auch für den Schiedsrichter auf dem Platz. Er muss Chaos-Management betreiben, Konfliktmanagement betreiben, kommunizieren. Was uns besonders nervt, sind sehr lange VAR-Eingriffe von fünf Minuten oder mehr, die nicht unmittelbar mit Abseits zu tun haben, sondern mit Feldentscheidungen. Beim Abseits haben wir klar den Anspruch: Das muss schneller gehen.
SPORT1: Kann es sein, dass Schiedsrichter ein Stück weit Intuition verlieren, weil sie wissen, dass es ein Backup in Köln gibt?
Kircher: Das mag möglich sein. Wir vertrauen aber eher auf das, was wir beobachten. Wir haben uns ambitionierte Ziele gesetzt. Der Eindruck, dass jemand sagt: „Ich pfeife lieber gar nichts und warte, bis sich Köln meldet“, den erlebe ich nicht. Nicht bei unseren Klausuren, nicht in den Stützpunkten und nicht in persönlichen Gesprächen mit den Aktiven. Die intrinsische Motivation ist bei allen da, Entscheidungen direkt auf dem Feld richtig zu lösen.
SPORT1: Bedeutet der VAR zusätzlichen Stress? Wenn 80.000 Zuschauer unruhig werden, es lauter wird – wie lernt man, damit umzugehen?
Kircher: Das ist eine Entwicklung und ein zusätzliches Anforderungsprofil für Schiedsrichter und Assistenten. Jeder hat dafür seine eigenen Werkzeuge. Der eine sucht den Dialog mit Spielern, um Lockerheit zu erzeugen. Der andere bleibt lieber ruhig, konzentriert und fokussiert bei sich. Wir geben da nichts vor – jeder findet seinen eigenen Weg.
SPORT1: Kann es sein, dass künftig auch Künstliche Intelligenz eingesetzt wird?
Kircher: Natürlich überlegen wir auch, wo man KI einsetzen könnte. Man sollte sich dem nicht verschließen, sondern prüfen, ob es ein sinnvoller Weg ist oder nicht. Ja, KI kann perspektivisch eine Rolle spielen.
Abseits? „Gibt keine Toleranzbereiche“
SPORT1: Finden Sie es gerecht, dass heute Millimeter über Abseits entscheiden?
Kircher: Wir halten uns an den Regeltext. Dort steht: Wenn ein Körperteil, mit dem ein Tor erzielt werden kann, vor dem des vorletzten Verteidigers ist, dann ist es Abseits. Im Regelwerk gibt es keine Toleranzbereiche.
SPORT1: Warum wurde das verzögerte Heben der Fahne bei knappen Abseitsentscheidungen eingeführt?
Kircher: Man wollte verhindern, dass wir ein Tor zu früh totmachen, indem wir abwinken und sich später herausstellt, dass es vielleicht doch kein Abseits war. Wir reden von hochdynamischen Situationen, bei denen es bis zu einem Meter sein kann. In solchen Fällen lassen wir laufen. Bei allem anderen heißt es: Fahne hoch. Die Idee war, dem möglicherweise im Abseits stehenden Spieler trotzdem die Chance zu geben, ein Tor zu erzielen - und es im Nachgang zu überprüfen.
SPORT1: Sind Sie zufrieden damit, wie diese Regel gelebt wird - trotz vieler Unzufriedener?
Kircher: Ja. Wir sind zufrieden mit dem, was die Schiedsrichterassistenten mit ihrer menschlichen Wahrnehmung leisten. Das ist in dieser Dynamik schwierig. Wir haben deutlich weniger Situationen, in denen potenzielle Tore abgewunken werden, obwohl sie vielleicht wenige Zentimeter nicht im Abseits waren. Viele Assistenten entscheiden sehr mutig und lassen bei ganz knappen Entscheidungen laufen – bei zwei, vier, acht oder zehn Zentimetern. Das ist dem Fußball zuträglich, auch wenn es ein Risiko bleibt.
SPORT1: Eine These: Emotional geht durch den VAR mehr verloren, als regeltechnisch oder faktisch gewonnen wird. Würden Sie widersprechen?
Kircher: Der VAR ist auch aufgrund von Emotionen eingeführt worden - um durch bessere Auflösung mehr Klarheit zu schaffen. Gleichzeitig verstehe ich das Gefühl, dass man sich erst später freuen darf. Ich würde aber nicht grundsätzlich sagen, dass der VAR dem Fußball Emotionen raubt.
Aytekin? „Zunächst einmal fehlt er uns“
SPORT1: Abschließend: Deniz Aytekin hört auf. Ein sehr beliebter, stilprägender Schiedsrichter. Wie groß ist der Verlust?
Kircher: Zunächst einmal fehlt er uns. Auch Deniz hat eine enorme Entwicklung durchlaufen. Gleichzeitig beschäftigen wir uns bei jeder Persönlichkeit, die uns verlässt, damit, wie wir sie mit ihrem Know-how und ihrer Erfahrung einbinden können. So wird es auch bei Deniz Aytekin sein. Seine Spielmanagement-Kompetenz ist für junge Schiedsrichter enorm wertvoll.
SPORT1: Orientieren sich andere Schiedsrichter stark an ihm?
Kircher: Absolut. Und das ist auch gut so. Man schaut hin, wie jemand Situationen löst, und nimmt das ins eigene Portfolio auf. Entweder es passt zum eigenen Typ - oder man findet einen anderen Weg.