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"Das hat man im deutschen Fußball noch nicht so oft gesehen"

Hinwerfen? „Mit Gedanken gespielt“

Die TSG Hoffenheim ist sportlich erfolgreich, blickt aber auf chaotische Wochen zurück. Mittendrin: Geschäftsführer Andreas Schicker. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der Österreicher über seine geplante „Abberufung“ und verrät, welche Rolle Dietmar Hopp wirklich bei der TSG spielt.
Andreas Schicker, Hoffenheims Geschäftsführer Sport, packt im SPORT1 Doppelpass aus, warum er den Klub verlassen wollte und spricht über ein Telefonat mit Jürgen Klopp.
Die TSG Hoffenheim ist sportlich erfolgreich, blickt aber auf chaotische Wochen zurück. Mittendrin: Geschäftsführer Andreas Schicker. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der Österreicher über seine geplante „Abberufung“ und verrät, welche Rolle Dietmar Hopp wirklich bei der TSG spielt.

Wenn Andreas Schicker über die TSG Hoffenheim spricht, klingt das selten nach Floskeln. Zu viel ist in den vergangenen Monaten passiert - als ein Machtkampf tobte und der frühere Interims-Vereinsvorsitzende Christoph Henssler versuchte, ihn zu stürzen. Das misslang.

Im Exklusiv-Interview mit SPORT1 erzählt der 39 Jahre alte Hoffenheim-Geschäftsführer, wie er diese chaotische Zeit erlebt hat, und gibt persönliche Einblicke in sein Verhältnis zu Trainer Christian Ilzer und Mäzen Dietmar Hopp. Zudem verrät er den Stand im Poker um einen umworbenen Leistungsträger und seine Sicht auf die WM-Diskussion um Hoffenheim-Keeper Oliver Baumann.

Abberufung? „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“

SPORT1: Herr Schicker, wie geht es Ihnen nach der Schlammschlacht in den vergangenen Wochen?

Andreas Schicker: Grundsätzlich geht es mir gut, aber die vergangenen Wochen waren sehr intensiv, weil ja eine mögliche Abberufung meiner Person im Raum stand. Ich muss aber sagen: Auch in dieser Phase ist der Verein mit vielen Mitarbeitern, Sponsoren und Fans zusammengerückt. Das hat mir viel Kraft gegeben. Letztendlich bin ich froh, dass ich den Weg hier bei der TSG weitergehen kann.

SPORT1: Wann haben Sie erstmals gespürt, dass es ernst werden kann - in Richtung Abberufung?

Schicker: Das war eine große Überraschung, als ich die Einladung zur Gesellschafterversammlung gesehen habe, mit dem Tagesordnungspunkt „Abberufung“. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wenn man in meiner Position erfolgreich arbeitet, – und ich denke, wenn man mit der TSG Dritter ist, darf man das sagen – dann setzt man so einen Weg eigentlich nicht aufs Spiel. Darum war ich überrascht.

Schicker: „Das vergisst man nicht“

SPORT1: Gab es einen Moment, in dem Sie alles hinwerfen wollten?

Schicker: Für mich war der Zeitpunkt sportlich schwer nachvollziehbar. Wenn du im Abstiegskampf steckst, kennt man die Gesetze. Aber in dieser Situation war das nicht so. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt. Aber ich habe aus dem direkten Umfeld im Verein gespürt, dass der Verein in dieser Phase enger zusammengerückt ist. Das war keine Selbstverständlichkeit - und das vergisst man nicht.

SPORT1: Haben Sie sich intern hintergangen gefühlt?

Schicker: Natürlich, in gewisser Hinsicht schon. In einer solchen Konstellation braucht es klare Rollen und Verantwortlichkeiten zwischen e. V. und GmbH. Wenn diese nicht eindeutig gelebt werden, entstehen Spannungen. Daran haben wir gearbeitet.

„Nehme wahr, dass Herr Hopp sehr glücklich ist“

SPORT1: Wie fühlt man sich als Sieger in so einem Machtkampf?

Schicker: Für mich geht es nicht um Sieger oder Verlierer. Es war eine Bestätigung, dass man richtig unterwegs ist. Ich bin hierhergekommen, um Dinge zu verändern und dabei zu helfen, die TSG wieder erfolgreich zu machen. Die politischen Dinge rundherum waren mühsam und anstrengend. Aber sportlich sind wir auf einem guten Weg, und auch organisatorisch machen wir Fortschritte.

SPORT1: Wie wichtig war Dietmar Hopp in dieser Phase für Sie?

Schicker: Ich habe seit Beginn meiner Zeit hier einen sehr guten und engen Austausch mit Dietmar Hopp. Er hat mich ja auch geholt. Ohne ihn gäbe es das alles hier nicht. Mein Auftrag war, die TSG sportlich wieder erfolgreich zu machen. Ich nehme wahr, dass Herr Hopp sehr glücklich ist, wenn wir über Fußball sprechen. Das ist ein schönes Gefühl.

SPORT1: Hat er Ihnen Auftrieb gegeben?

Schicker: Ja, sehr oft. Es ist ein gutes Gefühl, wenn der Gesellschafter zu 100 Prozent hinter einem steht. Man hat das auch nach dem 3:0 gegen Freiburg gemerkt, als er in die Kabine gekommen ist - das war schon etwas Besonderes.

