Vor dem Heimspiel am Samstag gegen Union Berlin (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) steht Borussia Mönchengladbach sportlich wie mental unter Druck: Platz 14 in der Bundesliga – für die eigenen Ansprüche deutlich zu wenig. Die Abstiegszone ist näher gerückt, die Unruhe im Umfeld spürbar. Auch zwei ehemalige Borussen blicken mit Sorge auf die aktuelle Lage: Marco Villa und Bernd Krauss.
"Eine Katastrophe": Deutliche Warnung vor Horrorszenario für Traditionsklub
Gladbach-Ikonen schlagen Alarm
Villa, der von 1996 bis 1999 für die Fohlen spielte, beschreibt die Lage bei SPORT1 als kritisch: „Die Situation für Borussia Mönchengladbach ist prekär, und ich empfinde sie nicht als besonders angenehm.“
Dennoch setzt der heute 47-Jährige auf Geschlossenheit: „Ich hoffe, dass die Mannschaft gemeinsam mit Trainer Eugen Polanski die kommenden Spiele ähnlich gut bestreitet wie in der Hinrunde, in der sie viele Punkte gesammelt und sich in eine relativ ungefährdete Tabellensituation gebracht hat.“
Gladbach-Krise: Krauss sieht strukturelle Probleme
Deutlich schärfer fällt die Analyse von Krauss aus. Der 68-Jährige kennt den Klub wie kaum ein anderer: In der Saison 1989/90 trainierte er zunächst Borussias Amateure, später die Profis. 1995 führte er Gladbach im DFB-Pokal zum bislang letzten Titel.
Überrascht von der aktuellen Entwicklung ist Krauss nicht. Seit Jahren erkenne er dieselben Muster. „Das Abwehrverhalten ist eine Katastrophe“, sagt er im Gespräch mit SPORT1 unumwunden. Häufig herrsche sogar Überzahl, dennoch fehle es an Entschlossenheit im Zweikampf. Aus dem Mittelfeld komme zu wenig Torgefahr, vorne sei man stark von einem einzigen Stürmer abhängig. „Diese Mannschaft ist leicht auszurechnen.“
Mit Galgenhumor ergänzt er: „So wie die verteidigen, braucht in meinem Alter keiner ein neues Knie.“
Gladbach-Idol sieht Defizite in der Kaderzusammenstellung
Für Krauss ist das Problem nicht allein taktischer Natur. Er sieht Defizite in der Kaderzusammenstellung, in der Mentalität – und in der Hierarchie innerhalb der Mannschaft. Verantwortung werde zu selten übernommen, weder individuell noch kollektiv.
Transfers seien in einer solchen Situation nur bedingt hilfreich. In der Winterperiode verzeichneten die Gladbacher mehrere Abgänge, darunter Luca Netz (Nottingham Forest), Tomas Cvancara (Leihe zu Celtic) und Jonas Omlin (Leihe zu Bayer Leverkusen). Hinzu kamen vor allem interne Lösungen aus der U23. „Oft bekommt man Spieler, die anderswo keine Rolle mehr gespielt haben – oder man braucht großes Glück“, sagt Krauss. Letztlich sei vieles eine Charakterfrage.
Wie fragil die Situation ist, zeigt aus Sicht von Villa vor allem das anstehende Heimspiel. „Gegen Union Berlin ist es natürlich ein Spiel, in dem du als Heimmannschaft einen deutlichen Druck spürst, weil du dir keine größeren Fehltritte mehr erlauben darfst“, sagt der frühere Gladbacher. Gerade in solchen Spielen entscheide sich, ob eine Mannschaft stabil genug sei, Widerstände anzunehmen.
Mentalität als Kernproblem
Für Krauss spiegelt die Tabellensituation die fehlende innere Stabilität wider. Wenn der zentrale Angreifer nicht treffe, gleiche das niemand aus. Mit der nötigen Mentalität wäre man gar nicht erst in diese Lage geraten, ist er überzeugt: „Dann diskutieren wir hier nicht über Platz 14.“
Einen klaren sportlichen Impuls erkennt er derzeit nicht. Es bleibe die Hoffnung, dass es in der Liga noch schwächere Teams gebe – und dass sich Führungsspieler finden, „die Verantwortung übernehmen – hinten wie vorne“.
Rückendeckung für Polanski
Grundsätzlich nimmt Krauss Trainer Eugen Polanski in Schutz. Ein Coach aus den eigenen Reihen kenne Verein und Strukturen, das sei ein Vorteil. Die Entscheidung für Polanski sei nachvollziehbar gewesen. Dass der Trainer nun in der Kritik stehe, sei Teil des Geschäfts.
„Polanski muss jetzt klare Kante zeigen“, fordert Krauss. Klare Ansprache, konsequente Trainingsarbeit und notfalls auch unbequeme Maßnahmen seien unerlässlich: „Die Spieler müssen lernen, über den Punkt hinauszugehen.“
In dieser Frage erhält Polanski Rückendeckung von Villa. Der frühere Profi warnt vor vorschnellen Trainerentscheidungen: „Generell würde ich mir wünschen, dass Trainern gemeinsam mit ihrer Mannschaft etwas mehr Zeit gegeben wird und nicht in jeder kleinen Krise sofort die Reißleine gezogen wird und Personalentscheidungen zu vorschnellen Opfern werden.“
Krauss: „Es fehlen echte Typen“
Auch die wiederkehrenden Trainerdiskussionen ordnet Krauss ein. Wenn sie regelmäßig aufflammten, liege das nicht ausschließlich am Coach. „Es fehlen in Gladbach echte Typen, die auch einmal anecken. Aber die fehlen ja eigentlich überall. Mit Chorknaben gewinnt man nichts.“
Die Verantwortung dürfe zudem nicht auf einzelne Schultern verteilt werden. Rocco Reitz sei ein großes Talent, mutig und unbekümmert. Doch genau diese Unbekümmertheit leide, wenn zu viel Last auf jungen Spielern liege.
Abstiegsangst – und Resthoffnung
Ein möglicher Abstieg wäre für den Traditionsklub gravierend. „Sportlich und finanziell eine Katastrophe“, warnt Krauss. Die Fans würden bleiben, doch mit dem aktuellen Kader sei eine schnelle Rückkehr keineswegs garantiert.
Was ihn am meisten störe, sei das Fehlen elementarer Tugenden: „Rennen und kämpfen. Ein bisschen Fußballspielen reicht nicht. So würdest du in zig Jahren nicht wieder aufsteigen.“
Und dennoch bleibt ein Rest Zuversicht. „Ja“, sagt Krauss, „ich habe noch Hoffnung – dass wir in der Liga bleiben.“