Am Sonntag jährt sich ein Bundesligarekord zum 40. Mal. Ein Spieler verwandelte drei Elfmeter in einer Bundesligapartie. Es geschah im winterlichen Stuttgarter Neckarstadion, das noch keine Rasenheizung hatte. Es war ein eiskalter Tag und ein windiger noch dazu, wie sich der Mann in der Statistenrolle, Hannovers Torwart Jürgen Rynio, jüngst noch erinnerte. Die Hauptrolle nahm sein Bezwinger Michael Nushöhr ein, der zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere ins Rampenlicht rückte.
Vor 40 Jahren schaffte er etwas, was sonst keinem gelang
Sein Rekord hat bis heute Bestand
Doch der Reihe nach: Im Februar 1986 hatte der VfB Stuttgart ein Problem. Die Stars konnten keine Elfmeter mehr verwandeln. Die Nationalspieler Karl Allgöwer und Guido Buchwald sowie Jungstar Jürgen Klinsmann hatten bereits Fehlschüsse in der Kartei und so ließ Trainer Otto Baric den ganzen Kader antreten, um den neuen Elfmeterschützen zu küren. Nur die Genannten kamen nicht mehr infrage. Am Ende lagen nur noch Stürmer Predrag Pasic und Mittelfeldspieler Michael Nushöhr im Rennen – und der unscheinbare junge Mann mit dem schütteren Haar setzte sich durch.
Etwas Besonderes - in mehrfacher Hinsicht
Baric bestimmte den 23-jährigen Nushöhr zum Schützen Nummer eins. Obwohl er in der Bundesliga noch nie einen Elfmeter hatte schießen dürfen, es war ja erst seine erste Saison. Immerhin hatte er zwei Jahre zuvor für den 1. FC Saarbrücken in der 2. Liga vier Elfmeter versenkt und sich auch in verschiedenen Auswahlmannschaften am Kreidepunkt bewährt.
Schon bei nächster Gelegenheit durfte er nun sein Können auf der Bundesligabühne zeigen. Der VfB traf am 8. Februar auf Schlusslicht Hannover 96, nur 10.000 Zuschauer fanden damals den Weg ins Stadion. Wer kam, durfte etwas Besonderes erleben – in mehrfacher Hinsicht.
Das Spiel schaffte es in die Rekordbücher beider Klubs: nie gewann der VfB in der Bundesliga höher als 7:0 – und nie verlor Hannover 96 höher. Die eigentliche Sensation aber war der Hattrick des Michael Nushöhr. Der frisch gekürte Schütze vom Dienst schoss drei Tore per Elfmeter. Das ist bis heute ein Novum in der Bundesliga. Nushöhr brauchte 30 Minuten dafür. Leider lag zwischen dem 2:0, einem Handelfmeter (37.) und dem 3:0, einem Foulelfmeter (63.), der Pausenpfiff, weshalb es für Pedanten kein „echter“ Hattrick ist. Dennoch stand er nun im Fokus und fühlte sich dabei etwas unwohl, die Reporter jedenfalls feixten ob seiner nüchternen Aussagen.
Etwa, dass mit jedem Schuss, immer mit links, die Konzentration etwas nachgelassen habe und „ich beim dritten einfach nicht mehr wusste, wo ich hinschießen sollte.“ Jürgen Klinsmann wollte ihm vor der Ausführung des letzten Elfmeters aus der Verlegenheit helfen und selbst schießen, doch Karl Allgöwer intervenierte: „Er lachte und meinte: ‚Den hauste jetzt auch noch rein.’ Jürgen Klinsmann war ein wenig verärgert“, erzählte Nushöhr.
Was er nicht erzählte: dass der Wind den Ball vom Punkt fegen wollte, sodass er und Rynio mit den Schuhen eine kleine Kuhle ins Eis hacken mussten. Beim Anlaufen sei Nushöhr „teilweise ausgerutscht“, glaubte Rynio gesehen zu haben, „der war auch froh, dass die alle drin waren“.
Ein Rekord, der Hindernisse nehmen musste
Am Ende seines großen Tages verabschiedete sich der Mann, der aus der Bayern-Jugend kam und mal mit den Profis trainieren, aber nie spielen durfte, mit einem bescheidenen Wunsch: „Jetzt hoffe ich, dass mir auch mal ein Treffer aus dem Feld heraus gelingt – schließlich wird man ja an Toren gemessen.“ Doch auch sein viertes und letztes Bundesligator war ein Elfmeter. Nicht nur die Kulisse übrigens verdeutlicht, dass es ein Spiel aus einer ganz anderen Epoche war. Offenbar spielte es medial auch keine große Rolle, dass Nushöhr Geschichte geschrieben hatte.
Der Rekordhalter selbst bekannte jedenfalls noch 22 Jahre später, dass er erst im Jahr 2005 aus einer DSF-Sendung (Vorläufer von SPORT1), die Freunde von ihm sahen, erfahren habe „dass ich der Elfmeterrekordler bin“. Präsent war ihm das Ereignis aber noch gewesen. Der Zeitschrift 11 Freunde sagte er 2008: „Ich kann heute noch genau sehen, wie die Bälle geflogen sind. Es ist das Spiel, an das ich mich am liebsten erinnere.“
Was damals keiner recherchiert hatte: Am 8. Mai 1927 schoss der Spieler Zerbe von Kickers 1900 Berlin im Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft gegen den Duisburger Spielverein (5:4) sogar vier Elfmeter, drei waren drin.
Was damals keiner kommen sah: am 17. September 2024 verwandelte Harry Kane beim 9:2 gegen Dinamo Zagreb ebenfalls drei Elfmeter – in der Champions League. Kane auf Nushöhrs Spuren, welch ein Kompliment für den heute 63-Jährigen, stets bescheidenen VfB-Kicker. Unerreicht bleibt er trotzdem.
Seine Bilanz war schließlich perfekt und ist noch immer Bundesligarekord.