Hopp? „Da standen ihm die Tränen in den Augen“

SPORT1: Erzählen Sie davon…

Schicker: Es wurde sehr schnell ruhig, als er die Kabine betreten hat. Auch wenn wir 3:0 gewonnen hatten, hat man bei den Spielern gemerkt, dass es ein besonderer Moment ist. Am Schluss haben wir den Sieg noch lautstark angestimmt. Ich habe gesehen, wie glücklich Dietmar Hopp ist. Da standen ihm die Tränen in den Augen. Er ist eine Runde gegangen, hat jeden Einzelnen begrüßt und gratuliert. Für mich war das sehr emotional.

SPORT1: Hat Sie der Rücktritt von Henssler überrascht?

Schicker: Letztendlich war es seine Entscheidung. Wichtig war für mich, dass bis zur Wahl am 9. März weitere Entscheidungen getroffen werden konnten.

SPORT1: Wie sehr hat Sie die öffentliche Diskussion auch im Hinblick auf Ihre Familie getroffen?

Schicker: Die Tage waren länger, es war anstrengend. Meine Frau hat gefragt, warum wir nie Ruhe bekommen - gerade jetzt, wo es sportlich funktioniert. Aber ich habe volle Unterstützung bekommen. Irgendwann war klar: Das ziehen wir durch.

SPORT1: Sind Sie im Job vorsichtiger geworden?

Schicker: Definitiv. Ich habe viel gelernt. Vielleicht überlegt man sich heute einen Satz dreimal, bevor man ihn ausspricht. Ich hoffe, dass wir wieder in eine Richtung kommen, in der man laut denken darf, ohne rechtliche Bedenken zu haben.

SPORT1: Wie eng war der Austausch mit Trainer Christian Ilzer?

Schicker: Sehr eng. Wir kennen uns aus Graz. In dieser Phase war der Austausch besonders wichtig. Er hat mir viel Unterstützung gegeben.

„Das hat man noch nicht so oft gesehen“

SPORT1: Was ist das Besondere an Ihrer Freundschaft?

Schicker: Das hat sich über die Jahre entwickelt. Chris und ich hatten schon immer ein sehr gutes und professionelles Arbeitsverhältnis. Inzwischen ist daraus eine Freundschaft geworden. Wir hatten schon schöne Erfolge zusammen. Da ist das Vertrauen sehr groß. Natürlich hat mich das extrem gefreut, dass er so eine Klarheit an den Tag gelegt hat. Das hat man im deutschen Fußball noch nicht so oft gesehen.

SPORT1: Wie offen können Sie intern miteinander streiten?

Schicker: Hinter verschlossenen Türen diskutieren wir hart - über Spiele, über den Kader. Aber nach außen treten wir gemeinsam auf. Sobald zwischen Sportdirektor und Trainer etwas nicht stimmt, wird das im modernen Fußball ausgenutzt - von Beratern und Spielern. Das zeichnet uns aus. Und ja, wir gehen auch mal essen oder trinken ein Bier. Das ist gewachsen. Wir sprechen auch über persönliche Dinge. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Das ist etwas nicht Alltägliches.

SPORT1: Wäre Herr Ilzer wirklich gegangen, wenn man Sie gestürzt hätte?

Schicker: Das müsste man ihn fragen. Er hätte dafür kein Verständnis gehabt, genauso wenig wie die Spieler. Es wäre nicht einfach geworden.

„Eine historisch gute Saison“

SPORT1: Sportlich läuft es bei der TSG weiter.

Schicker: Wir spielen eine historisch gute Saison nach 22 Spieltagen. Aber wichtiger ist der Weg: ein guter Mix im Kader, junge Spieler, Identifikationsfiguren, Ankerspieler. Dafür verdienen die Mannschaft und das Trainerteam ein großes Lob.

SPORT1: Ist die Krise eine Chance für einen Neuanfang?

Schicker: Sportlich hat der Neuanfang im Sommer begonnen. Im Umfeld kann er jetzt beginnen. Kontinuität ist entscheidend.

SPORT1: Sehen Sie Ihre Zukunft noch länger in Hoffenheim?

Schicker: Ich fühle mich hier sehr wohl, meine Familie auch. Der Weg ist noch nicht zu Ende. Jetzt braucht es Stabilität.

SPORT1: Glauben Sie, dass Geschlossenheit Spieler zum Bleiben bewegt?

Schicker: Ja. Die Spieler schätzen es, dass wir eine Einheit sind.

Prömel? „Grischa ist hin- und hergerissen“

SPORT1: Konkret: Kann Grischa Prömel gehalten werden? Der VfB Stuttgart will ihn haben.

Schicker: Wir arbeiten daran. Er spielt eine sehr gute Saison. Aber wir haben wirtschaftliche Grenzen – es ist noch offen. Grischa ist hin- und hergerissen. Er setzt sich sehr seriös mit seiner Zukunft auseinander. Wir wissen, was wir an ihm haben – und er weiß, was er hier hat. Er ist im letzten Vertragsjahr. Wir sind in einem engen Austausch.

SPORT1: Letzte Frage: Oliver Baumann ist die Nummer eins in der Nationalmannschaft. Haben Sie zuletzt verstanden, warum viele nur über Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen spricht statt über ihn?

Schicker: Oliver ist ein herausragender Torhüter, ein Top-Mensch, Führungsspieler und toller Kapitän. Er hat es auch in der Nationalmannschaft immer top gemacht. Diese Debatte hat mich überrascht. Ich will mich nicht festlegen - das ist Sache des Bundestrainers. Aber ich bin guter Dinge, dass er als Nummer eins eine sehr gute WM spielen wird. Da braucht sich ganz Deutschland keine Sorgen zu machen.