Wenn in einer Karnevalshochburg wie Mainz an einem Rosenmontag schlechte Stimmung herrscht, dann muss wohl allerhand zusammengekommen sein. Beim FSV Mainz 05, damals ein eher unscheinbarer Zweitligist, war das vor 25 Jahren – am 26. Februar 2001 – der Fall.
Der Rosenmontag, der den deutschen Fußball veränderte
Ein Rosenmontag mit großen Folgen
Binnen eines Jahres hatte der ambitionierte Verein vier Trainer verschlissen, durchaus namhafte wie Wolfgang Frank und René Vandereycken waren darunter, und nach einem 1:3 in Fürth mussten sie auch Weltenbummler Eckhard Krautzun nach nur drei Monaten den Laufpass geben.
Denn nichts war besser geworden – Platz 17! Zwölf Spiele vor Schluss drohte der Abstieg und guter Rat war teuer, die Mannschaft galt als untrainierbar. Der ewige FSV-Manager Christian Heidel saß also am höchsten Mainzer Feiertag auf dem Sofa und blies Trübsal, blätterte dann im Kicker-Sonderheft auf der Suche nach dem nächsten Nothelfer und fand die Lösung, die sich als Glücksgriff für seinen Verein und im Nachklang für den deutschen Fußball erweisen sollte, doch ganz woanders.
Klopp-Entscheidung am Rosenmontag
Nach Rücksprache mit der Mannschaft beförderte er den in Fürth ausgewechselten Verteidiger Jürgen Klopp, 33 Jahre jung und im Besitz der A-Lizenz, zum Trainer. Zunächst nur als Interimslösung, Aschermittwoch stand schon das nächste Heimspiel gegen Duisburg an, am Samstag wartete Chemnitz. Für diese Spiele wollten sie es mit dem allseits beliebten „Kloppo“, der nach der Saison sowieso als Lernender in den Trainerstab hätte aufgenommen werden sollen, erst mal versuchen.
Heidel ließ sich das noch schnell von Präsident Harald Strutz genehmigen, in Mainz waren und sind die Dienstwege bekanntlich kurz. Kurz nach dem Ende des Rosenmontagszuges erreichte Heidel Strutz, der gerade noch in Gardeuniform in der Stadt feierte, während die Mannschaft schon ein Kurztrainingslager bezogen hatte. „Wir müssen gleich nach Bad Kreuznach ins Trainingslager fahren, ich habe eine Lösung gefunden. Wir machen Jürgen Klopp sofort zum Trainer“, sagte ihm Heidel.
Strutz antwortete: „Das ist gut. Ich ziehe mich schnell um, wir treffen uns dort.“ Dort wurde er Ohrenzeuge einer packenden Antrittsrede des Novizen. „Es fehlte nicht viel und ich hätte um ein paar Fußballschuhe gebeten, um mit aufs Feld rennen zu dürfen“, liest man in Strutz‘ Biographie über den Stimmungswandel beim „Karnevalsverein“.
Klopps Beförderung kam aus dem Nichts
So also begann eine Weltkarriere, die zunächst so mancher für einen Faschingsscherz hielt. Als der Verein am nächsten Tag, heute vor 25 Jahren, Krautzuns Entlassung auf einer Pressekonferenz bekanntgab, witzelten die Reporter noch: „Was macht denn der Kloppo da auf dem Podium?“ Mit seiner Beförderung hatte wirklich niemand gerechnet.
In der Mannschaft aber machte keiner Witze, Heidel hatte sich noch schnell den Rückhalt der Spieler geholt für die Entscheidung, einen der ihren zum Chef zu machen. Heidel beteuerte: „Er ist ein Junge mit Herz, voll akzeptiert, unumstritten.“
Ein Junge, der viel vom in Mainz vergötterten Wolfgang Frank gelernt hatte. Prompt stellte er wieder um auf das 4-4-2-System von Frank, mit dem sie 1997 fast aufgestiegen wären.
Plötzlich entschied Klopp über die Einsatzzeiten seiner Kumpels
Die andere große Umstellung war für Klopp etwas heikler. Plötzlich entschied er über Einsatz- und Punktprämien von Kumpels und Kollegen und war nun ihr Boss. Um keinen zu verprellen, ging er am Abend vor dem ersten Spiel von Zimmer zu Zimmer und erklärte jedem Spieler, warum er morgen spiele – oder auch nicht. „Das mache ich nie wieder“, nahm er sich hinterher vor, es war doch zu emotional für beide Seiten.
Doch Beschwerden über ihn gab es keine, vielmehr tonnenweise Lob. Eine der erfolgreichsten deutschen Trainerkarrieren startete rasant: 1:0 gegen Duisburg, 3:1 gegen Chemnitz hieß es während der „Probezeit“. Die von Spiel zu Spiel zahlreicher an den Bruchweg strömenden Fans feierten ihn und prompt wurde Klopp zum Cheftrainer bis Saisonende befördert.
Er atmete durch: „Ich bin froh, dass die fünf Tage vorbei sind. Wir hatten einen Riesenklotz vor der Brust, haben rund um die Uhr nur an die zwei Spiele gedacht.“ Nun wurden es noch ein paar mehr.
Erst im achten Spiel gab es eine Niederlage, am Saisonende hatte er in zwölf Spielen 21 Punkte geholt – das ergab Platz 14 in der Abschlusstabelle und Platz 4 in der „Klopp-Tabelle“ (ab Amtsantritt gerechnet).
Klopp spricht die Sprache der Spieler und trifft die richtigen Worte
„Er weiß, wie man erfolgreich spielt“, lobte Ex-Kollege Jürgen Kramny und Christian Hock ergänzte: „Er kennt uns seit Jahren, er spricht unsere Sprache.“
Und er traf die richtigen Worte. „Es darf kein anderes Team geben, das den größeren Willen hat als wir“, sagte Klopp in jenen ersten Wochen einer großen Trainerkarriere, die ihn nach je sieben Jahren in Mainz (Aufstieg) und Dortmund (zweimal Meister) nach Liverpool führte und im Gewinn der Champions League gipfelte. Was aus einem „Faschingsscherz“ doch entstehen kann …